Was von Vancouver zu lernen ist
Helmut Digel stellt in einer Analyse zu den XXI. Olympischen Winterspiele in Vancouver noch einmal die wichtigsten Fakten für den sportlichen Erfolg zusammen.
Für den Deutschen Olympischen Sportbund waren die Olympischen Spiele von Vancouver ein außergewöhnlicher Erfolg. Trotz wachsender Konkurrenz konnte sich die deutsche Olympiamannschaft in einem Wettbewerb der Nationen behaupten, für den überall in der Welt außergewöhnliche Investitionen getätigt werden und bei dem die wissenschaftliche Steuerung der sportlichen Leistungen eine immer größere Rolle einnimmt.
Vor allem ein Erfolg der Athletinnen und Athleten
Der Erfolg von Vancouver ist zunächst und vor allem ein Erfolg der Athletinnen und Athleten, ihrer Trainer und Betreuer. Er ist damit auch ein Erfolg der jeweiligen Sportfachverbände, die für die Leistungen der Athletinnen und Athleten in ihren Sportarten verantwortlich zeichnen. Werfen wir einen Blick auf die Hintergründe dieses Erfolges, so erkennen wir, dass ganz offensichtlich sehr viele Faktoren positiv zusammen wirken müssen, wenn bei Olympischen Spielen der höchste sportliche Erfolg verzeichnet werden soll.
Da ist zum einen das intensive Training der Athletinnen und Athleten. Zeichnet sich dieses Training durch höchste Qualität aus, so ist es der Schlüssel zum Erfolg. In den erfolgreichen Wintersportverbänden wird dieses Training fast ausschließlich zentral durchgeführt, d. h. die besten Athleten trainieren gemeinsam, sind ständig einer internen Konkurrenz ausgesetzt, haben sich in diesen Auseinandersetzungen zu bewähren und werden nahezu täglich in ihren Trainingsprozessen von ihren Trainern begleitet und betreut. Begünstigt wird diese Trainingskonzeption durch die Sportstätten, die die Voraussetzung für das qualitative anspruchsvolle Training sind. Da es nur wenige Sportstätten gibt, führt dies zwangsläufig zu einer Konzentration des Trainings. Es gibt dabei wohl auch den Unterschied zwischen Heimtraining und Training am Stützpunkt bzw. im Leistungszentrum. Die dabei auftauchenden Konflikte und Reibungsverluste sind jedoch im Vergleich zu den häufig sehr individuell ausgerichteten Sommersportarten eher minimal.
Problem der Doppelkarriere
Ein weiterer Faktor für den Erfolg kann in der gefundenen Lösung des Problems der so genannten Doppelkarriere gesehen werden. Fast alle Athleten der deutschen Olympiamannschaft bei den Winterspielen haben während ihrer Jugendzeit Eliteschulen des Sports besucht, die ihnen ermöglicht haben, die Doppelbelastung von Schule und Training zu meistern. Nach der Schulzeit sind es die Sportförderstrukturen der Bundeswehr, der Bundespolizei und des Zolls, die eine bedeutsame Rolle spielen. Ein sehr hoher Prozentsatz der Olympiamannschaft hat auf diese Weise im Erwachsenenalter bei der Hinführung zur olympischen Spitzenleistung eine Möglichkeit für Training und Wettkampf erhalten, die für den sportlichen Erfolg ohne Zweifel zielführend ist.
Eine besondere Förderstruktur und damit ein weiterer Faktor des sportlichen Erfolges in den Wintersportarten ist in der Entwicklung spezifischer Technologien des Sports zu sehen, die gerade im Wintersport in vielen Disziplinen eine herausragende Bedeutung einnehmen. Das IAT, das Institut für Forschung und Entwicklung (FES) weitere Institute, die sich material-wissenschaftlich zu Gunsten des Sports engagieren, Partnerschaften mit Industrieunternehmen, die ihr Forschungs-Knowhow gewähren und technologische Unterstützung durch die Wirtschaft, haben die Bundesrepublik zur führenden Technologienation in Fragen des Hochleistungssports gemacht.
Hochleistungsport auf dem Prüfstand
Der wichtigste Faktor, der den olympischen Erfolg sichert, ist damit auf indirekte Weise ebenfalls bereit genannt. Es sind die Mittelzuwendungen des Bundesministers des Innern zur Förderung des Spitzensports in Deutschland. Wie kaum ein anderes Land der Welt wird der Hochleistungssport in Deutschland von der Regierung finanziell unterstützt. Auf diese Weise sind Förderstrukturen entstanden, die es über Jahrzehnte möglich gemacht haben, dass der deutsche Hochleistungssport im Wintersport international konkurrenzfähig ist.
