Bilanz und Blick nach vorn

20.12.2017

Auf der DOSB-Mitgliederversammlung wurde beschlossen ein Arbeitsprogramm zum Sport 2028 zu formulieren. Autor Hans-Jürgen Schulke sieht den Sport schon in den kommenden Jahren vor neuen Herausforderungen.

Die Mitgliederversammlung des DOSB in Koblenz. Foto: DOSB/Jan Haas

Das kalendarische Ende eines Jahres bietet Möglichkeit zur Bilanz des Vergangenen wie Ausblick in die Zukunft. Im Bild des Sports gesprochen: Im Ziel des sportlichen Wettkampfs spürt man schon den nächsten Start. Der organisierte Sport in Deutschland hat traditionell seine Mitgliederversammlung in den letzten Monat des Jahres gelegt. In zahlreichen Gremien und Gesprächen wird das Jahr gewertet, im Plenum zusammengefasst und Zukunft beschlossen.

Es war bei mancherlei Auf und Ab kein schlechtes Jahr für den DOSB. Die Mitgliederzahl in den Vereinen bleibt auf unangefochten hohem Niveau, der Haushalt zeigt trotz Neubau der Frankfurter Zentrale ein Plus, die neue Vorstandsvorsitzende ist bestellt. Mit der Initiative, den Vereinssport als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen, wird die einzigartige Grundlage des Dachverbandes politisch in den Mittelpunkt gerückt: die lebendige Demokratie seiner über 90 000 Vereine, die für Alles und Jeden offen sind. Im Spitzensport erfreuten viele Erfolge, die duale Förderung gewinnt an Diskussion und Fahrt, systemische Dopingskandale blieben aus. Das höchst ambitionierte und umkämpfte Projekt „Spitzensportreform“ muss sich dem Schneckentempo der Koalitionsk(r)ämpfe und dem folgend der Neuordnung der Ministerien anpassen. Der Geduldsfaden bleibt gespannt.

Kurz vor der Gesamtbilanz geriet ein neues Thema in die Gremien. Ende November gründete sich der E-Sport Bund Deutschland (ESBD) erneut und meldete Interesse an Kooperationsgesprächen mit dem DOSB. Er tat das mit noch wenigen Mitgliedern, doch wird er von einer wachsenden Dynamik des virtuellen Sports insbesondere bei jüngeren Jahrgängen gestärkt (er hat weltweit wohl mehr aktive Gamer als die analogen Fußwerker der FIFA), von dort mittlerweile generierten Milliardenbeträgen (zunehmend auf Kosten des Spitzensports im Sponsorenbereich) aufgewertet und bekommt politischen Rückenwind aus allen Lagern (die Bundekanzlerin adelte ihn bei der Gamescom-Messe 2017 als „Kulturgut“). Erkennbar hat der Novize Interesse an Fördermitteln und Steuerprivilegien.

Der DOSB begrüßte umgehend die neue Organisation und signalisierte Bereitschaft zum Gespräch. Bislang war das nicht nur schwierig, weil Verbindungen und Übergänge zwischen leibhaftiger Bewegungslust und digitaler Leidenschaft nicht sofort erkennbar sind. Strukturell gibt es bis auf Ligen- und Turniersysteme kaum Gemeinsamkeiten. Die in fluiden Clans gesammelten Kleingruppen mäandern zwischen rund 200 Spielformen von zerstörungswütigen Baller- über hilfreichen Lern- bis kultivierenden Farmspielen, es herrscht ein sympathisch-anarchisches Gemisch von professionellen Gamern und fröhlichen Fans ergänzt um Event- und Berateragenturen, Spiele-Produzenten, Designerstudios und globalen Medienkonzernen in Goldgräbermentalität. Nur ein kleiner Bruchteil der Games bildet sportartspezifische Spiele wie Fußball, Tennis, Basketball oder Segeln ab. Vor allem das erstaunlich realitätsnahe FIFA 18 findet größere Resonanz.

