Wider das Vergessen

14.11.2015

In Memoriam Johann „Rukeli“ Trollmann: Sportdeutschland gedenkt am Volkstrauertag der Opfer von Verfolgung und Gewalt

Johann Trollmann, der große Boxer, der kein Deutscher Meister sein durfte. Foto: picture-alliance

Auch wenn er sich selbst wohl nicht für den „Größten aller Zeiten“ hielt, mag man sich an Muhammad Ali erinnert fühlen, wenn man sich mit der Geschichte von Johann „Rukeli“ Trollmann beschäftigt.

Denn dieser zeichnet sich wie jener durch ein besonderes Talent aus und mehr noch als das, durch eine außergewöhnliche Persönlichkeit. So sind sie beide  Figuren der Zeitgeschichte, die ein bewegendes Schicksal verbindet, das bemerkenswerte Gemeinsamkeiten, aber naturgemäß auch gravierende Unterschiede aufweist.

Und wie so oft, wenn wir historische Größe konstatieren, wird Selbige auch im Blick auf unsere Protagonisten gleichermaßen von „Aufstieg“ und von „Fall“ bestimmt. So schafften beide im Boxring den Sprung an die Spitze, und beide zahlten eben dafür einen hohen Preis: Während der Eine unter höchst menschenunwürdigen Umständen den Tod fand, ist das Leben des Anderen seit langem durch eine schwere Erkrankung geprägt.

Ein Gebot der Menschlichkeit

Gilt unser Augenmerk an dieser Stelle nun weniger Ali als Trollmann, ist dies dem gegebenen Anlass geschuldet. Seit langem nämlich pflegt der deutsche Sport die gute Tradition, im Zuge des Volkstrauertages auch und gerade jener Sportlerinnen und Sportler zu gedenken die, wie Rukeli Trollmann, ihr Leben aufgrund von Verfolgung und Gewalt verloren haben. 

Dieses Gedenken ist ein Gebot der Menschlichkeit und der Verantwortung, die sich keinesfalls im Hier und Jetzt erschöpft. Denn der Charakter einer „sportlichen Nation“ offenbart sich nicht nur in Grad und Art der Anteilnahme an großen Siegen, sondern auch und vielleicht mehr noch im Umgang mit schmerzlichen Niederlagen. So gewinnt der Sport seine gesellschaftliche Relevanz und seinen besonderen Wert aus einer Haltung, die es gebietet, auch und gerade jenen mit Respekt zu begegnen, die es nicht aufs Treppchen und in die Tagesschau geschafft haben. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um Menschen handelt, die weit mehr als einen Wettkampf, einen Titel oder eine Meisterschaft verloren haben.

Stil und Charakter

In diesem Sinne wären gerade hierzulande viele Namen zu nennen, doch vermag der Blick auf ein einzelnes persönliches Schicksal, stellvertretend für all die anderen, die wir bisweilen etwas lapidar als „Opfer“ bezeichnen, dem Anliegen vielleicht ein noch größeres Gewicht zu verleihen. So wollen wir dieses Mal an einen Boxer erinnern, der durch seine Klasse und seinen Stil die Menschen begeisterte und dessen Charakter ein denkwürdiges Beispiel für Mut und Aufrichtigkeit gibt. Auch heute noch oder vielleicht gerade jetzt!

Am 27. Dezember 1907 in Wilsche, Kreis Gifhorn, geboren,  ist Johann Wilhelm Trollman keineswegs ein sorgenfreies Leben, geschweige denn eine glänzende Karriere vorgezeichnet. Sein Vater, ein Schirmmacher und Straßengeiger, kann nicht lesen und schreiben, so dass die Geburtsurkunde des Jungen drei Kreuze verbriefen.

Seine drei Brüder und er bringen sich die schulischen Grundfertigkeiten selber bei, die Schwestern erlernen sie nicht. Schwierige Zeiten für die Familie, doch sie schlägt sich durch. Für Rukeli, so sein Spitzname, gilt das bald im wörtlichen Sinne. Er entdeckt seine Leidenschaft fürs Boxen, trainiert und hat Erfolg. Nicht nur seine Schlagfertigkeit findet Anerkennung, vor allem begeistern Schnelligkeit und Eleganz seiner Bewegung. Und auch an Selbstvertrauen mangelt es ihm nicht. Den Ring betritt er nicht gebückt durch die Seile, sondern durch einen lockeren Sprung über die Selben.

