„Talententwicklung muss auf richtiger Wertevermittlung basieren“

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Wie entwickelt man Talente eigentlich gut? Welche Rolle spielt das soziale Umfeld? Und welchen Raum nimmt der Spaß am Sport bei der Talententwicklung ein?

Martin Weddemann hat an der Universität Paderborn angewandte Sportwissenschaften mit dem Schwerpunkt Gesundheit studiert. Als selbstständiger Consultant und Agent arbeitet er im Spezialgebiet Talent Development. Er ist zwar in der Welt des Fußballs zuhause, doch hat er auch schon häufig über den Tellerrand und in viele andere Disziplinen hineingeschaut. Sein Hauptaugenmerk: Junge Sportlerinnen und Sportler mit dem Potenzial und dem Ziel, es weit zu bringen. Seine Vorstellung davon, wie junge Talente betreut und begleitet werden sollten, ist daher nicht fußball-spezifisch, sondern beinhaltet viele allgemein gültige Ansätze.

Im Sport geht es zunehmend ums Geld. Nicht nur im Fußball werden große Summen umgesetzt. Wie entwickelt man in solch einem Umfeld überhaupt Talente? Gibt es eine Erfolgsformel für junge Talente?

Nein, pauschale Erfolgsformeln und -Rezepte gibt es leider nicht, da jede Karriere und deren Verlauf höchst individuell verläuft. Viele erfolgreiche Karrieren zeigen allerdings, dass man die Komponente Glück nicht unterschätzen sollte. Glück kann man nicht planen, aber man kann eine Menge dafür tun, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Seriöse Vorbereitung ist entscheidend, denn letztlich ist Glück oft nichts anderes als Bereitschaft, die auf Gelegenheit trifft. Man muss bereit und vorbereitet sein, wenn die Gelegenheit kommt. Ein gutes Umfeld kann definitiv helfen, diese Gelegenheiten zu antizipieren und rechtzeitig zu erkennen. Die Bereitschaft, diese Gelegenheit auch zu nutzen, hängt dann stark von der internalen Motivationslage des Talents ab, die wiederum auch stark vom direkten sozialen Umfeld geprägt und in der frühen Kindheit und Jugend maßgeblich entwickelt wird.

Welche Rolle spielt das direkte soziale Umfeld?

Das Umfeld kann – sportartunabhängig – die schwächste Stelle im System sein und zum limitierenden Faktor werden. Das reine Training der athletischen, technischen und taktischen Komponenten ist natürlich essentiell aber eben nicht alleine ausschlaggebend, ob es ein Talent nach ganz oben schafft. Es kommen immer noch weitere Faktoren wie das direkte sozio-kulturelle Umfeld, internale Motivation, gute Trainer und die richtige Einstellung des Athleten dazu, um im Hochleistungssektor Spitzenleistungen abrufen zu können.

Können Sie diese Faktoren näher erklären?

Ich betrachte ein Talent und sein direktes Umfeld immer aus einer sozialpsychologischen, einer pädagogischen und einer athletischen Perspektive, wobei die Entwicklung der letzteren viel von der Qualität der Trainer abhängt und weniger als die ersten beiden Perspektiven durch direkte Intervention beeinflusst werden kann. Daher werde ich hier ausführlich nur auf die ersten beiden Komponenten eingehen.

Dieser sozialpsychologisch-pädagogische Blickwinkel aber wird in der Öffentlichkeit und in den Medien so gut wie gar nicht thematisiert.

Die sozialpsychologische Perspektive, welche das soziokulturelle Umfeld des Talents miteinbezieht, als auch die pädagogische Perspektive, dessen Basis sich aus Kerntugenden wie Fleiß, Freundschaft, Loyalität, Lernwilligkeit und Spaß – also Liebe zum Spiel – speist, sind die Grundvoraussetzungen, um die richtige Haltung und die richtige Einstellung zum Spitzensport und somit für Training und Wettkampf zu entwickeln.

Was ist für ein Talent auf dem Weg zum Erfolg entscheidend?

Die für mich wichtigste Perspektive ist die sozialpsychologische. Denn das soziokulturelle Umfeld und die Aktivitäten abseits des Vereinslebens in Elternaus, Schule und direktem Umfeld nehmen sehr starken Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung und Motivation eines jungen Menschen. Hier ist vor allem ein stabiles Elternhaus, das Kerntugenden und ein Wertegerüst vorlebt und vermittelt, von größter Wichtigkeit. Ist dies nicht gegeben ist oftmals auch das beste Training nutzlos.

Können Sie bitte noch mehr auf diese Kerntugenden und das von Ihnen angesprochene Wertegerüst eingehen?

Ja, womit ich bei der pädagogischen Perspektive wäre. Hier wird die charakterliche Basis für einen Champion definiert. Ein herausragender Sportler ist noch lange kein herausragender Charakter, geschweige denn ein Champion und Vorbild. Es sollte aus meiner Sicht in Elternhaus, Schule und Verein früh viel Wert auf folgende charakterliche Eigenschaften und Tugenden gelegt werden: Ehrlichkeit, Loyalität, Fleiß, Respekt, Lernwilligkeit, Freundschaft und Zuverlässigkeit. Diese Grundwerte und Tugenden sind die Basis, neben einer natürlichen Aufmerksamkeit und Offenheit, um eigeninitiativ, selbstbewusst, selbstkontrolliert und entschlossen Entscheidungen treffen zu können. Diese Basis führt dazu, dass sich Talente realistische Ziele setzen und diese beharrlich und mit Geduld verfolgen und mit Eifer und Entschlossenheit hart an ihren Zielen arbeiten. Der Enthusiasmus für eine Sportart sollte ohne Druck ausgelebt werden können.

