„Integration ist immer ein mittel- und langfristiger Prozess“

25.02.2016

Prof. Sebastian Braun ist einer der renommiertesten deutschen Integrationsforscher im Hinblick auf Sport. Im Interview spricht er über Integration, Sport und Flüchtlinge.

Prof. Sebastian Braun ist Sportsoziologe und begleitet unter anderem das Programm "Integration durch Sport". Foto: LSB NRW

Der Sportsoziologe der Humboldt-Universität Berlin begleitete das Projekt „spin – sport interkulturell“ des Landessportbundes (LSB) Nordrhein-Westfalen und aktuell das DOSB-Bundesprogramm „Integration durch Sport“, das 1989 begründet wurde. Das Interview führte Theo Düttmann für die LSB-Zeitschrift „Wir im Sport“.

Wie sehen Sie das Programm „Integration durch Sport“?

PROF. SEBASTIAN BRAUN: Sportaktivitäten sind ein ausgesprochen attraktives Medium, das zum Mitmachen im öffentlichen Raum anregt. Kein anderes gesellschaftliches Handlungsfeld kann nur ansatzweise so viele Menschen zur aktiven Beteiligung und auch zu einem freiwilligen Engagement in der Zivilgesellschaft anregen wie der Sport. Die Sportvereine bilden dafür ein zentrales organisatorisches Unterfutter. Das Programm „Integration durch Sport“ baut auf diesem Fundament mit seinem bundesweiten System der Stützpunktvereine auf. Auf individueller Ebene entwickelt das Programm zielgruppenorientierte Arrangements, um Personen mit Migrations-hintergrund in die Sportvereine zu integrieren, die im Sportvereinswesen relativ zu ihrem Bevöl-kerungsanteil unterrepräsentiert sind.

Zudem wird über außersportliche Angebote in den Stützpunktvereinen wie zum Beispiel Hausaufgabenhilfen darauf hingearbeitet, die Integration in andere gesellschaftliche Kontexte wie die Schule produktiv zu begleiten. Um das Ziel einer Integration zum und durch Sport zu erreichen, berücksichtigt das Programm immer auch den Handlungskontext des Vereins. Es wird auch darauf abgezielt, die Vereinsstrukturen und Vereinskulturen durch interkulturelle Öffnungsprozesse weiterzuentwickeln und das Thema Integration als Querschnittsaufgabe in den Strukturen des Sportsystems zu verankern.

Befinden wir uns im Hinblick auf die Flüchtlinge noch in der „Frühzeit“ der Integration?

Der Begriff „Frühzeit“ ist missverständlich. Ich würde es eher als „Aufbruch mit Erfahrung“ charakterisieren. Soziale Integration ist tatsächlich immer ein mittel- und langfristiger Prozess. In Vereinsaufgaben und -ämter gelangt man selten von heute auf morgen, vertrauensvolle Kontakte und Freundschaften baut man nicht im Schnellverfahren auf, die nötigen Erfahrungen und Wissensbestände, um in einer Vereinsstruktur und vor allem auch -kultur verständig und erfolgreich zu handeln, erwirbt man nicht in einem Crash-Kurs, eine affektive Bindung an einen Verein entsteht nicht im Zeitraffer. All diese Formen der Sozialintegration bedürfen Zeit. Um dazu substanziell durch die Vereinsarbeit beizutragen, bedarf es also auch längerfristig angelegter Arrangements, die in der Vereinsstruktur implementiert und die von den Mitgliedern der Vereine gestützt und getragen werden müssen.

Welche Erfahrungen kann man aus „Integration durch Sport“ und „spin – sport interkulturell“ konkret nutzen?

Die Programme lassen erkennen, dass je nach gesellschaftlicher Herausforderung die Angebotsstrukturen auf Zielgruppen und deren Bedarfe angepasst werden können. Es scheint also naheliegend, dass man aus dem Zusammenspiel der zentralen Programm- bzw. Projektelemente Maßnahmen für geflüchtete Menschen sinnhaft konzipieren kann. Vorteilhaft ist, dass auf etablierte Strukturen und vielfältige Erfahrungen zurückgegriffen werden kann. Allerdings sollte man dabei auch im Blick haben, dass man mehr Informationen über die Zielgruppen benötigt, also z.B. Informationen über sozialstrukturelle und sozialkulturelle Hintergründe einschließ-lich der Sportbiografien und natürlich über deren Wünsche und Bedarfe, aber auch Bleibeperspektiven in Deutschland.

(Quelle: Zeitschrift „Wir im Sport“ des LSB Nordrhein-Westfalen/Theo Düttmann)