Kinder mit und ohne ADHS: „Bewegung als Spielplatz für den Alltag“

02.03.2016

Im Interview erklären die Psychologinnen Prof. Dr. Caterina Gawrilow und Petra Bugl, ob und wie Sport Kindern helfen kann, die unter ADHS leiden.

Eine Studie soll klären, ob Kindern mit ADHS durch Sport geholfen werden kann. Foto: picture-alliance

Aktuell erforschen die beiden Wissenschaftlerinnen im Fachbereich Schulpsychologie und der Graduiertenschule LEAD der Eberhard Karls Universität Tübingen, welche sportliche Betätigung Kindern am besten hilft, ihr Verhalten besser zu steuern. Dabei geht es um Alltagssituationen zu Hause und in der Schule, auch die Frage der Medikation beim Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) beschäftigt die Wissenschaftlerinnen. In einem Teilgebiet ihrer Doktorarbeit setzt sich Petra Bugl mit dem Thema: „Bewegung zur Förderung der Selbstregulation bei Kindern“ auseinander. Das Gespräch führte Yvonne Wagner.

Können Sie kurz zusammenfassen, was eigentlich unter ADHS zu verstehen ist?

PROF. CATERINA GAWRILOW: Die Kernsymptome des ADHS sind: Unaufmerksamkeit, also verträumt und unkonzentriert sein, außerdem Hyperaktivität, die sich in ständigem Herumzappeln äußert, und Impulsivität, verbunden mit einem aufbrausenden, ungestümen Verhalten. Meist treffen wir auf die Kombination aus allen drei Varianten. Es gibt aber auch Menschen, die vorwiegend verträumt oder vorwiegend hyperaktiv-impulsiv sind. Bei Menschen mit ADHS kommt eine anfangs geplante Aktion oder ein bestimmtes, gerade angemessenes Verhalten nicht zustande. Der Grund dafür ist, dass im Gehirn die Übergabe von Botenstoffen, die das gewünschte Verhalten ermöglichen würden, nicht gelingt. In etwa so, als wolle ein Staffelläufer seinem Vordermann mit aller Mühe die Staffel übergeben. Aber immer, wenn der andere den Stab gerade berührt, wird das Holz von einer unsichtbaren Kraft zurückgehalten. Der Kontakt ist zu kurz und deshalb kommt die Nachricht nur unvollständig an. Das Ergebnis passt dann nicht zu dem, was in der Situation angemessen wäre. Wir gehen davon aus, dass ADHS jeweils zur Hälfte angeboren ist und zur Hälfte durch Umweltfaktoren bedingt ist. Bevor ein ADHS diagnostiziert wird, sind aber sehr umfangreiche Untersuchungen nötig.

Beim Thema ADHS geht es meist weniger um Erwachsene, sondern eher um Kinder. Verwächst sich das Syndrom?

PROF. GAWRILOW: Nein, aber die Menschen lernen oft – je nach Ausprägung – damit zu leben und entwickeln Strategien, um mit sich und ihrem Umfeld klarzukommen. Bis sie das geschafft haben, ist den betroffenen Kindern ihr eigenes auffälliges Verhalten gar nicht bewusst. Auch nicht, wie ihr Benehmen auf andere wirkt. Die Konsequenz spüren sie aber sehr deutlich: Sie werden oft gemobbt und verhöhnt. Durch ihre leichte Reizbarkeit und ihre vermeintlichen Ausraster werden sie zu einem interessanten Objekt für andere Schüler. Wer im Gegensatz dazu eher zur vergesslichen oder verträumten Sorte gehört, vergisst mehr seine Sachen, verpasst in der Schule den Einsatz oder reagiert erst, wenn die anderen schon beim nächsten Punkt sind. Solche Kinder erleben dann, wie Schüler und Lehrer über sie lachen. Entweder gehen die Kids dann in Opposition, oder sie ziehen sich ganz zurück. Wenn Kinder mit ADHS nicht therapeutisch begleitet oder nötigenfalls medikamentös behandelt werden, ist ihr Schulerfolg gefährdet. Auch Studium oder Ausbildung brechen sie dann öfter ab als Menschen ohne ADHS. Andererseits sind Menschen mit ADHS aber auch sehr aktiv, kreativ, neugierig und an vielem interessiert. Bei den Untersuchungen mit betroffenen Kindern haben wir immer auch viel Spaß.

Können Sport und Bewegung dabei helfen, die Selbstregulation zu verbessern, was besonders den Kindern mit ADHS fehlt?

PETRA BUGL: Mit der richtigen Art von Bewegung lässt sich vieles verbessern und auch die Kognition trainieren. Die Bewegung wollen wir als Spielplatz für den Alltag nutzen, was ein Kind dort lernt, soll es in den Alltag mitnehmen. Doch was ist die richtige Art von Bewegung zur Verbesserung der Selbstregulation? Einige Studien weisen darauf hin, dass das Austoben dabei sehr wichtig ist. Außerdem spielt die Koordination eine wichtige Rolle: Koordinative Bewegungen sind besonders effektiv für die Selbstregulation. In unserer Studie „Bewegung mit Hase und Igel“ untersuchen wir Kinder, die nicht diagnostiziert sind, und teilen sie in drei Gruppen: Die eine Gruppe macht Bewegungsspiele, die anstrengend sind und zugleich koordiniert ausgeübt werden müssen. Zum Beispiel ein- und beidbeiniges Springen. Die andere macht eher langsame Bewegungsspiele, wie etwa Balancieren. Als Vergleich dazu dient zudem eine Gruppe ohne Bewegung. Am Ende schauen wir, wer Aufgaben am besten löst, die sich auf die Selbstregulation und die exekutiven Funktionen beziehen. Unsere Hypothese ist, dass eine Kombination aus Auspowern und Koordination die besten Effekte zeigt.

