„Ich möchte anderen Flüchtlingen Mut machen“

21.03.2016

Die 18 Jahre alte syrische Schwimmerin Yusra Mardini tritt vor der Weltpresse in Berlin auf. Sie will in Rio im Team der Refugee Olympic Athletes (ROA) starten.

Yusra Mardini möchte in Rio im Team der Refugee Olympic Athletes starten. Foto: IOC/Hassenstein

Yusra Mardini ist gelassen und munter, als sie mit ihrem Trainer Sven Spannekrebs und ihrem Vater die Pressekonferenz im Coubertinsaal des Landessportbunds Berlin betritt. Unter Blitzlichtgewitter bahnt sie sich ihren Weg zur ersten Stuhlreihe, in der bereits wichtige Vertreter des olympischen Sports und Experten zum Thema Flüchtlinge und Sport Platz genommen haben: Michael Vesper (Vorstandvorsitzender des DOSB), Pere Miró (Direktor des Internationalen Olympischen Komitees für Olympic Solidarity und NOC Relations) und Klaus Böger (Präsident des Landessportbundes Berlin). Aber heute ist Yusra Mardini der Star.

Für die syrische Schwimmerin ist es nichts Neues, im Mittelpunkt zu stehen und vor anderen zu sprechen. Seit November begleiten sie Fernsehteams und Journalisten in Deutschland. Während ihrer Flucht auf dem Weg von Griechenland durch die Maisfelder der Balkan-Route fiel sie unter anderem dem Fotographen Hien Lam Duc auf, der einen Termin am anderen Ende der Welt ausfallen ließ, um die Pressekonferenz in Berlin zu besuchen. In Laos geboren, bereist er für seine Arbeit die ganze Welt. Sensationelle Bilder sind so während der Flucht Yusra Mardinis und ihrer Schwester Sarah Mardini entstanden, und über die Bilder hinaus eine Freundschaft. Auf einem Bild nach der Festnahme in Ungarn lacht sie. „Warum?“, wird sie dort von einem Polizisten gefragt. „Ich hatte nichts mehr zu verlieren“, habe sie gesagt, erzählt Yusra und ist auch noch heute sichtlich erleichtert.

106 Journalisten von mehr als 60 Medien aus der ganzen Welt haben sich zum Gespräch mit Yusra Mardini in Berlin angemeldet. In sieben Reihen mit jeweils elf Stühlen sind von Al Jazeera über CNN und BBC bis zum russischen und japanischen Fernsehen Plätze reserviert. Fast alle sind auch besetzt. Das internationale Interesse im Vorfeld war so enorm, dass Journalisten eigens dafür angereist sind, um über den Medienauflauf zu berichten.

Dramatische Flucht über das Meer

Wenn man die taffe Athletin reden hört, versteht man auch warum sich alle Welt für sie interessiert. Von Journalisten wird sie an diesem Freitag oft als „Goldschatz“ bezeichnet. Denn die 18-jährige trägt nicht nur eine enorme Geschichte mit sich. Sie ist eine richtige Persönlichkeit, die vor der Kamera mit einem Strahlen erzählt und ihre Zuhörer mit ihren Erlebnissen tief berührt.

Ihre Geschichte ist traurig, spannend und motivierend zugleich. Im letzten Sommer flohen Yusra und ihre Schwester Sarah Mardini aus Damaskus. Bei der dramatischen Flucht in einem Boot über das Mittelmeer, kamen sie in die Situation, das Boot mit mehr als 20 Flüchtlingen schwimmend über eine lange Distanz ziehen zu müssen. Hilfe hatten sie dabei nur noch von einem anderen Mädchen. Für die hübsche 18-jährige war es selbstverständlich: „Wir waren die einzigen, die schwimmen konnten. Wir mussten etwas unternehmen, das Boot füllte sich mit Wasser.“ Unter einem Schlucken fügt sie hinzu: „Seitdem hasse ich das offene Meer“.

