Im Sport mehr bewegen als sich selbst

16.12.2015

Im DOSB-Mentoring-Projekt erhalten neun ehemaligen Spitzensportlerinnen ein Jahr lang Unterstützung einer erfahrenen Mentorin oder eines erfahrenen Mentors. Im Interview kommen die Teams zu Wort.

Das Mentoring Team Patrizia Wittich (l.) und Petra Tzschoppe. Foto: DOSB

In puncto Karriereleiter-Know-how gibt es beim Mentoring selbst für Olympiasiegerinnen und Medaillen-Gewinnerinnen viel zu lernen. Der DOSB stellte in seinem Programm „Mit dem gemischten Doppel an die Spitze!“ neun ehemaligen Spitzensportlerinnen ein Jahr lang eine erfahrene Mentorin oder einen erfahrenen Mentor an die Seite, um sie für ehrenamtliche oder hauptberufliche Führungsaufgaben im organisierten Sport zu gewinnen. In unserer Interview-Serie lassen wir die neun Mentoring-Teams zu Wort kommen. Diesmal: Eiskunstläuferin Patrizia Wittich und Dr. Petra Tzschoppe, DOSB-Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung.

Frau Dr. Tzschoppe, warum engagieren Sie sich neben Ihrer Karriere als Sport-wissenschaftlerin ehrenamtlich im organisierten Sport?

DR. PETRA TZSCHOPPE: Dafür gibt es mehr als einen Grund. Von Kindesbeinen an bin ich sportlich aktiv. Später kam hinzu, dass ich mich in meiner beruflichen Tätigkeit als Sportsoziologin an der Universität Leipzig nicht nur theoretisch mit Sportentwicklungen beschäftigen wollte. Das Eingebundensein in den Sport sowohl über eigene Aktivität als auch über diverse Ehrenämter ermöglicht viele Einblicke, die nicht nur mir, sondern auch meinen Studierenden zugutekommen. Vor allem aber ist es die Möglichkeit, Dinge voran zu bringen und zu gestalten. Also kurz: Ich möchte im Sport mehr bewegen als mich selbst.

Apropos Bewegung: Wie hat sich Ihr Blick als Leistungsportlerin auf den organisierten Sport durch das Mentoring-Projekt verändert?

PATRIZIA WITTICH: Durch die Vielfalt der Tätigkeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist mir besonders deutlich geworden, welche große und inspirierende Bewegung wir im organisierten Sport haben. Wir alle wollen im Sport etwas bewegen und setzen uns mit großem Engagement ein. Wenn man diese Vielfalt wie im Mentoring-Projekt zusammen bringt und die Expertise jedes einzelnen nutzt, dann entwickeln sich ganz schnell neue Impulse und gemeinsame Projekte, die den Sport weiter voranbringen können.

Welche Argumente sprechen für ein ehrenamtliches Engagement im Sport?

TZSCHOPPE: Aus der Perspektive von Sportorganisationen spricht ihre Rolle in unserer Gesellschaft dafür. Sie leisten unglaublich viel für das Gemeinwohl, tragen etwa zur Gesundheitsförderung, zur sozialen Integration oder zur Vermittlung wichtiger Werte wie Fairness, gegenseitige Achtung oder Leistungsstreben bei. Und sie können dies alles eben nur mit Hilfe freiwillig Engagierter leisten. Aus der individuellen Perspektive mögen es dann ganz unterschiedliche Argumente sein. Was aber generell gilt: Ehrenamtliche Tätigkeit im Sport – sei es im Vorstand von Verein und Verband oder in einem befristeten Projekt – bietet viele Gelegenheiten, gemeinsam mit anderen Ziele zu verwirklichen. Das gute Gefühl, etwas für andere zu tun, wird ergänzt mit der Möglichkeit, Neues zu lernen, Erfahrungen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und sich auch ganz persönlich enorm weiter zu entwickeln.

Wie haben sich Ihre beruflichen Pläne im vergangenen Jahr entwickelt?

WITTICH: Die Teilnahme am Mentoring-Programm hat mich darin bekräftigt, meinen eigenen Weg selbstbewusst weiter zu gehen. Zudem hat mir die Begleitung durch die Seminare und meine Mentorin für die weiteren beruflichen Schritte mehr Klarheit gegeben. Den Austausch mit den Mentees und Mentorinnen empfand ich als sehr inspirierend.

Welche Erfahrungen Ihrer Mentorin haben Sie inspiriert?

