BM Gröhe: „Dieses Projekt ist ein wichtiger Beitrag zur Integration“

19.01.2015

Das DOSB-Integrationsprojekt „Zugewandert und Geblieben“ (ZuG) geht in die zweite Halbzeit. Vereine und Teilnehmer entdecken einander mehr und mehr – Nachfolgeprojekte sind in der Planung.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (Quelle: Bundesregierung / Henning Schacht)

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (Quelle: Bundesregierung / Henning Schacht)

Am Anfang der Überlegungen stand eine ebenso simple wie berechtigte Frage: Wie kann es dem organisierten Sport gelingen, mehr ältere Frauen und Männer aus allen möglichen Ländern zum Vereinssport zu bringen? Der organisierte Sport bemüht sich seit mehr als 25 Jahren in ganz Deutschland, Menschen mit Migrationshintergrund zu integrieren. So zielte der DOSB 2008 mit dem Netzwerkprojekt „Bewegung und Gesundheit – mehr Migrantinnen in den Sport“ darauf ab, Mädchen und Frauen an einen gesunden Lebensstil heranzuführen. Im 2013 ins Leben gerufenen Projekt „Zugewandert und Geblieben (ZuG)“ geht es nun um die älteren Menschen aus beispielsweise der Türkei, Russland oder Vietnam. Es sind Frauen und Männer der ersten Zuwanderergeneration. Vielen von ihnen ist die deutsche Vereinskultur fremd. Dass Bewegung der Gesundheit nutzt, weiß auch nicht jeder. Hermann Gröhe (CDU), Bundesminister für Gesundheit, sagt: „Der Anteil älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte steigt. Trotzdem gehören sie zu den Gruppen, die am wenigsten durch Angebote der Gesundheitsförderung erreicht werden – gerade, wenn es um Bewegung und Sport geht.“

Der DOSB startete dieses vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geförderte Projekt im Juni 2013. Fünf Sport-Organisationen sind beteiligt: Der Deutsche Jugendkraft-Sportverband, der Deutsche Tischtennis-Bund, die Sportjugend im Landessportbund Brandenburg, der Landessportbund Nordrhein-Westfalen und der Landessportverband Schleswig-Holstein setzen das Projekt mit jeweils mindestens drei Vereinen vor Ort um. Sie arbeiten mit Migrantenorganisationen und lokalen Partnern wie der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zusammen, um gezielt über 60 Jahre alte Migrantinnen und Migranten anzusprechen, und entwickeln dann gemeinsam Sportangebote in den Vereinen. Von leichten Bewegungsspielen über Wassergymnastik, Tanz und Schach bis zu Walking und Tischtennis sind ganz unterschiedliche Sportarten enthalten. Die beteiligten Vereine erstrecken sich über die
gesamte Deutschlandkarte.
 
Das Projekt läuft bis Juli 2016 und wird mit 590.000 Euro aus Mitteln des BMG gefördert. Wissenschaftlich evaluiert wird es von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg.

Den Anfang einer Artikelreihe zum Projekt „ZuG“ macht ein Dreifachinterview mit den Initiatoren Ilse Ridder-Melchers, Ehrenmitglied des DOSB, Walter Schneeloch, DOSB-Vizepräsident für Breitensport und Sportentwicklung, sowie Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

„Der DOSB hat mit der finanziellen Unterstützung des BMG das Projekt „Zugewandert und Geblieben – Sport für Ältere aus aller Welt“ ins Leben gerufen. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Projekt?“

Hermann Gröhe: „Wir wollen mit dem Projekt gezielt Migrantinnen und Migranten ab 60 Jahren erreichen und für Bewegung und Sport begeistern. Körperliche Aktivität soll dabei ganz selbstverständlich in den Alltag integriert werden: Sie tut gut und steigert das Wohlbefinden. Deshalb fördern wir das Projekt seit 2013 mit 590.000 Euro. Wichtig ist, dass Verbände und Vereine – auch über die Projektteilnehmer hinaus – offen auf ältere Menschen mit Migrationshintergrund zu gehen. Dafür ist das Projekt ein wichtiger Schritt.“

Ilse Ridder-Melchers: „Wir wollen ihnen damit Sport und Bewegung als einen Teil  ihrer Lebens- und Freizeitgestaltung näher bringen. Ältere Menschen mit Migrationshintergrund sollen Sportvereine als Raum für gemeinsamen Sport und Austausch erfahren, als Raum für Gespräche und gemeinsames Erleben.“

„Nennen Sie doch bitte Gründe, warum sich ZuG gerade an ältere Migrantinnen und Migranten wendet.“

Hermann Gröhe: „Der Anteil der älteren Menschen mit Zuwanderungsgeschichte steigt, trotzdem gehören sie zu den Gruppen, die am wenigsten durch Angebote der Gesundheitsförderung erreicht werden – gerade wenn es um Bewegung und Sport geht. Dabei ist Sport nicht nur gut für die eigene Gesundheit, sondern verbindet auch. Man lernt neue Menschen kennen, kommt miteinander ins Gespräch, knüpft Kontakte. Insofern ist das Projekt auch ein wichtiger Beitrag zur Integration.“