Trotz allem: Zwischen den vier Männern im Anzug wirkt sie mit ihren weißen Sneakers und dunklen Röhrenjeans auf den Ledersesseln der Bühne wie ein ganz normales Mädchen in ihrem Alter. Selbstbewusst erzählt die ehemalige Schwimmerin des syrischen Nationalteams dann aber von ihren Zielen: „Ich will an den olympischen Spielen im Flüchtlingsteam ROA teilnehmen!“

ROA – das ist die eigene olympische Mannschaft mit Flüchtlings-Athleten (Refugee Olympic Athletes), die in Rio unter der Flagge mit den Olympischen Ringen antreten darf. So hat es IOC-Präsident Thomas Bach angekündigt. 43 Athleten hat das IOC ermittelt und fördert ihre Vorbereitung. Zwischen fünf und zehn dieser Sportler sollen dann tatsächlich bei den Spielen starten.

Acht Sekunden bis zur Qualifikationsnorm

Und dafür trainiert Yusra Mardini bei den Wasserfreunden Spandau hart. „Morgens um sieben frühstücke ich, dann geht es in die Schule. In den Freistunden trainiere ich, danach ist wieder Unterricht. Und nach der Schule geht es mit dem Training weiter“, so beschreibt sie ihren Tagesablauf professionell. Als ihre Lieblingsdisziplin nennt sie die 200 Meter Freistil, für die sich nicht nur Yusra gute Chancen ausrechnet.

„Yusra hat sich in den letzten fünf Monaten stark verbessert. Ich mache mir keine Gedanken wegen der acht Sekunden“, erklärt ihr Trainer Sven Spannekrebs stolz. Die acht Sekunden fehlen der Schwimmerin zur Qualifikationsnorm von 2:03 Minuten. „Mardinis Bestzeit über 200 Metern liegt bei 2:11 Minuten“, sagt Spannekrebs. Ihm ist es wichtig, Yusra auf lange Zeit zu fördern: „Wir arbeiten vor allem auf Tokio 2020 hin.“

Und Spannekrebs meint das sichtlich ernst. Mit seiner Hilfe trainiert die selbstbewusste Athletin nicht nur in Berlin, sie lebt im Vereinsheim der Wasserfreunde und besucht die hiesige Eliteschule des Sports. Mittlerweile sind auch ihre Eltern in der Hauptstadt angekommen. Als sie nach ihrer Nominierung für das Flüchtlingsteam gefragt wird, erscheint ihre Antwort edel: „Ich möchte, dass andere Flüchtlinge stolz auf mich sind, und ich will sie ermutigen“. Da hat sie prominente Unterstützung. IOC-Direktor Pere Miró mit dem fröhlichen Gesicht möchte eine klare Aussage in die Welt schicken: „Das Flüchtlingsproblem existiert, und wir müssen alle etwas tun“, sagt er. „Mit dem ROA können wir demonstrieren, dass der Sport Werte hat und vielen Menschen helfen“.

"Wir können nur noch gewinnen"

Auch die junge Yusra Mardini weiß genau, dass sie noch Größeres bewirken kann, als nur ihren Sport zu treiben. „Zuallererst möchte ich andere Menschen inspirieren. Wenn man im Leben ein Problem hat, dann darf man den Kopf nicht in den Sand stecken. Ich bin aufgrund von schlimmen Ereignissen hier, aber dies macht mich stärker, und ich möchte meine Ziele erreichen. Ich möchte anderen Menschen zeigen, dass sie alles erreichen können, wenn sie nur tief im Herzen daran glauben“, erzählt sie unter sichtlicher Bewunderung der anwesenden Journalisten.

Diese junge Frau, die floh, nachdem ihr Zuhause zerbombt worden war und sie scheinbar alles verlor, scheint ihren Mut und ihre Lebensfreude wohl ewig zu behalten. Für sie gilt, was sie damals dem ungarischen Polizisten sagte: „Wir sind fast im Meer ertrunken, jetzt haben wir nichts mehr zu verlieren. Wir können nur noch gewinnen!“

Nach fünf Interviewrunden mit jeweils zehn Journalisten ist ihr Auftritt in Berlin beendet. Yusra Mardini aus Damaskus lacht beim Verlassen des Raums das mediale Gedränge einfach weg. „Thank you! Nice to meet you guys!“, sagt sie immer wieder und verlässt sie den Raum genauso fröhlich, wie sie ihn schon betreten hat.

(Quelle: DOSB/Katharina Schuster)