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Sport ist nicht nur Männersache

Welch eine Genugtuung - Ende der 90er Jahre darf Uta Pippig nach ihrem Sieg beim Boston-Marathon mit US-Präsident Clinton eine Ehrenrunde joggen, Boxweltmeisterin Regina Halmich wird vom Oberbürgermeister als Sportlerin des Jahres der Stadt Karlsruhe ausgezeichnet und die Fußball-Nationalmannschaft der Frauen rettet mit der Bronzemedaille in Sydney die Ehre der deutschen Spielsportarten. Gut 20 Jahre zuvor sah es noch ganz anders aus: eine Frau mogelt sich in den den Männern vorbehaltenen Boston-Marathon und wird mit Gewalt von der Strecke gerissen, über Fußballfrauen macht mann sich lustig und mein Einsatz als Mitglied des Bundesausschusses Frauen im Sport für die Öffnung bislang den Männern vorbehaltener Sportarten für Frauen begegnet immer wieder dem Totschlagsargument "Sie wollen doch wohl nicht, dass Frauen auch boxen dürfen?" Schade nur, dass die Kontrahenten von damals heute nicht mehr auszumachen sind und keiner zugibt, dass die Männer (durchaus assistiert von einigen Frauen) sich wieder einmal "geirrt" hatten.


Immerhin hatte mir als Jugendliche niemand verboten, 800 Meter zu laufen, da sollte ich zumindest dankbar sein. Stutzig machten mich allerdings die Zweifler, die meinten, 800 Meter seien eine viel zu harte Strecke für ein Mädchen - da bekäme frau doch muskulöse Waden.


Trotzig hängte ich 1971 eines der ersten Plakate der Trimm-Aktion in meinem Zimmer auf: "Sport ist nicht nur Männersache". Mädchen und Frauen waren als Zielgruppe entdeckt, allerdings dachten die Initiatoren dabei noch mehr an den Breitensport und traditionelle Frauensportarten. Führungsfunktionen waren mit Sicherheit nicht gemeint. Der damalige Präsident des Deutschen Turnerbundes verstieg sich sogar zu der Aussage, Frauen könnten im Verein gerne mithelfen - aber an den Vorstandstischen seien sie nicht notwendig.


Als ich im Mai 1976 mit 23 Jahren in den Bundesausschuss Frauensport gewählt wurde, war dies eine Überraschung. Da kam eine vom Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband, in den siebziger Jahren ein rotes Tuch für alle gestandenen Funktionärinnen und Funktionäre, zwar mit "Stallgeruch" als Leistungssportlerin - aber zugleich nur halb so alt wie die anderen Frauen in diesem Gremium. Somit war auch ein Generationenkonflikt angelegt, der mit einer Diskussion über die Wertigkeit des vom Niedersächsischen Frauenausschuss jährlich veranstalteten Grünkohlessens begann und in einer denkwürdigen Diskussion am Muttertag 1977 zwar nicht endete, jedoch zu einer gemeinsamen Verständigungsbasis führte: die Mütter in dem Ausschuss, die mir als Nichtmutter das Verständnis für ihr Leiden an dem Sitzungstermin absprechen wollten, akzeptierten schließlich, dass ich auch Tochter bin und somit ebenfalls am Muttertag anderes zu tun hätte als ausgerechnet Frauenpolitik zu betreiben.


Überhaupt das Wort Politik, die Machtfrage: sie wurde noch nicht einmal verschämt gestellt. "Gleichberechtigte Teilhabe der Frauen" - das schien schon eine forsche Forderung. Und für die Formulierung "Frauen sollen alle Sportarten, die sie wollen, betreiben können" musste ich mich rechtfertigen - ob ich denn Frauen zwingen wolle zu Stabhochsprung, Dreisprung oder gar Hammerwerfen? (Wie habe ich mich doch im Herbst 2000 über die Bronzemedaille von Kirsten Münchow im Hammerwurf gefreut!)


Was war eigentlich schwerer zu ertragen? Die väterlichen alten Männer, die Wohlwollen nur so lange angedeihen ließen, wie weibliches Wohlverhalten es ihnen opportun erscheinen ließ, oder die um sich schlagenden jungen Männer, die weibliche Konkurrenz wegen der damit verbundenen hohen Aufmerksamkeit als ausgesprochen störend empfanden? Doch es gab auch noch andere: offen für neue Entwicklungen im Verhältnis zwischen Männern und Frauen und bereit zum gemeinsamen Lernen. Und es gab Frauensolidarität, quer durch die Altersstufen, auf der Suche nach neuen Möglichkeiten des Frauseins in der Auseinandersetzung zwischen Frauenbiografien der unterschiedlichsten Jahrgänge.

 

Der Bundesausschuss Frauen im Sport - eine wichtige Station zum Lernen und zum Erfahren. Manches war auch schmerzlich, aber das sind dann die Erlebnisse, die besonders prägen und aus denen sich das meiste lernen lässt.


So bleibt bis heute die Verpflichtung, sich für die gleichberechtigte Teilhabe von Mädchen und Frauen im Sport einzusetzen, denn längst ist nicht alles erreicht. Zugleich gibt es die Gewissheit, dass die reine Frauenarbeit sowohl individuell als auch auf das Ganze bezogen immer nur eine vorübergehende Phase sein kann. Danach (oder parallel dazu) muss die Auseinandersetzung in der direkten Konkurrenz mit Männern wie Frauen gleichermaßen gesucht werden. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es einen weiblichen Weg gibt. Wie eng oder weit Weiblichkeit sein kann - beschränkt auf Kunstturnen, Eiskunstlaufen oder bis hin zu Fußball und Hammerwerfen -, das haben wir uns weder 1976 noch jetzt von den Männern sagen lassen. Das bestimmen wir Frauen für uns ganz alleine.

Zur Biographie

Sylvia Schenk, Juristin, Stadträtin bis 2001, Teilnehmerin an den Olympischen Spielen 1972, Mitglied im Bundesausschuss Frauensport von 1976 bis 1986, Mitglied im Bundesausschuss Recht, Steuern und Versicherungen  seit 1990 und Vorsitzende seit 1994, persönliches Mitglied im NOK, seit 2001 Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer

 

Mitglied im Bundesausschuss Frauensport von 1976 bis 1986

 
 

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