WITTICH: Eine wichtige Erfahrung ist sicherlich, dass man sich von unvorhergesehenen Hindernissen nicht beeindrucken lässt und einen „Plan B“ bereit hat. Petra war schon in einigen beruflichen Situationen mit Herausforderungen konfrontiert, die sie sachlich gelöst und auch mal über Umwege zu einem positiven Ergebnis gebracht hat.

Welche Erfahrungen haben Sie als Mentorin gesammelt?

TZSCHOPPE: Dank des Mentoring-Programmes habe ich eine sehr interessierte, fragende, auch fordernde junge Frau kennengelernt. Patrizia ist außerordentlich ehrgeizig, wobei dies für eine erfolgreiche Leistungssportlerin wohl eher typisch als ungewöhnlich ist. Vielleicht kann man es als eine spannende Kombination aus „suchend und zielstrebig“ zusammenfassen.

Stimmt das?

WITTICH: Immer wieder neue Herausforderungen reizen mich, das stimmt. Das habe ich als ehemalige Leistungssportlerin einfach in mir.

Gab es Überraschungs-Momente?

TZSCHOPPE: Überrascht, besser vielleicht beindruckt und fasziniert hat mich, wie viele Optio-nen in der ja eigentlich relativ kurzen Zeit unseres gemeinsamen Weges für Patrizia bestanden und wie sie sich damit auseinandergesetzt hat. Überraschend waren freilich auch Veränderungen, die sich bei mir vollzogen haben. Am Beginn unserer Zusammenarbeit habe ich noch nicht einmal geahnt, dass ich wenige Monate später Vizepräsidentin des DOSB für Frauen und Gleichstellung sein würde. Und damit eben nicht nur Mentorin im Programm, sondern in der Verantwortung für das Programm. Auf jeden Fall war die Zusammenarbeit mit Patrizia – das war aber keine Überraschung – auch für mich persönlich sehr anregend und ein Gewinn.

Sollte jeder in seiner Karriere einmal Mentee und einmal Mentorin bzw. Mentor sein, um Erfahrungen erst zu sammeln und dann weiterzugeben?

TZSCHOPPE: Ich glaube nicht, dass jeder einmal in dieser oder jener Rolle direkt in ein Mentoring-Programm eingebunden sein sollte. Ich finde aber, jede sollte Situationen erleben, in denen sie von anderen Unterstützung erfährt, begleitet und gefördert wird, so dass sie die eigenen Möglichkeiten klarer erkennt und besser nutzen kann. Und andererseits wäre es wünschenswert, die eigenen Erfahrungen und Kontakte anderen zugänglich zu machen, damit diese vielleicht manches Ziel direkter und ohne verdrießende Irrwege erreichen können. Ich halte sehr viel von derartigen „informellen Mentoring-Projekten“.

Nicht alle haben ein entsprechendes Netzwerk – wem würden Sie eine Teilnah-me am offiziellen DOSB-Programm empfehlen?

TZSCHOPPE: Spitzensportlerinnen, die sich nach Karriereende in einer Übergangsphase be-finden in der sie nach Neuorientierung suchen, können davon sicherlich profitieren. Ebenso können Sportlerinnen, die nach dem Ausstieg aus dem Leistungssport bereits ein neues Ziel ins Auge gefasst haben, aber auf dem Weg dahin Unterstützung finden möchten, diese in unserem Mentoring-Programm finden.

Wo soll Ihre berufliche Reise nun mit Unterstützung des DOSB-Mentorings hingehen?

WITTICH: Hauptberuflich bin ich als Referentin im Geschäftsbereich Leistungssport des DOSB tätig. Neben meinem Job habe ich das Studium „Executive Master in Sports Organisation Management“ abgeschlossen. Während des Mentoring-Jahres haben wir Teilnehmenden uns gegenseitig unterstützt, unsere Ziele zu erreichen. Es war eine besondere Atmosphäre, fast nur mit Frauen zusammen zu arbeiten. Das Netzwerk, das wir in dieser Zeit geknüpft haben, werden wir sicherlich weiter ausbauen. Nun wird sich in der nächsten Zeit zeigen, wie ich die Erfahrun-gen aus dem Mentoring-Programm sowie meinen zusätzlichen Master-Abschluss nutzen, das Wissen einbringen und mich beruflich weiterentwickeln kann.

Weitere Informationen über das Programm finden Sie auf www.dosb.de/mentoring.

(Quelle: DOSB-Presse/Michaela Rose (www.MEDIA2MOVE.de))

 
 

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