Ilse Ridder-Melchers: „Wichtig ist, ihnen die Palette dessen vorzustellen, was der Sport alles leisten kann. Bislang liegen uns keine Studien vor, ob und wie ältere Migrantinnen und Migranten Sport im Verein treiben. Der Blick in die Vereine zeigt, dass sie  dort unterrepräsentiert sind. Dabei wird der Anteil der älteren Migrantinnen und Migranten von derzeit 1,8 Millionen auf etwa 2,8 Millionen bis 2030 steigen. Im Vorgängerprojekt „Bewegung und Gesundheit – mehr Migrantinnen in den Sport“ haben wir wichtige Anhaltspunkte gesammelt, wie wir junge Migrantinnen  erreichen und für gemeinsamen Sport und Bewegung  begeistern  können. Diese Ansätze erproben wir jetzt für die ältere  Migrantengeneration. Die größte Herausforderung ist es dabei,  ältere  Männer zu motivieren. Dies gilt übrigens auch für die hier geborenen älteren Männer. Zu ihren Motiven des Sportreibens liegen uns keine gesicherten Erkenntnisse vor.“

„Warum ist der organisierte Sport ein wichtiger Partner für das BMG in der Prävention und Gesundheitsförderung älterer Migrantinnen und Migranten?“

Hermann Gröhe: „Sportvereine erreichen mit ihren Angeboten sehr viele Menschen. Sie verfügen über eine hervorragende und flächendeckende Infrastruktur. Der DOSB ist deshalb ein wichtiger Partner für uns. Außerdem können wir auf gemeinsame Erfahrungen aus dem Nationalen Aktionsplan „IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“ zurückgreifen. Durch das erfolgreiche DOSB-Projekt „Bewegung und Gesundheit – mehr Migrantinnen in den Sport“ sind wertvolle Netzwerke entstanden, die helfen können, möglichst viele für das neue Projekt zu begeistern.“

„Sie erwähnten gerade lobend die Rolle der Sportvereine für die Bewegungsförderung. Stimmt es, dass sich dies auch im geplanten Präventionsgesetz niederschlagen soll?“

Hermann Gröhe: „Bewegung kommt heute bei vielen von uns zu kurz, obwohl Bewegung von zentraler Bedeutung für unsere Gesundheit ist. Viele Sportvereine bieten deshalb schon heute gesundheitsorientierte Angebote unter dem Siegel SPORT PRO GESUNDHEIT an, die überwiegend von den Krankenkassen unterstützt werden. Der DOSB und die Bundesärztekammer haben 2011 das „Rezept für Bewegung“ ins Leben gerufen. Das wollen wir mit dem Präventionsgesetz aufgreifen. Ärzte sollen ihre Patientinnen und Patienten in Zukunft gezielt beraten und mit einer Präventionsempfehlung im Sinne des „Rezepts für Bewegung“ zu mehr Bewegung ermuntern.“

„Das Projekt „Zugewandert und Geblieben“ geht in die zweite Hälfte seiner Laufzeit. Welche Zwischenergebnisse liegen Ihnen vor?“

Ilse Ridder-Melchers: „An dem Projekt beteiligen sich fünf Verbände mit jeweils mindestens drei Vereinen. Alle haben bislang verschiedene Angebote für ältere Migrantinnen und Migranten erstellt. Sehr beliebt bei den Frauen sind Schwimm- und Wassergymnastik-Kurse. Auch Nordic-Walking- und Walking-Angebote kommen gut an. Gern angenommen werden zudem „Rückengymnastik“, „Entspannung“ und allgemeine Ball- und Bewegungskurse. Der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) ist mit einer großen Herausforderung angetreten. Er will die Zielgruppe für sein qualitätsgesichertes Gesundheitssport-Angebot „Tischtennis“ gewinnen. Das mit dem Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT versehene Herz-Kreislauf-Training geht über das gewohnte Tischtennis-Spiel hinaus. Schon jetzt ist erkennbar, dass es für alle Verbände und ihre Vereine schwer ist, die älteren Männer zu erreichen. So will der LSV Schleswig-Holstein die älteren Migrantenüber eine bestehende Schach-Gruppe für Bewegungsangebote gewinnen, indem er ihnen eine „Sportreise“ durch die Vereinsangebote anbietet. Wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse.“

„Herr Schneeloch, Sie sind DOSB-Vizepräsident für Breitensport und Sportentwicklung. Die Themen ‚Integration‘ und ‚Gesundheitsförderung‘ sind Teil Ihrer Arbeit im organisierten Sport. Wie machen sich die beiden Themen in dem Projekt bemerkbar?“

Walter Schneeloch: „Allen, die Sport in Schule und Verein kennengelernt haben, sind die positiven Folgen von Bewegung für das Wohlbefinden und die Gesundheit bekannt. Für viele Zugewanderte über 60 Jahren gilt das aber nicht. Männer, die älter als 60 Jahre und in Deutschland geboren sind, stellen sich oft die gleiche Frage wie Zugewanderte: nämlich, was der Sport nach Jahren oft körperlicher Arbeit denn bringen soll. Daher brauchen wir geeignete Ansätze, um die Älteren, Migrantinnen und Migranten, für regelmäßiges Sporttreiben zu begeistern. Unterstützen kann hier das „Rezept für Bewegung“ sowie Erkenntnisse aus den Feldern „Integration durch Sport“ und „Sport der Älteren“ im DOSB. Durch „Zugewandert und Geblieben“ können wir prüfen, inwieweit Ansätze daraus auf ältere Migrantinnen und Migranten übertragbar sind. Wir wollen wissen, wie wir sie ansprechen müssen und für unser Projekt gewinnen können. Mit diesem Angebot wollen wir die Menschen dazu anhalten, ganz bewusst Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.“  

In loser Folge werden wir an dieser Stelle über die Projektarbeit der Verbände und Vereine berichten und Erfahrungs- und Erlebnisberichte von Übungsleitern und Teilnehmern einstreuen.

Weitere Informationen zum Projekt erhalten Sie bei Opens window for sending emailVerena Zschippang.

(Quelle: DOSB/Text: Frank Heike)