Verlängerung mit Fußballcoach Thomas Schaaf

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    „Viele Vereine leisten ihre tolle Jugendarbeit im Verborgenen – die muss man unterstützen“

    Es ist nicht ganz leicht, mit Thomas Schaaf überhaupt zu sprechen in diesen Tagen. Eine stressige Vorrunde ohne Pausen ist zu Ende gegangen, und bei Werder Bremen ist kaum etwas so gelaufen, wie Schaaf es sich noch im Sommer vorgestellt hat. Platz acht in der Bundesliga. Das ist viel zu wenig für die Bremer Ansprüche. Wenigstens das Ende des Fußballjahres 2008 mit Siegen gegen Inter Mailand und den VfL Wolfsburg hat die Stimmung an der Weser etwas aufgehellt. Doch die Hinrunde war turbulent und Kräfte zehrend. Da hilft es dem Cheftrainer von Werder, beim Skifahren in den Bergen ein paar Tage zu entspannen und nicht über den letzten Pfostenschuss und strittige Schiedsrichter-Entscheidungen zu sprechen, sondern über ein Thema, das ihm besonders am Herzen liegt: Talente. Ein Gespräch zwischen dem Werder-Coach und Frank Heike über den Nachwuchs, Trainer an der Basis und Korbball.

     

    Herr Schaaf, was zeichnet ein Talent ihrer Meinung nach aus?

    Es sind viele Dinge, die wichtig sind. Für den Fußball gilt natürlich: gute Technik und Schnelligkeit. Gute körperliche Voraussetzungen. Kopfballspiel, das muss er auch können. Technisch und auch taktisch sollte er schon ein Grundverständnis mitbringen. Und was sicher nicht schaden kann ist das, was wir als deutsche Tugenden beschreiben: läuferische Fähigkeiten und viel Willen.

     

    Ganz schön viel. Muss das ein, sagen wir, Zehnjähriger denn tatsächlich mitbringen, um vor ihrem kritischen Auge zu bestehen?

    Ach nein. Nicht bei einem Zehnjährigen. Da würde ich sagen, dass Schnelligkeit da sein muss und gewisse koordinative Dinge. Hier spielt Veranlagung eine große Rolle. Später kommt dann das Wachstum dazu. In jungen Jahren gibt es Sportler, die sind allein aufgrund ihrer Größenvorteile anfangs im Vorteil. Die sind dann sehr dominant wegen ihrer körperlichen Voraussetzungen. Das kann sich aber natürlich ändern mit dem Alter. Anders herum gibt es welche, die ihre überragenden technischen Fertigkeiten wegen körperlicher Nachteile nicht umsetzen können. Es ist aber etwas zuviel verlangt, dass alles bei einem Zehnjährigen schon zu sehen.

     

    Trauen Sie sich zu, in anderen Sportarten als Fußball Talente zu erkennen?

    Wenn jemand in der Leichtathletik, im Sprint etwa, eine unglaubliche Dynamik und Explosivität hat, würde mir das schon auffallen. Aber ich würde mit jetzt nicht beim Speerwerfen anmaßen zu sagen, da kann einer etwas.

     

    Und in den großen Sportspielen? Handball, Basketball?

    Da vielleicht schon eher. Wenn jemand sehr beweglich ist, eine kluge Spielauffassung hat und zudem noch individuell stark ist, also im Zweikampf oder Wurf, würde es mir schon auffallen. Da gibt es einfach Überschneidungen bei den Qualitäten im Fußball und anderen Ballspielen.

     

    Talentiert sein reicht nicht. Was sind die größten Hemmnisse auf dem Weg vom Talent zum Profi?

    Es können viele Dinge sein. Verletzungen können Karrieren beenden, bevor sie richtig beginnen. Im Wachstum können sich die Hebel verändern, man ist dann nicht mehr so geschmeidig. Aber auch eine fehlende oder fehlerhafte Einstellung kann ein großes Hindernis sein.

     

    Fällt ihnen noch mehr ein?

    Beruf, Freunde, Familie – alles kann überall hilfreich sein, aber auch Probleme bereiten.

     

    Sie gelten ja als Talentförderer der Bundesliga schlechthin, von Nelson Valdez und Martin Harnik bis Tim Borowski und Aaron Hunt reicht die Liste der Werder-Talente, die unter ihren Händen Nationalspieler wurden. Sind sie auch mal Kummerkasten-Onkel?

    Wir alle sind Ansprechpartner und wichtige Helfer. Ich natürlich auch. Schauen Sie, wir kriegen Achtzehnjährige, Zwanzigjährige, zum Teil aus dem Ausland. Da haben wir eine Riesenverantwortung. Einige machen eine Ausbildung, andere müssen zur Bundeswehr, machen Zivildienst – da gibt es eine Fülle von Entscheidungen, und wir müssen helfen. Wir sind ja auch Pädagogen.

     

    Ailton, Klose, Pizarro – große Namen haben unter ihnen den entscheidenden Sprung gemacht. Ist es ihr Talent, Spieler weiter zu entwickeln?

