Parallele Sportwelten?

03.05.2017

Esports hat weltweit knapp 200 Millionen gemeldete Spieler. Auch der organiserte Sport verfolgt die Aktivitäten aufmerksam, denn der Sport ist anpassungsfähig, so Autor Hans-Jürgen Schulke.

E-Sport Turniere finden nicht nur zu Hause vor dem Computer statt, sondern füllen Hallen. Foto: picture-alliance

Die UEFA-Champions League der Männer und Frauen geht in die Schlussrunde. Kampfgeist, Kreativität, Koryphäen und Knete faszinieren Millionen Zuschauer. Gerade wird Bayern München, obwohl notorischer Wiederholungstäter, für die Deutsche Meisterschaft begeistert abgefeiert. König Fußball hält Hof und verweist auf sein vielseitig bestelltes Haus von lokalen Vereinen mit zahllosen Jugendmannschaften bis zu  bedeutenden Inszenierungen der Unterhaltungsindustrie.

Nahezu unbemerkt hat sich eine Parallelwelt entwickelt, die unter dem Kürzel Esports eine dynamische Entwicklung erlebt. Auf nicht ganz billigen Konsolen werden im Internet virtuelle Spiele wie League of Legends oder FIFA 17 gespielt. Die virtuelle Spiellust kennt keine Ländergrenzen. Gerade hat die Games-Woche in Berlin technologische Zukunftsmöglichkeiten, neue Spiele, eine organisatorische Stärkung der Verbände, hohe Besucherzahlen und steigende Umsätze in der Branche bestätigt. Kurz zuvor wurde in Hamburg ein Deutscher Meister von Schalke 04 gekürt, im März besuchten 230 000 leibhaftige Besucher ein Turnier in Kattowitz. Weltweit finden in großen Arenen ähnliche Veranstaltungen statt. Die Zahl der gemeldeten Spieler und Spielerinnen – auch Senioren sind zunehmend infiziert – beträgt mittlerweile knapp 200 Millionen – mehr als in der FIFA.

Zählt man noch den fast schon traditionellen und zugleich höchst innovativen fußläufigen Robo-Cup mit seinen Weltmeisterschaften hinzu sowie die in den USA beliebte Drones League – Insider vermuten mit den flexiblen Flugkörpern  eine weniger expensive Konkurrenz zur Formel 1 - , dann lassen sich die künftigen Praxisfelder des „Homo Ludens“ erahnen. Denn es ist nicht nur die tief im Menschen verankerte Neugier – der Kirchenvater Augustinus geißelte sie noch als eine der großen Menschheitssünden – nach Entdecken von Unbekanntem und spannungsvoller Unterhaltung. Die Egames bieten auch Komfort: Mitmachen für jeden, Dabei sein ohne lange Reisen, Unabhängigkeit von Witterung und Krawallen, schnelle Kontakte über das Netz, kostengünstige Tickets, keine Fehlentscheidungen und Betrug. Aldous Huxleys „Brave New World“ des Sports ?!?

Sie ist fortgeschritten nicht zuletzt unter Nutzung der Erfahrungen und Kompetenzen des organisierten Sports. So wird der Wettkampfmodus bekannter Turniere übernommen, werden Mannschaften mit blumigen Bezeichnungen gebildet, Spielregeln fixiert, Trainingszentren eingerichtet, bis zu siebenstellige Prämien für Top-Spieler ausgeschüttet, Spielervermittler und Eventagenturen schießen aus dem Boden. Die Wirtschaft entdeckt hier ein Feld für das Sponsoring, das Militär erprobt Leistungsfähigkeit der sportaffinen Drohnen, die Automobilindustrie beobachtet die fußballspielenden Roboter. Nicht zuletzt die Fernsehsender übertragen aus der neuen Welt.

Und der organisierte Sport mit seinen nationalen und internationalen Verbänden? Er steht keineswegs im Abseits, stürzt sich allerdings auch nicht bedenkenlos in das virtuelle Wirrwar. Die FIFA hat schon zur WM 2006 elektronischen Fußball erprobt – zugegeben wirken die damaligen Versuche heute eher rührend als spannend – und diesen jede Saison wirklichkeitsgetreuer aufgelegt, die Deutsche Fußballliga ist auch schon seit Jahren am virtuellen Ball, den führenden Vereinen Schalke 04 und VfL Wolfsburg beginnen sich immer mehr Bundesligisten mit eigenen Abteilungen und Etats anzuschließen und das Asiatische Olympische Komitee für 2022 die Electronic Games in sein Programm aufgenommen – wie und welche noch offen. Es gilt, die Aktivitäten sehr aufmerksam zu verfolgen und Neues zu erproben.

An Motivation wird es nicht fehlen. Wer registriert, wie schnell in den 90 000 Vereinen des DOSB elektronische Mitgliederstatistik, Ergebnismeldung, Spielbeobachtung, Homepages und Newsletter aufgenommen worden sind, wird viel über deren Anpassungsfähigkeit erfahren. Das gilt übrigens schon seit 200 Jahren, denn der erste Turnplatz des „Turnvaters“ Jahn in Berlin fand binnen kürzester Zeit fast 200 Nachahmer im ganzen Land – die Basis des selbstorganisierten Vereinssports. Sie entstanden ohne Eisenbahnen und Autos, ohne Telefon und Fax und auch ohne digitale Netze.

(Autor: Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


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