Vermutlich sind noch weitere Faktoren zu benennen, die den sportlichen Erfolg in Vancouver möglicht gemacht haben. Nicht zu vergessen ist dabei auch die Möglichkeit der unerlaubten Manipulation des Dopings. Diese Möglichkeit ist auch dann gegeben, wenn bei den Spielen selbst positive Kontrollen ausgeblieben sind und insbesondere die deutschen Athletinnen und Athleten, die an diesen Spielen teilgenommen haben, zurecht als faire und saubere Athleten bezeichnet werden dürfen. Unfair ist ein Athlet erst dann, wenn er des Dopings überführt wird und nachgewiesen ist, dass er auf unerlaubte Weise seine Leistung gesteigert hat und auf diese Weise der sportliche Wettkampf pervertiert wurde. In Vancouver hat es solche Nachweise nicht gegeben. Deshalb kann man durchaus von schönen und erfolgreichen Olympischen Winterspielen sprechen. Das Lob, das gegenüber der deutschen Olympiamannschaft geäußert wurde, ist deshalb berechtigt.
Angesichts der entsprechenden Erfahrungen in der Vergangenheit ist allerdings Vorsicht angebracht. Im olympischen Spitzensport ist es längst üblich geworden, dass kriminelle Netzwerke, in deren Zentrum betrügende Athleten stehen, den Gebrauch von leistungs-fördernden Substanzen und die Anwendung unerlaubter Methoden ermöglichen, deren Aufdeckung derzeit noch nicht möglich ist. Längst ist das IOC mit dem Problem konfrontiert, dass nachträglich Medaillen abzuerkennen sind, wenn betrügende Sieger des Betruges überführt sind. Es muss deshalb davon ausgegangen werden, dass es bei Olympischen Spielen nach wie vor Sieger gibt, die wohl betrogen haben, deren Betrug jedoch nicht nachgewiesen werden kann.
Im Spiegel der Massenmedien und vor allem im Spiegel der Presse, steht der Hochleistungssport nicht zuletzt auch deshalb auf dem Prüfstand. Eine kleine Minderheit von meist gut ausgebildeten Journalisten begleitet den Spitzensport in distanzierter und kritischer Weise. Es fällt dabei auf, dass, zumindest in jüngster Zeit, immer häufiger Befunde des Hochleistungssports diskutiert werden, deren Relevanz zum einen und deren Beschreibung und Erklärung zum anderen, als äußerst fraglich zu bezeichnen ist.
Wenngleich seit dem Zusammenschluss des DTSB mit dem DSB bereits mehr als 20 Jahre vergangen sind, wird beispielsweise noch immer in einer stereotypen Weise über einen Gegensatz zwischen einem Hochleistungssport Ost berichtet, der von einer sozialistischen Sportideologie geprägt ist und einem Hochleistungssport West, den föderalistische Führungs- und Förderstrukturen kennzeichnen. Das Leistungssportpersonal, das in der DDR groß geworden ist, ist demnach an autoritären Führungsstrukturen interessiert und propagiert Zentralismus. Die Freiheit des Athleten wird dabei eher gering geschätzt und die naheliegenden Förderstrukturen sind gemäß dieser Ideologie die Kinder- und Jugendsportschulen, das IAT, das FES und die Sportkompanien der Bundeswehr. Auf der anderen Seite steht ein Spitzensport, bei dem der Verband nur die schwache Rolle eines Dienstleisters einnimmt. Den Athleten und deren Heimtrainern sollen möglichst alle Freiheiten gewährt werden. Ihre Förderung sollte nicht an Auflagen gebunden werden und Kontrolle und Disziplin werden als pädagogisches Übel gegeißelt.
Journalisten, die in dieser Weise über den deutschen Hochleistungssport urteilen, bedienen sich dabei nicht selten wissenschaftlicher Expertise. Man beruft sich auf Untersuchungen, in denen tatsächlich oder angeblich der Nachweis erbracht wurde, dass eine bestimmte Methode die bessere sei, dass Eliteschulen sich angeblich als wirkungslos erwiesen hätten, dass Sportsoldaten in ihrer Persönlichkeitsentwicklung retardieren und dass Olympiastützpunkte wenig sinnvolle Einrichtungen seien. ,Immer häufiger wird dabei auch über das Ausmaß des Dopingbetrugs spekuliert,. So verweist man auf Untersuchungen, denen zu Folge mehr als 50 % unserer Olympiamannschaft in den letzten Jahren gedopt gewesen sein muss.