Ist der Spaß am Spiel nicht ohnehin ein ganz entscheidender Faktor?

Ja, klar. Ein elementarer. Ich sage jungen Talenten immer, dass sie sich die Liebe zum Spiel fest in ihrem Herzen einschließen sollen, denn daraus ziehen sie ihre gesamte internale Motivation: Die Motivation jeden Tag, in jedem Training auf eine ganz bestimmte Weise oder in einem bestimmten Detail besser werden zu wollen.

Mannschaftssport setzt voraus, ein Rollenverständnis im Team und Verein zu entwickeln, Teamspirit zu fühlen und auch vorzuleben. Zählen Sie diese Fähigkeiten auch zum Wertegerüst?


Ja. Und dieses Wertegerüst ist eine Grundvoraussetzung für eine sehr gute moralische, mentale und körperliche Verfassung, die dazu führt, dass technische und taktische Fertigkeiten im Training und im Spielmodus schnell und stressfrei erlernt werden können. Das wiederum führt zu Selbstsicherheit und Selbstvertrauen, um im Wettkampf unter Druck Topleistung abrufen zu können.

Welche Bedeutung hat dieses Erlenen von Werten und Grundtugenden für den Erfolg von Training?

Die Basis für die charakterliche Entwicklung und für Spitzenleistung wird in der Kindheit und der Jugend gelegt. Hier geht es viel um Zwischenmenschlichkeit und um Führung durch Achtung und Respekt. Es hilft unabhängig vom Umfeld natürlich enorm, wenn man ein herausragendes genetisches Potential mitbringt. Aber dies ist um ganz oben anzukommen bei Weitem nicht alles. Man wird als Bewegungstalent anfangs immer erste Erfolge feiern und oft auch besser und schneller als Mitspieler lernen, aber konstant über Jahre Spitzenleistung im absoluten Topsegment zu erbringen, ist ein Lernprozess und basiert auf einer stabilen und starken Persönlichkeit, auf einem Wertegerüst und starker internaler Motivation – und nicht nur auf genetischem Bewegungspotential.

Wie bewertest du den Faktor der Gene?


Ein Toptalent mit herausragendem genetischen Potential und parallel dazu einem herausragendem Charakter, das frühzeitig im richtigen Umfeld gefördert wird, wird von seinen Ausgangsvoraussetzungen immer dem Talent mit dem ‚nur‘ herausragenden Charakter überlegen sein. Aber ein Talent mit herausragendem Charakter wird immer dem genetisch hochveranlagten ‚Talent mit einer instabilen Persönlichkeit und dem defizitären Charakter überlegen sein.

Ein junges Talent ist etlichen Einflussfaktoren ausgesetzt, die auch unerkannt wirken: Anfangs wären da beispielsweise übermäßige Aufmerksamkeit und Wertschätzung, wenn ein Wechsel zu einem namhaften Verein stattfindet, auf der anderen Seite aber auch Missgunst und Neid. Hinzu kommen steigende Erwartungshaltungen, falsche Freunde überambitionierte Eltern. Später Geld und Medienwirksamkeit. Wie wichtig ist eine seriöse Beratung?

Äußerst wichtig. Die bisher geschilderten Komponenten können das Talent und sein direktes Umfeld selbst beeinflussen und zu großen Teilen steuern. Hier kommt dann auch ein seriöser und guter Berater mit ins Spiel, der das Geschäft bestens kennt und dem Talent und der Familie dabei hilft, ein stabiles Umfeld aufrecht zu erhalten, das neben dem Verein und der Schule dafür sorgt, die charakterliche Entwicklung in die richtige Richtung zu bewegen. Und nicht auch noch Druck ausübt. Es ist schon schwierig genug, in den jungen Jahren die Anforderungen von Schule und Leistungssport unter einen Hut zu bekommen. Zudem herrscht schon sehr früh starker Leistungs- und Selektionsdruck im Verein. Verstärkt wird dies durch die übermäßige Aufmerksamkeit, die einem jungen Talent von vielen Seiten zu Teil wird. Neue ‚Freunde‘ und dubiose ‚Berater‘ biedern sich früh an.

Ist auch die Pubertät ein Faktor?

Natürlich. Auch sie muss mit all ihren Höhen und Tiefen bewältigt werden. Die jungen Talente zahlen auf jeden Fall einen sehr hohen Preis für die Realisierung ihres Traums vom Spitzensportler. Im Grunde geben Sie ihre Kindheit und Jugend auf. Daher ist ein stabiles Umfeld, das Tugenden, Werte und Normen vermittelt und dem jungen Menschen als Ratgeber in schwierigen Situationen zur Seite steht, essentiell.

Interview: Frank Schneller (Medienmannschaft)