Als er mit 26 Jahren Deutscher Meister im Halbschwergewicht wir, hätte sich in anderen Zeiten eine Tür zu weiteren Meriten und Moneten geöffnet. Doch im Juni 1933 sind die Nazis seit einigen Monaten dabei, mit brutaler Gewalt das Land den abstrusen Vorstellungen ihres selbsternannten „Führers“ anzupassen. Und auch wenn Hitler ein gewisses Faible fürs Boxen unterstellt werden kann, darf Trollmann nicht sein, was er ist - ein grandioser Athlet, ein Meister seines Faches und erst recht nicht „deutscher“ Meister.

Nach nur wenigen Tagen wird ihm sein redlich verdienter Titel aberkannt, weil er ihn, so die unverständliche Begründung, auf „undeutsche“ Weise errungen habe. Der eigentliche Grund für die Disqualifikation aber ist: Rukeli Trollman ist Sinto.

„Leg dich, Zigeuner!“

„Leg dich, Zigeuner, sonst verhaften wir dich“, skandieren die Nazis im Publikum bei seinen weiteren Kämpfen, die er bis zum Frühjahr 1934 bestreitet, damit seine untelegenen, aber arischen Gegner Hitlers rassistische Ideologie unter Beweis zu stellen vermögen. Zunächst widersetzt er sich dem Psycho-Terror, provoziert sogar mit hell gefärbten Haaren und mit Mehl gepuderter Haut, bevor er die Kraft zum Widerstand verliert.

Ernsthaft boxen kann er nicht mehr und er darf es auch nicht, nachdem seine Lizenz einkassiert wurde. Jahre später wird er noch einmal zum Kämpfen gezwungen – in der letzten Arena seines Lebens.

Es ist das Konzentrationslager Neuengamme, in das er 1942 verschleppt worden ist und wo ein anderer Großer des Sports, der legendäre Mittelstürmer des Hamburger SV und Nationalspieler Otto „Tull“ Harder, zum Wachpersonal zählt.

Zur allgemeinen Gaudi muss sich Häftling 9841 wieder schlagen und schlagen lassen, letzteres dann, wenn seine Gegner nicht Mitgefangene sind. Als sich Trollmann, inzwischen ins Lager Wittenberge verlegt, in einem Kampf mit einem Kapo doch einmal vergisst, lässt der Geschlagene seiner Wut freien Lauf. Mit einem Knüppel erschlägt er die Demütigung und denjenigen, der sie ihm zugefügt hat.

Der große Boxer Johann Rukeli Trollmann, im Juni 1933 für einige Tage Deutscher Meister im Halbschwergewicht, stirbt als geschundenes Leichtgewicht im April 1944 in Folge von Hass und Verblendung. Er hinterlässt eine Tochter, Rita Edith, gerade neun Jahre alt. Sein Mörder wird für seine Tat nie zur Rechenschaft gezogen.

Wider das Vergessen

Umso mehr bleibt die Verpflichtung, dem Vergessen entgegen zu wirken. Im Deutschen Sport & Olympia Museum ist der Meisterschaftsgürtel zu sehen, der Mitgliedern der Familie im Dezember 2003 überreicht wurde, nachdem Rukeli endlich, nach 70 Jahren, in die offizielle Liste der Deutschen Meister aufgenommen worden war. Dort wird auch regelmäßig ein Theaterstück aufgeführt, das gerade jungen Menschen die Geschichte des „Zigeunerboxers“ auf eindrucksvolle Weise näherbringt. Auch zwei Monographien sowie ein Dokumentarfilm sind verfügbar. Und in Hannover, wo Trollmann gelebt und seine größten Erfolge gefeiert hat, ist eine Straße nach ihm benannt.

Ein aktives Erinnern kann Menschen zugefügtes Leid nicht relativieren, doch es mag helfen, neue Schuld zu vermeiden. Wenn wir uns also in Memoriam Johann Rukeli Trollmann verneigen und dabei auch alle anderen einschließen, denen in der Vergangenheit das Recht auf Leben und Glück durch Verfolgung und Gewalt genommen wurde, dann sollte uns dies die Augen und das Herz für jene Menschen öffnen, die heute verfolgt und bedroht sind. Sie brauchen hier und heute unseren Respekt und unsere Hilfe – und dies viel mehr, als unsere Verneigung am nächsten Volkstrauertag.

(Quelle: Andreas Höfer, Direktor Deutsches Sport & Olympiamuseum)


 
 

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