Kritik aus der Vogelperspektive
Die bestehenden ideologischen Differenzen haben zwischenzeitlich zu Rede- und Schreibduellen geführt, deren intellektuelle Qualität Sorge hervorrufen muss. Einige Sportwissenschaftlicher äußern sich über den Hochleistungssport aus einer Vogelperspektive, ohne jemals sich die Mühe gemacht zu haben, die jeweiligen Sportarten etwas genauer zu beobachten. Es werden Verallgemeinerungen vorgenommen, die den Problemen der jeweiligen Sportarten nicht gerecht werden. Es werden Meinungen geäußert, die allenfalls am Stammtisch möglich sind. Mit einer wissenschaftlich begründeten Äußerung weisen sie oft nur wenig Gemeinsamkeiten aufweisen. Die empirischen Studien, auf die man sich beruft, haben meist nur Pilotcharakter, sind weder repräsentativ, noch sind sie methodisch so angelegt, dass sie nachvollziehbar eine verbindliche Antwort auf die aufgeworfenen Untersuchungsfragen geben können.
In diesen Tagen ist es auch üblich geworden die Spiele von Vancouver mit dem Begriff der „Militärspiele“ zu diskreditieren. Dabei ist es kein neuer Sachverhalt, dass gerade bei den Olympischen Winterspielen, sehr viele Angehörige des Militärs teilnehmen. Schon bei den ersten Winterspielen haben Gebirgsjägerkompanien aller Alpenländer eine zentrale Rolle gespielt und heute spielt das Militär eine wichtige Rolle bei allen erfolgreichen Wintersportnationen, auch wenn Deutschland in dieser Beziehung ohne Zweifel außergewöhnliche Proportionen aufweist.
Stellt man den Beitrag der Bundeswehr in Frage, so muss jedoch die Frage gestellt werden, wer in Deutschland vergleichbare stabile und verantwortbare Förderstrukturen den Athleten anbieten kann, wie dies bei der Bundeswehr der Fall ist. Weder ist dies über die Wirtschaft abzusichern, noch über die Universitäten. Da die Wirtschaft autonom handelt und die Universitäten der föderalen Struktur der Bundesrepublik unterliegen, kann auch dann, wenn man beide Systeme an der Förderung der sportlichen Spitzenleistungen intensiver beteiligt, nicht erwartet werden, dass das eigentliche Strukturproblem des Hochleistungssports auf diese Weise gelöst werden kann.
Förderungswürdiger Hochleistungsport
Erfolgreicher olympischer Hochleistungssport benötigt staatliche Unterstützung. Wird diese dem Hochleistungsport über einen demokratischen Willensbildungprozess gewährt, so kann dies meines Erachtens nicht in Frage gestellt werden. Da die Bundeswehr dieser Legitimation entspricht, können Sportkompanien als demokratisch legitimiert bezeichnet werden. Deshalb ist es auch kaum akzeptabel, wenn die Sozialisation der Spitzenathleten in den Sportkompanien der Bundeswehr in Frage gestellt wird, ohne sie einer tragfähigen empirischen Untersuchung zu unterwerfen. Wer lediglich darüber spekuliert, Vermutungen anstellt und damit das Skandalinteresse der Massenmedien weckt, begünstigt damit nur Vorurteile. Einer Verantwortung wird dies nicht gerecht, die man zu Recht von Sportwissenschaftlern erwarten muss.
Geradezu absurd wird die Diskussion, wenn bei der Diskussion über die Frage, welcher Hochleistungssport, als förderungswürdig zu erachten sei, ein kreativer, ästhetischer Hochleistungsport gegen einen Hochleistungssport der Disziplin, der Leistungshärte, des Drills und der Roboter ausgespielt wird. Sportliche Höchstleistungen in olympischen Sportarten sind an außergewöhnliches Können gebunden, das ohne systematische Trainings- und Übungsprozesse nicht zu erreichen ist. Erst auf der Grundlage des außergewöhnlichen Könnens können schöpferische und kreative Leistungen möglich werden. Die Schauspielkunst am Theater zeigt uns dies ebenso, wie die Virtuosität der besten Musiker dieser Welt. Nicht anders verhält es sich im Sport. Üben, Trainieren, Können und Leistung dürfen nicht gegenüber Innovation und Kreativität ausgespielt werden. Sie alle gehören unverzichtbar zusammen.
Genau darum muss es gehen, wenn man sportliche Höchstleistungen im Sport fördern möchte. Es muss gesichert sein, dass ein Athlet von kompetenten Pädagogen und Trainern betreut wird. Es muss der Raum eröffnet sein, in dem der Athlet intensiv trainieren und üben kann.