Dennoch ist der Kontakt zwischen traditionellem Sport und innovativer Gamingszene wichtig. Für den Vereinssport bleiben die „digital natives“ und „millenials“ als Zukunftspotenzial ansprechbar, auf virtuellen Sportgames kann man taktisches Geschick, Regelkenntnis und Motivation fördern, das Erlebnis intensiver Gemeinsamkeit ist beiden Szenen eigen. Schon jetzt changiert ein großer Teil der jugendlichen Fußballer zwischen Kunstrasen und Konsole. Und die Gaming-Szene profitiert von der 150jährigen Erfahrung des Sports in Wettkampforganisation, Rechtsfragen und Eventmanagement. Das ist auch die Position des IOC, das in Pyeongchang zusammen mit Prozessorhersteller Intel und der Electronic Sports League (ESL) auf dem Olympic Channel erst-mals die „Intel Extreme Masters P“ mit dem Game „Steep Road to  the Olympics“ von Ubisoft präsentieren will.

Insofern macht es Sinn, dass mit der Mitgliederversammlung 2017 eine Arbeitsgruppe eingerichtet wird, die schrittweise die Problemlagen eruieren und Kooperationspotenziale sondieren soll. Als zentrale Frage steht im Hintergrund, ob virtueller Sport Inhalt des ubiquitären Vereins-sports  mit seinen anerkannten pädagogischen, sozialen und gesundheitlichen Wohltaten sein kann und muss. Sind Vereine statt Mitläufer oder Verlierer vielleicht angesichts der raschen Digitalisierung aller Lebensbereiche mit atemraubenden technologischen Fortschritten und anony-men Anforderungen das gefragte somatisch-soziale Refugium zunehmend fremdbestimmter Menschen? Oder müssen die Vereine die wachsende Nachfrage permanenter Selbstbeobachtung auf mobilen Endgeräten durch Wearables und Bodycomps beim Fitnesstraining, der Erweiterung der Wahrnehmung (augmented reality) durch 3D-Rezeptoren im Zuschauersport, der Robotisierung vieler Dienst- und Wettkampfleistungen durch künstliche Intelligenz (KI) mitmachen? Viele Vereine sind bereits unterwegs. Und schon jetzt kann kein Schachspieler die besten Computerprogramme schlagen.

Das macht deutlich, dass die zentrale Zukunftsfrage nicht E-Sport ist; eher ist er ein Sonderbereich. Die neue Qualität der Digitalisierung – bewirkt durch immer differenziertere Sensoren, komplexere Datenmengen, höhere Sendegeschwindigkeiten auf Breitbandautobahnen, enorme Speicherkapazitäten, anspruchsvollere Lösungsalgorithmen, sich selbst steuernde Roboter – wird alle Bereiche des Sports erfassen. Wie der Arbeitswelt, beim Transport, der Medizin, der Landwirtschaft, beim Haus- und Autobau. Löst der invasive Bio-Chip künftig das Dopingproblem?

Insofern passt der der Beschluss der DOSB-Mitgliederversammlung, bis Dezember 2018 ein Arbeitsprogramm bis zum Sport im Jahr 2028 zu formulieren –  das erste seiner Art für den DOSB. In zehn Jahren wird die Welt weit virtueller sein. Der Prozess wird im kommenden Jahr von mindestens acht Kongressen der Sportverbände, Hochschulen und Großvereine begleitet – die Sportorganisationen stellen sich weiter der digitalen Zukunft. Ihre in 200 Jahren gewachsenen und bewährten Werte sollten sie dabei nicht aus den Augen lassen. Denn die Zukunft wird mit Fakes, gläsernem Menschen, beherrschenden Internetgiganten nicht nur schön sein.

Tokio 2020 will mit großem Ehrgeiz der Welt die Möglichkeiten des digitalen Sports vorstellen – schon immer waren Olympische Spiele und Fußball-WM Treiber für kommunikationstechnologische Innovationen. Konkret wird an menschenähnlichen Robotern gearbeitet, die Geräte transportieren, Leistungen messen, Sprachen übersetzen und touristische Auskünfte geben. Schließlich gibt es in Japan schon seit vielen Jahren die Weltmeisterschaften im fußballähnlichen Robocup. Wer das für abwegig hält, kann schon ab nächsten Monat auf dem Tokioter Flughafen die freundlichen Robots auf die Probe stellen. Oder beim nächsten DOSB-Bundestag, wenn sie auskunftsfreudig das Aktionsprogramm „Vereinssport 2028“ verteilen und die Delegierten beraten.

(Autor: Prof. Dr. Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


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