Frauen und Mädchen stark machen

16.03.2016

Sportvereine können Mädchen und Frauen stark machen und so bereits präventiv gegen alltägliche Gewalt wirken, sagt Autorin Petra Tzschoppe.

Petra Tzschoppe (l.) beim Auftakt der Aktion „Starke Netze gegen Gewalt!“ im Funkhaus des Bayrischen Rundfunks. Foto: BLSV/Valerie Thiele

Weltweit werden alljährlich am 8. März gleiche Rechte für Frauen, aber auch der Schutz vor Gewalt und Unterdrückung eingefordert. Für den DOSB ist der Internationale Frauentag seit Jahren auch Anlass, gegen Gewalt an Frauen einzustehen und die Sportvereine bundesweit aufzurufen, sich zu beteiligen. Der diesjährige Auftakt der Aktion „Starke Netze gegen Gewalt!“ wurde am 12. März gemeinsam mit den Frauenvertreterinnen des Bayrischen Landessportverbandes gestaltet. Er fand im Funkhaus des Bayrischen Rundfunks statt – ein prominenter Ort, der vorzüglich für das Anliegen geeignet war.

Sind es doch insbesondere die Medien, die Themen in unser Bewusstsein rücken. Erst wenige Wochen ist es her, dass die Ereignisse der Silvesternacht in Köln die mediale Berichterstattung dominierten. Die große Zahl heftiger Reaktionen insbesondere auch in den sozialen Netzwerken zeigte, wie erschreckend, wie verstörend diese sexuellen Übergriffe wahrgenommen wurden. Ganz klar, fehlender Respekt und Gewalt gegen Frauen sind nicht hinnehmbar – aber sie sind eben keine Angelegenheit, die sich bestimmten Personengruppen oder Situationen zuordnen lässt.

Nein, es ist ein alltägliches Thema in Deutschland, auch wenn dies eben längst nicht in dem Maße in den Medien und damit auch im öffentlichen Bewusstsein präsent ist. Jeden Tag, jede Nacht werden in unserem Land Frauen Opfer von Gewalt, es geschieht in heimischen Wohn- und Schlafzimmern ebenso wie auf Büroetagen. Bereits wenige Fakten zeigen auf, wie groß das Ausmaß von Gewalt gegen Mädchen und Frauen tatsächlich ist. Die Grundrechte-Agentur der Europäischen Union veröffentlichte im März 2014 dazu eine Studie.

In den 28 EU-Mitgliedsstaaten wurden 42.000 Frauen zu ihrem eigenen Erleben mit körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt befragt. Die Ergebnisse dokumentieren, wie weit Gewalt gegen Frauen in Europa verbreitet ist. Jede dritte Frau ist seit ihrem 15. Lebensjahr Opfer von körperlicher und/oder sexueller Gewalt geworden. Und das geschieht keineswegs nur irgendwo anders in Europa, die Studie zeigt eine ganz erhebliche Gewaltbetroffenheit in Deutschland. 35 Prozent der Frauen haben hier diese Art von Gewalt erlebt. Vor dem 15. Lebensjahr wurden in unserem Land sogar 44 Prozent der Mädchen körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt angetan. Deutlich mehr als die Hälfte der Frauen, nämlich 60 Prozent, hat in Deutschland mindestens eine Form von sexueller Belästigung erfahren. Eine unfassbare Dimension!

Die Täter kommen aus allen sozialen Schichten und sie stammen häufig aus dem nahen privaten oder beruflichen Umfeld. Auch deshalb verschweigen viele Frauen, was ihnen angetan wurde, häufig wagen sie es nicht, Hilfe zu suchen.

Diese Fakten müssen wir ernst nehmen, sie sollten uns alle zum Handeln veranlassen. Warum aber nehmen nun gerade wir als Sportorganisation uns ausdrücklich dieses Themas an? Wenn wir uns die Folgen für die Opfer vor Augen führen, wird auch deutlich, was gerade der Sport zu leisten vermag. Mehr als die Hälfte der Betroffenen meidet aus Angst bestimmte Situationen und Orte. Viele der Frauen leiden unter Depressionen, Angstzuständen, Panikattacken und Schlafstörungen, sie spüren Verletzlichkeit und verlorenes Selbstvertrauen.

Genau hier können Sportvereine ansetzen, indem sie Mädchen und Frauen stark machen. Neben den Kampfsportverbänden mit ihren bewährten Angeboten für Selbstbehauptung und Selbstverteidigung sind es auch all die anderen gemeinsamen Sportaktivitäten, die nicht allein körperlich, sondern auch psychisch und sozial stärken und so bereits präventiv wirken.

Mit sportlicher Aktivität können Ängste abgebaut und die Gewissheit der eigenen Fähigkeiten gestärkt werden. So kann Sport Selbstvertrauen geben und er kann dazu beitragen, Vertrauen zu anderen zu schaffen. Im Miteinander des Vereins finden Betroffene ein soziales Umfeld mit Personen, denen sie sich anvertrauen können und die für Hilfe sorgen. Dies gilt in besonderer Weise für die besonders gefährdeten Mädchen und Frauen mit Behinderung.

Der Sport mit seinem Netz von 90.000 Vereinen kann so auch dazu beitragen „das Schweigen zu brechen“, indem er hilft, die vielfältigen Beratungsmöglichkeiten für Betroffene bekannter zu machen.

Denn der DOSB agiert bei der „Starke Netze gegen Gewalt“-Aktion in einem Netzwerk mit mittlerweile zwölf kompetenten Kooperationspartnern, darunter bundesweite Fraueninitiativen, der WEISSE RING und die Bundesvereinigung Lebenshilfe. Ergänzend dazu werden die regionalen Netzwerke ausgebaut, so wie sie in Bayern am 12. März bereits in Aktion zu erleben waren.

Zugleich bedarf es der Unterstützung seitens der politisch Verantwortlichen. Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat der DOSB im Vorjahr zum zweiten Mal die Preisträger des Vereinswettbewerbs „Starke Netze gegen Gewalt“ geehrt, diese Zusammenarbeit soll fortgeführt werden. Gut wäre es, wenn sich Politikerinnen und Politiker gleichermaßen des Themas annähmen. So, wie auch beim Aktionstag in München klar herausgestellt wurde, dass der Schutz vor Gewalt generell ein gemeinsames Anliegen von Frauen und Männern sein muss.

Eine klare Botschaft wurde desgleichen an die Medien gesendet: Sie haben die Macht und wohl auch die Verpflichtung, solche Themen auf die Agenda zu setzen. So dass Frauen nicht mehr weitgehend unbemerkt inmitten unserer Gesellschaft körperliche oder psychische Gewalt erleiden und sexuelle Belästigungen hinnehmen müssen.

Ebenso liegt es in ihrer Hand, den Sport in der medialen Darstellung nicht auf Höhepunkte, Medaillen oder Skandale zu reduzieren, sondern aufzuzeigen, was Sportvereine für unsere Gesellschaft tatsächlich Tag für Tag leisten – sei es bei sozialen Integration, in der Gesundheitsförderung oder eben im Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt.

(Autorin: Petra Tzschoppe/Die Autorin ist Dozentin für Sportsoziologie und Sportgeschichte an der Universität Leipzig und DOSB-Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


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