Es müssen ihm ausreichend Erfahrungsmöglichkeiten gegeben werden, um über eine aufsteigende Wettkampfstruktur die internationale Spitze zu erreichen. Es müssen alle erforderlichen Unterstützungsleistungen gewährt werden, die der Athlet zur Durchführung eines anspruchsvollen Trainings und der dazugehörigen Wettkämpfe benötigt.
Die erfolgreichen Wintersportarten von Vancouver haben dabei den Weg vorgegeben, der zu gehen ist. Sie sind die erfolgreichen Praxismodelle, für die es sich lohnt, dass sich auch die übrigen olympischen Sportarten an ihnen orientieren. Die Spiele von Vancouver sind für den deutschen Hochleistungssport somit durchaus eine wichtige Botschaft. Will man auch zukünftig international konkurrenzfähig bleiben, so sollte jeder Finalplatz bei den Spielen in Vancouver ein Lehr-Lernereignis für alle Verantwortlichen des deutschen Hochleistungssports sein. Dies gilt vor allem für die olympischen Sommerverbände, die meines Erachtens sehr viel von den olympischen Wintersportverbänden lernen können.
Gefährliche Entwicklungen
Das Lob, das sich auf die olympischen Erfolge der Athletinnen und Athleten bei den Spielen in Vancouver bezieht, birgt die Gefahr in sich, dass einige gefährliche Entwicklungen, die sich auch bei den Olympischen Spielen von Vancouver gezeigt haben, verdrängt oder übersehen werden. So haben sich beispielsweise die Funktionäre der olympischen Wintersportverbände die Frage zu stellen, ob die ständige Ausweitung der Spiele verantwortungsvoll gewesen ist. Waren es 1980 in Lake Placid gerade 38 Entscheidungen, so hat man sie nun mehr als verdoppelt, 86 Entscheidungen waren es in Vancouver. Welche sportliche Qualität haben diese Entscheidungen? Diese Frage stellt sich nicht nur Sportinteressierten, auch Laien werfen diese Frage auf. Welchen Sinn macht es, wenn die massenmediale Steuerung der Spiele nur noch am Medaillenspiegel ausgerichtet ist, die nationale Komponente der Sportberichterstattung alles prägt und nahezu zwangsläufig nur noch jene gewinnen, die sehr viel Geld in den olympischen Hochleistungssport investieren? Problematisch ist auch der Einfluss geworden, den Wissenschaft und Technologie auf die Steuerung der Athleten nimmt. Längst ist die Maxime des „Höher, schneller, weiter“ noch mit dem Wort „Spektakulärer“ zu erweitern. Die Risiken, die die Athleten dabei auf sich nehmen müssen, sind teilweise unkalkulierbar geworden. Athleten müssen sich teilweise in Gefahren hinein begeben, die nicht verantwortbar sind. Wenn man sich schon nicht dafür einsetzen möchte, dass sämtliche Athleten über die gleichen Technologien verfügen, um damit wirklich faire Wettbewerbe zu sichern, so muss zumindest gewährleistet sein, dass im Technologiewettstreit, der bei den Olympischen Spielen stattfindet, die Technologie nicht zur Gefahr für den Athleten wird. Das Problem reicht dabei von den Waffen im Biathlon, der Präparierung der Piste über die Chemie der Skibeläge bis hin zu den Rodel- und Bobbahnen, den schnellen Schlitten und Bobs.
Nach den Spielen von Vancouver stellt sich auch die Frage, was der Begriff des „Olympischen“ für die Spiele von heute noch bedeutet. Die Olympischen Spiele sind zu einem gigantischen Geschäft geworden für das die Regeln des Marktes gelten. Kommt es jedoch zu Problemen, so gehen die Spiele zu Lasten der Steuerzahler. So ist die Frage nach der Nachhaltigkeit nicht nur für die Spiele von Vancouver zu beantworten. Die Verantwortlichkeiten für den olympischen Sport müssen sich vielmehr grundsätzlich die Frage stellen, ob der eingeschlagene Weg, der sich vor allem auf eine Steigerung des ökonomischen Gewinns ausgerichtet ist, für die weitere Zukunft der Spiele tragfähig sein kann. Wenn in einer Wintersportnation wie der Schweiz zukünftig Olympische Winterspiele nicht mehr ausgetragen werden können, weil die Spiele zu groß geworden sind, haben diese Spiele keine hoffnungsvolle Zukunft aufzuweisen.