Selbstregulation, exekutive Funktionen – können Sie das erklären?

BUGL: Selbstregulation umschreibt die Fähigkeit, eigene Gefühle, Gedanken und Handlungen kontrollieren zu können. Sie ist Grundlage für ein gutes Miteinander von Kindern mit Gleichaltrigen und Erwachsenen, aber auch für den Erfolg in der Schule. Wir möchten untersuchen, ob und welche Bewegungsspiele Kinder kurzfristig dabei helfen können, ihre Selbstregulation zu verbessern. Unsere Studie bezieht sich deshalb auf 4- bis 7-Jährige. Wir hoffen, damit Erkenntnisse zu gewinnen, die im Alltag helfen können, selbst reguliert, also zielgerichtet, zu handeln. Selbst reguliertes Handeln wiederum ist auch sehr wichtig für den Schulalltag. Ein weiterer Schritt nach der ersten Studie wäre die Bewegungsspiele auch mit Kindern mit ADHS-Diagnose durchzuführen. Falls durch unsere Interventionen Kinder profitieren, die keine ADHS-Diagnose haben, wären wir sehr interessiert daran, die Wirkung bei betroffenen Kindern zu untersuchen.

PROF. GAWRILOW: Die exekutiven Funktionen beziehen sich auf das planende Handeln. Also beispielsweise den Zeichenblock herausholen, zeitgleich die Aufgabenstellung des Lehrers hören und umsetzen, aber währenddessen das Geschwätz der Mitschüler ignorieren. Solche grundlegenden Fertigkeiten gelingen nur, wenn das Frontalhirn normal arbeitet. Es liegt direkt hinter der Stirn und ist die Basis für alle bewusst ausgeführten und unterdrückten Handlungen. Wer unter ADHS leidet, dem fällt es sehr schwer, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Beim Planen und Handeln im Sport werden dieselben Hirnregionen wie beim Denken in der Schule beansprucht. Es ist wahrscheinlich, dass ein Training dieser Gehirnregionen auch die Lernleistungen steigern. Beim Sport gibt es jedoch viele Faktoren, die auf die Kinder Einfluss ausüben. Studien, die positive Effekte belegt haben, konnten bislang aber nicht beweisen, ob diese tatsächlich durch die Bewegung stattgefunden haben oder etwa durch die soziale Interaktion der Kinder. Das versuchen wir jetzt konkret herauszufinden.

Sind Kinder mit ADHS die besseren Sportler, weil sie beispielsweise risikobereiter sind als andere?

PROF. GAWRILOW: Der ADHS-Mischtyp kann vielleicht nicht gut mit der Papierschere Muster ausschneiden, aber grobmotorisch sind diese Kinder meist geschickt. Sie haben beim Sport viel Spaß. Ich glaube an der These, dass sie Sportler mit besonderem Potenzial sind, ist etwas dran. Die Kinder, die eher in ihrer eigenen verträumten Welt leben, können zumindest aufblühen. Denn der Sport verbessert die exekutiven Funktionen. Für diese Kinder heißt das: Raus aus der Traumwelt! Sie müssen fokussiert sein auf das, was vor ihnen liegt und aktive Reaktionen zei-gen. Im Sport ist diese Hürde sehr viel leichter zu schaffen als im Takt des Schulalltags. Sie können durch Sport aufblühen.

Kann Sport die ADHS-Symptome so verbessern, dass Kindern Medikamente erspart bleiben?

PROF. GAWRILOW: Mein Herz sagt ja, denn bei der Medikation bin ich oft skeptisch. Dennoch sind wir bei ADHS noch nicht so weit, das pauschal sagen zu können. Viele Betroffene brauchen die Medikamente einfach, um im Alltag klarzukommen. Sicher ist aber, dass Sport gegen Depressionen hilft und hier weniger Antidepressiva nötig sind, wenn die Kinder und Jugendlichen regelmäßig Sport treiben. Das bezieht sich dann aber eher auf die Kinder, die unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom leiden

Die beiden Psychologinnen suchen noch Teilnehmer für die Studie „Bewegung mit Hase und Igel – ein Projekt zur Förderung der Selbstregulation bei Kindern“. Eltern und deren Kinder, die im Alter von vier bis sieben Jahren sein sollten und die an der Studie teilnehmen möchten, können sich bei Diplom-Psychologin Petra Bugl oder Prof. Dr. Caterina Gawrilow melden (Tel.: 07071 29 75546, E-Mail: petra.bugl(at)uni-tuebingen.de).

(Quelle: DOSB-Presse, Ausgabe 9)


 
 

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