Was steht im Dritten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht?

16.03.2016

Im Sommer des vergangenen Jahres wurde der dritte Kinder- und Jugendsportbericht vorgestellt. In einer siebenteiligen Serie werden nun ausgewählte Ergebnisse vorgestellt. (Teil 6)

Die Idee des Mitternachtssports kommt aus den USA. Foto: picture-alliance

Der Kinder- und Jugendsport ist mehr denn je im Wandel. Das ist das wesentlichste Fazit des Dritten Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts, der im Sommer letzten Jahres in Essen in Anwesenheit von Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Alfons Hörmann, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) vorgestellt wurde. Das sechsköpfige Herausgeberteam mit dem Essener Sportpädagogen Prof. Werner Schmidt als Gesamtleiter hat dem aktuellen 640-seitigen Bericht demzufolge den treffenden Untertitel „Kinder- und Jugendsport im Wandel“ verliehen.

Damit wird auch das Anliegen verfolgt, das Alfons Hörmann in seiner Rede auf der 12. Mitgliederversammlung des DOSB am 5. Dezember 2015 in Hannover anmahnte, indem er dazu aufrief: „Lesen Sie und erarbeiten und analysieren Sie mit uns gemeinsam den aktuellen Kinder- und Jugendsportbericht.“ Unsere Serie soll die vollständige Lektüre des Berichtes zwar nicht vollends , sie kann aber gleichsam als Einladung dienen, dieses und jenes genauer nachzulesen, um den Wandel im Kinder- und Jugendsport noch besser zu verstehen. Der sechste Teil der Serie beschäftigt sich den Forschungsbeiträgen über „Internationale Perspektiven“ aus dem fünften und letzten Teil des Berichtes.

Ein solcher internationaler Zugang hat in den Deutschen Kinder- und Jugendsportberichten Tradition. Sie wird in Band drei fortgesetzt, aber auch ausgeweitet: Handelte es sich bisher jeweils um einen vergleichenden Überblicksbeitrag zu „Heranwachsende und ihr Sport in internationaler Perspektive“ (so lautete die Überschrift eines Beitrags im Ersten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht) sowie um „Bewegung, Spiel und Sport der Kinder im internationalen Vergleich“ (Überschrift des Beitrags im Zweiten), dann sind es jetzt sogar nominell gleich drei Länderberichte aus insgesamt vier Nationen (Niederlande und Großbritannien in einem sowie über Frankreich und Norwegen). Diesen Ländervergleichen ist ein länderübergreifender Beitrag von Gebken und Köttelwesch („Von anderen lernen“) als Einführung vorangestellt, der gleichsam das Motto betitelt, warum und mit welchem Interesse diese internationalen Perspektiven gesucht werden. Warum hierzu allerdings  zwei westliche Nachbarn und zwei Länder aus dem europäischen Norden ausgewählt wurden, darüber gibt es zumindest keine gesonderten Hinweise. Es könnte also auch daran liegen, dass hierzu Autorinnen und Autoren gewonnen werden konnten, die über Expertise im Kinder- und Jugendsport aus gerade diesen vier Ländern verfügen.

Der erste Beitrag ist fokussiert auf die Förderung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher. Es wird dabei in Rechnung gestellt, „dass der organisierte Sport in benachteiligten Stadtteilen durch die labilen Strukturen in den Vereinen und fehlende Übungsleiter/innen an seine Grenzen gekommen ist“ (S. 487). Aus diesem Grund präsentiert der Beitrag Ideen und Initiativen aus Deutschland und anderen Nationen, die außerhalb des organisierten Sports angesiedelt sind. Dies geschieht – getreu dem gewählten Motto – in der Absicht, daraus, also „von anderen zu lernen“ und solche Projekte womöglich anderen Orts neu zu initiieren. Diese Projekte betreffen den sozial-integrativen Mitternachtssport (u.a. aus den USA), offene Sportangebote für Kinder und Jugendliche am Wochenende (aus der Schweiz und Deutschland), das gemeinsame Fußballspielen in Friedensschulen (in Israel), spezielle Mädchen und Inklusionsangebote etc. All diese Projekte sind lokal „vor Ort“ entstanden, weil Menschen initiativ geworden sind, um anderen Partizipation im Sport zu ermöglichen.

Der zweite Beitrag bringt „Befunde und Interventionen“ (so ein Teil des Titels) aus den Niederlanden und aus Großbritannien, die dann teilweise mit vorliegenden deutschen Daten gespiegelt werden. Die Befunde betreffen u.a. „Veränderungen im Gesundheitsstatus, Sport- und Bewegungsverhalten“ (Kap. 23.2.1), die Nutzung digitaler Meiden, „die in der Addition eine 40-Stundenwoche ergeben“ (S. 510), und das Ernährungsverhalten, das „in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Bewegungsverhalten und dem Gewicht der Kinder steht“ (S. 512). Weitere Vergleiche beziehen sich u.a. auf den Schulsport, für den pauschal festgehalten wird, dass außerunterrichtliche Sportangebote im Zuge der Öffnung von Schule (inszeniert von Sportvereinen!) auf dem Vormarsch sind, während umgekehrt Tendenzen zu erkennen sind, den regulären Fachunterricht schrittweise auszudünnen.  

Der dritte Beitrag in diesem Teil beschäftigt sich mit „Frankreich: Ein Systemvergleich“ (so der Titel). Hier werden zunächst die Unterschiede im Bildungs- und Sportsystem herauspräpariert – Inklusion folgt hier etwa dem Grundsatz „une école pour tous“ (eine Schule für alle); die bei uns weitgehend unbekannten sog. Schulsportvereine spielen in Frankreich eine wichtige Rolle. Was die Beliebtheit der Sportarten französischer Kinder und Jugendlicher angeht, liegen bei den Mädchen Tanz, Schwimmen und Reiten, bei den Jungen Fußball, Schwimmen und Tischtennis/ Radfahren vorn. In Frankreich sind Bewegung und Sport im urbanen Raum seit etwa 20 Jahren so im Aufwind, „dass die Bedeutung des selbstorganisierten Sports in der jüngeren Generation das klassische Sporttreiben überflügelt hat“ (S. 540).

Der vierte und letzte Länderbericht betrifft „Norwegen: Kinderrechte des Sports“ (Überschrift). Dieser Bericht überzeugt weniger durch empirische Daten zum Kindersport in Norwegen, sondern wesentlich durch die ausführliche Darstellung der Wertzuschreibungen, die dem norwegischen Kindersport im sog. „Sport Manifesto“ zugrunde liegen. Der Vorstand des Norwegischen Sportbundes hat im Jahre 2007 „Kinderrechte des Sports“ verabschiedet, die nochmals in „Kindesportbestimmungen“ konkretisiert werden – an einer Stelle heißt es darin: „Wenn in einer Sportveranstaltung Preise ausgeteilt werden, sollen alle teilnehmenden Kinder die gleichen Preise erhalten“.  

Werner Schmidt, Nils Neuber, Thomas Rauschenbach, Hans Peter Brandl-Bredenbeck, Jessica Süßenbach & Christoph Breuer (Hrsg.): Dritter Deutscher Kinder- und Jugend-sportbericht. Kinder- und Jugendsport im Umbruch. Schorndorf 2015: Hofmann Verlag. 640 Seiten; 49,90 Euro.

(Quelle: DOSB/Prof. Detlef Kuhlmann)

 
 

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