Vesper und Ilgner zu Studie: „Müssen Athleten mehr unterstützen“

21.02.2013

Michael Vesper und Michael Ilgner haben nach Veröffentlichung der Spitzensportstudie angekündigt, verstärkte Anstrengungen zur Förderung der Dualen Karriere zu unternehmen.

Michael Vesper nahm am Donnerstag (21.2.2013) in Frankfurt Stellung zur Spitzensport-Studie, die die Stiftung Sporthilfe zuvor veröffentlicht hatte. Foto: DOSB

Die Spitzensportstudie, von der Stiftung Deutsche Sporthilfe am Mittwoch vorgestellt, hat Aufsehen erregt. Muss man sich um den deutschen Sport Sorgen machen? „Wir müssen sensibilisieren, wie die Realität ist, um mit den Herausforderungen der Förderung besser umgehen zu können“, erklärten DOSB-Generaldirektor Michael Vesper und Michael Ilgner, Vorstandsvorsitzender der Sporthilfe, in gemeinsamen Erklärungen an diesem Donnerstag in Frankfurt.

In der Studie, durchgeführt von der Deutschen Sporthochschule in Köln, wurden 1154 von der Sporthilfe geförderte deutsche Athleten befragt. Die Ergebnisse legen nahe, dass psychische Probleme, Dopingmissbrauch und Manipulationsversuche im deutschen Spitzensport eine Rolle spielen. 11,4 Prozent der Athleten gaben an, unter Burn-out zu leiden. Weniger als die Hälfte, genau 46,1 Prozent, beantworteten die Frage, ob sie unter der Krankheit leiden würden, mit „ehrlich nein“. Der Rest gab keine Antwort. 8,7 Prozent erklärten, schon an Absprachen über den Spiel- oder Wettkampfausgang beteiligt gewesen zu sein. 5,9 Prozent der Sportler gaben an, regelmäßig Dopingmittel einzunehmen.

„Die Studie zeigt vor allem, dass der Sport mitten in der Gesellschaft stattfindet“, sagte Vesper. „Dass die Sportler die gleichen Probleme und Sorgen haben wie Menschen um sie herum.“ Bei den drei Themen Burnout, Depressionen und Essstörungen lägen die Werte in der Bevölkerung für diese drei Bereiche zwischen 5 und 14 Prozent. Das Ergebnis bei den Sportlern, so Vesper, sei also ungefähr im Schnitt der Bevölkerung. „Der Unterschied ist nur, dass es im Sport sehr viel stärker wahrgenommen wird.“ Das sei aber auch eine Chance, da man dann diese Probleme nun angehen könne.

Die Studie liefere eindrucksvolle Zahlen, wie schwierig Sportler ihren Alltag empfinden, und wo eine gute Förderung ansetzen solle, ergänzte Ilgner. „Wir alle wollen Spitzenleistungen, wir wollen aber nicht Erfolg um jeden Preis“, sagte er. „Dafür muss man auch wissen, wo die Gefahren für den Sport und seine Werte liegen. Man darf das nicht skandalisieren und überspitzen, aber man muss sich der Diskussion auch stellen. Das versuchen wir mit der Studie. Wir wollen nicht nur eine Bestandsaufnahme machen, wie groß die Verfehlungen sind, sondern wollen vor allem verstehen, wo die Ursachen liegen und wo wir anknüpfen können.“

Zu den Ergebnissen bei der Frage nach der Beteiligung an Manipulationen sagte Vesper: „Natürlich ist jeder Regelverstoß, jeder Betrugsversuch, auf welchem Feld auch immer, einer zu viel. Aber es sind alles Menschen.“ Es werde getäuscht, es gebe auch Missbrauch, damit dürfe man sich nicht abfinden. „Das tun wir auch nicht“, sagte er. „Man muss nach den Ursachen suchen.“ Erfolgsdruck, der ja vor allem genannt werde, spürten nicht nur Sportler, „den spüren auch andere, die in ihrem Beruf stehen“, ergänzte der Generaldirektor. „Es ist sicherlich keine Lösung, auf den Erfolg als Ziel zu verzichten. Im Gegenteil: Man muss schauen, dass man dieses Ziel auch unter humanen Bedingungen anstreben kann.“ Deswegen seien die gemeinsamen Aktivitäten von DOSB und Sporthilfe für die Duale Karriere so wichtig: „Um Sportlern auch für die Zeit nach ihrer aktiven Karriere eine Perspektive zu bieten.“