    Das weiß ich nicht. Ich versuche immer, den Spielern gegenüber ehrlich zu bleiben. Sicher gehört gerade bei den jüngeren Spielern eine gewisse Phantasie hinzu – dass man etwas sieht in einem Jungprofi, was vielleicht noch nicht da ist. Das man sagt: der könnte eine gute Entwicklung durchlaufen.

     

    Und was sind dann ihre Mittel, nur kurze Leine, lange Leine?

    Es gibt eine riesige Palette an Möglichkeiten für mich. Ganz wichtig ist die Psychologie. Man muss immer den einzelnen Spieler sehen. Man muss ein Gefühl haben, was man aus ihm machen kann. Ganz wichtig ist, dass man bei jedem einzelnen die für ihn entscheidenden individuellen Schwerpunkte in der Trainingsarbeit setzt.

     

    Haben Sie schon mal ein solches Talent gesehen, dass ihnen als Beobachter der Mund offen stand?

    Ganz so krass nicht. Aber es gibt viele, da bin ich begeistert von dem, was sie aufzeigen. Das ist schon toll. Was man manchmal in den DFB-Jugendlagern gesehen hat. Da denkt man beim einen oder anderen, der könnte ganz weit nach vorn kommen. Oder in Italien beim „Primavera“-Turnier in Viareggio. Da sind schon Spieler dabei, die für ihr Alter sehr weit sind.

     

    Wer war ihr größtes Talent bei Werder, ein Valdez, ein Borowski?

    Ach, das kann man schwer sagen. Man muss das individuell betrachten. Valdez ist bei uns durch eine gute Schule gegangen. Er hat viel auf die Hölzer bekommen. Das hat ihm geholfen – er ist ja immer wieder aufgestanden. Das haben dann auch die anderen anerkannt. Andere sind phlegmatischer, aber nicht weniger talentiert. Die ruhigeren Typen müssen aber irgendwann auch in Schwung kommen. Wir haben alles schon gehabt bei uns in Bremen.

     

    Und auch Enttäuschungen erlebt. Noch einmal: was sind die größten Hindernisse?

    Sicher, das habe ich schon oft gehabt. Bei vielen Talenten hatten wir große Hoffnungen. Manchmal fehlt der Wille, der Biss, ganz nach oben zu kommen. Andere haben sich ablenken lassen und dann einfach den Anschluss verpasst. Oder sie haben sich verzettelt, zu viel nebenbei gemacht. Es gibt verschiedene, die in jungen Jahren hoch gehandelt wurden, und es nicht geschafft haben. Manchmal liegt es auch an den falschen Beratern. Da sagt man dann hinterher: der hätte es schaffen können. 

     

    In den Sonntagsreden wird immer behauptet, die besten Trainer müssten in den Nachwuchs. Sie haben dort mal begonnen.

    Alle Voraussetzungen werden früh gelegt. An der Basis wird in den meisten Klubs hervorragende Arbeit geliefert, ohne dass es groß ans Tageslicht kommt oder in der Zeitung steht. Ich weiß, dass es dort Trainer gibt, die auch nur im Nachwuchsbereich funktionieren – so wie andere nur bei den Profis funktionieren. Ich frage auch immer mal wieder alte Weggefährten, die woanders kleinere Klubs trainieren, ob sie Tipps oder Hinweise von der Basis haben. Da kann ein Tipp sehr nützlich sein, wenn ich mal Informationen brauche. Jeder Bundesligist ist ja bemüht, bis runter zu den ganz Kleinen gut aufgestellt zu sein. Ich denke, das ist uns bei Werder ganz gut gelungen.

     

    Aber müssten die erfolgreichen Nachwuchsarbeiter nicht mehr gelobt, unterstützt und gefördert werden?

    Wenn ein Amateurverein hervorragende Nachwuchsarbeit leistet, muss ich ihn unterstützen. Ich glaube, es gibt in diese Richtung einige gute Projekte, auch vom Deutschen Fußball-Bund. Das Stützpunktkonzept mit ausgewählten Stützpunktvereinen geht ja in diese Richtung. Ich weiß aber auch, dass es viele Vereine in allen möglichen Sportarten gibt, die tolle Jugendarbeit leisten – aber es sieht keiner, weil die erste Mannschaft in einer unteren Liga spielt, und höchstens die Lokalzeitung berichtet. Solche Vereine muss man unterstützen.

     

    Hat ihre Tochter Valeska Talent? Sie ist mit ihrem Team von der SG Findorff ja 2007 deutsche Vizemeisterin im Korbball der unter Achtzehnjährigen geworden.

    (lacht, überlegt) Sie ist schon talentiert. Sie ist als Mannschaftsspielerin sehr erfolgreich in ihrer Sportart. Es ist kein Hochleistungssport, den sie betreibt. Sie trainiert ja nicht fünf- bis sechsmal die Woche. Alle arbeiten nebenbei oder kümmern sich um ihre Ausbildungen. Wichtig ist vor allem, dass sie überhaupt Sport treibt.