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Kinderfußball: Fair-Play ohne Schiris – ein Konzept auf Erfolgskurs

In der so genannten Fair-Play-Liga entscheiden die sieben- bis elfjährigen Kids selbst über das Einhalten der Regeln.
Erfinder Ralf Klohr ist überzeugt, dass das Fairplay-Konzept zukunftsweisend ist. Bilder: Ralf Klohr

Ein Spiel ohne Schiris, keine meckernden Eltern – und Trainer in einer gemeinsamen Coaching-Zone: Was wie eine Fabel anmutet, ist im deutschen Kinderfußball mancherorts schon Realität. In der so genannten Fair-Play-Liga entscheiden die sieben- bis elfjährigen Kids selbst über das Einhalten der Regeln. Erfinder Ralf Klohr ist überzeugt, dass das Konzept zukunftsweisend ist.

Alles begann mit einer Schlägerei: 2005 gerieten bei einem F-Jugend-Spiel im Fußballkreis Aachen die Eltern der jungen Fußballer aufgrund der Diskussion über eine Schiedsrichterentscheidung aneinander. Die Erwachsenen wurden an der Seitenlinie handgreiflich, das Spiel wurde abgebrochen. „Man hat sich vor den Augen der Kinder verhauen“, ist Ralf Klohr heute noch fassungslos. Der zweifache Vater war damals Jugendleiter beim SuS Herzogenrath im Nachbarort. Für ihn war klar: „Eine Schlägerei wegen eines Kinderfußball-Spiels – so geht es nicht weiter. Mich hat das wirklich bewegt. Ich bin daraufhin zu meinen Vereinskollegen gegangen und habe gesagt: Entweder, wir machen etwas – oder ich höre auf.“

Aufhören war für Klohr keine Option. Und so wurde er damals zum Erfinder. Heute, zehn Jahre später, gibt es die Fair-Play-Liga. Und in dieser Liga Spiele ohne Schiedsrichter, keine meckernden Eltern – und Trainer in einer gemeinsamen Coaching-Zone. Was zunächst wie eine nicht zu realisierende Traumvorstellung klingt, ist im deutschen Kinderfußball mancherorts also schon Realität. In der Fair-Play-Liga, die aktuell in die neue Saison startet, entscheiden die sieben- bis elfjährigen Kinder selbst über das Einhalten der Regeln. Das war die große Vision des Urhebers vor zehn Jahren.

Visionäre brauchen stets Beharrlichkeit und ‚Kondition’. Klohr hatte beides. Nach den alarmierenden Erlebnissen seinerzeit, begann er in den folgenden Monaten, das Grundkonzept der Fair-Play-Liga zu entwickeln. Nach einem halben Jahr hatte er die drei Regeln zusammen: Die Eltern halten Abstand zum Spielfeld, die Trainer teilen sich eine Coaching-Zone und die Kinder entscheiden über die Einhaltung der Regeln selbst. „Wir hatten viele Ideen, doch alle waren mit einem großen Aufwand verbunden. Das wollte ich nicht“, beschreibt Klohr. „Deshalb habe ich mir überlegt, lediglich kleine Stellschrauben zu drehen.“

Zwar erscheint die Entscheidung, keinen Schiedsrichter mehr einzusetzen, zunächst als äußerst abstrakt, doch Klohr glaubt: „Kinder brauchen keinen Schiedsrichter – eben, weil es noch Kinderfußball ohne komplizierte Regeln wie Abseits ist.“ Spielt ein Kind trotzdem absichtlich foul, sei es Aufgabe der Trainer, einzugreifen. „Kinder lernen Schiedsrichter nicht als Störfaktor oder Zielscheibe kennen, wie es sonst durch das Verhalten vieler Zuschauer gegenüber dem Unparteiischen passiert“, begründet Klohr die Regel. Der festgelegte Abstand der Eltern zum Spielfeld verhindere, dass sich diese mit Anweisungen einmischen; das Beschimpfen des Schiedsrichters sei zudem auch nicht mehr möglich. „Man muss die Kinder davor schützen, dass die Eltern die Contenance verlieren“, ist der Initiator der Fair-Play-Liga überzeugt.

Klohr ließ die drei Regeln im eigenen Verein und im Freundschaftsspiel mit einem Nachbarverein erproben und wandte sich nach dem begeisterten Feedback an den Fußballkreis Aachen. Die Verantwortlichen erkannten den Wert der Idee und im Frühjahr 2007 gingen die ersten zwei Sechserstaffeln an den Start: Die Fair-Play-Liga war endgültig geboren. In der kommenden Saison wurde das System fest installiert, über den Fußballverband Mittelrhein landete das Projekt schließlich beim DFB. „Sie haben mich eingeladen, die Fair-Play-Liga vor allen Jugendvorsitzenden des Landes vorzustellen“, freut sich Klohr noch heute. Seine Präsentation überzeugte, inzwischen ist die Fair-Play-Liga als Empfehlung einer kind-gerechten Spielform in der DFB-Jugendordnung verankert. „In jedem der ca. 350 Fußballkreise in Deutschland gibt es inzwischen zumindest ein Pilotprojekt“, berichtet Klohr stolz. Die flächendeckende Umsetzung soll bis 2018 vollzogen sein.

Dass seine Idee eine solche Erfolgsgeschichte wurde, überrascht Klohr: „Meine Intention war es, die Menschen für den richtigen Umgang miteinander im Kinderfußball zu sensibilisieren“, sagt der 52-Jährige. „Kinderfußball ist so eine großartige Sache und das darf ich als Erwachsener einfach nicht blockieren, indem ich meine Sicht der Dinge in den Kinderfußball hineintrage.“ Natürlich sei die Umsetzung nicht immer einfach: „Es gibt Eltern, denen der Abstand nicht passt. Aber sie müssen es akzeptieren, weil es eine Regel ist“, so Klohr. „Im Fußballkreis Aachen gibt es Eltern in der D-Jugend, die sagen: Hätten wir doch wieder die Fair-Play-Liga.“ Auf die Einhaltung des Abstandes achten der Platzwart, der Jugendvorstand oder auch die Trainer – das ist von Verein zu Verein unterschiedlich.

Dass die Fair-Play-Liga polarisiert und nicht nur Befürworter hat, weiß Klohr:  „Diskussionen gibt es immer. Die gab es vor der Fair-Play-Liga und die wird es auch hinterher geben.“ Doch der Erfinder bleibt entspannt. Auch angesichts der kritischen Haltung anderer Trainer, die durch das Fair-Play-Konzept den Leistungsgedanken gefährdet sehen: „Natürlich geht es auch in der Fair-Play-Liga ums Gewinnen, das ist der Antrieb. Aber ich muss die Kinder machen lassen, ihnen Freiräume geben. Wenn man die Fair-Play-Liga richtig praktiziert, kriegen wir bessere Fußballer, weil die Kinder sich frei entwickeln können.“

Quelle: Medienmannschaft