Ilgner wies darauf hin, dass diese Frage der Studie auch solche Fälle einschließe, dass der Trainer beispielsweise sage: Wir versuchen, in diesem Spiel nicht zu gewinnen, weil wir dann im Überkreuzspiel den leichteren Gegner haben. „Das ist nicht zu bagatellisieren, das ist der Nährboden für spätere Verfehlungen“, sagte Ilgner. „Aber es ist nicht gleichzusetzen mit Wettbetrug. Auch das müssen wir erheben und darauf hinweisen, dass da schon das unfaire Verhalten und spätere schlimmere Verfehlungen anfangen“, sagte der Sporthilfe-Vorsitzende. „Aber man darf es nicht gleichsetzen mit kriminellen Machenschaften.“

Der Anteil der Athleten, die Doping einräumten, sei „zu hoch für den Anspruch, den wir haben“, sagte Vesper. „Es ist niedrig, wenn man die vorherrschende Vorurteile über Doping dagegenstellt.“ DOSB und Sporthilfe träten für eine Null-Toleranz-Politik gegen Doping und für eine effiziente Nationale Anti-Doping Agentur ein. Vesper rief die in der Studie genannten 5,9 Prozent Athleten auf, „sich der NADA oder den Vertrauensleuten zu offenbaren und Ross und Reiter zu nennen. Wir haben ein effizientes System, aber natürlich kann durch eine Offenbarung derer, die das ehrlich zugeben, noch einmal ein großer Fortschritt erzielt werden.“

Vesper und Ilgner kündigten Konsequenzen aus der Studie an. Beide erklärten, DOSB und Sporthilfe wollten noch bessere Bedingungen schaffen, die Sportlern nicht den Erfolgsdruck nehmen, die aber eine Perspektive böten für die Duale Karriere. „Es ist eine ganz wichtige Erkenntnis, dass wir diese Anstrengungen noch deutlich verstärken müssen“, sagte Vesper. Ilgner ergänzte: „Da müssen wir ansetzen: Dass wir den Athleten über die gesamte Karriere, beginnend schon im Jugendalter, Hilfestellung geben müssen, sie aber auch dafür sensibilisieren müssen, dass sie eine Perspektive neben dem Sport aufbauen.“

Deswegen hätten DOSB und Sporthilfe beispielsweise schon vor über einem Jahr festgelegt, dass Athleten, die neu in die Sporthilfeförderung kommen, im ersten Jahr ein verpflichtendes Gespräch mit dem Laufbahnberater durchführen müssen, um sie da schon dafür zu sensibilisieren, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Darüber hinaus wolle man noch mehr Kurzpraktika schon während der Laufbahn zur Verfügung zu stellen oder die Möglichkeit schaffen, sich bei Unternehmen vorstellen zu können. Auf diese Weise, so Ilgner, „können wir dazu beitragen, Existenzängste abzubauen. Den Erfolgsdruck können wir beide ihnen generell nicht nehmen, das wollen wir auch nicht.“ Vesper und Ilgner verwiesen im übrigen darauf, dass der größte Erfolgsdruck vom Athleten selbst ausgehe, weil er selbst gewinnen wolle. Man sei sich einig: „Wir müssen nur schauen, dass wir mit unserem Fördersystem diesen Erfolgsdruck nicht überverhältnismäßig forcieren, sondern es angemessen daran ausrichten.“

Gut an der Diskussion sei, sagte Vesper, dass sie den Menschen die Augen öffne, dass diese Spitzensportler, die Deutschland bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften verträten, eben nicht ökonomisch abgesichert seien wie Profifußballer oder ganz wenige, die in diesem Bereich herausragen. Vielmehr müssten sie in der Regel von 500 bis 600 Euro im Monat leben und sich gleichzeitig eine Existenz aufbauen. „Wenn die Studie dazu beitragen würde, dass diese Realität der Spitzensportler in das Bewusstsein der Leute gebracht wird, wäre das sehr gut“, so Vesper. „Es zeigt, dass wir die Athleten mehr unterstützen müssen.“

Wer den Erfolg fordere, müsse ihn auch fördern – „darauf wollen wir aufmerksam machen und es unterstützen“, schloss Ilgner. „Wir müssen sensibilisieren, wie die Realität ist, um mit den Herausforderungen besser umgehen zu können.“

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(Quelle: DOSB)

 
 

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