DOSB-Präsident Hörmann im SID-Interview: "Wann, wenn nicht jetzt?"

10.10.2014

Beim Redaktionsbesuch im SID sprach Alfons Hörmann über Olympia, den DOSB und das Thema Anti-Doping-Gesetz

DOSB-Präsident Alfons Hörmann im SID-Interview. Foto: Camera4/DOSB

SID: "Herr Hörmann, wird es bei der DOSB-Mitgliederversammlung in Dresden schon eine Beschlussfassung zum Thema Olympia 2024 geben?"

Alfons Hörmann: "Fest steht, dass wir uns am 6. Dezember mit dem Thema Olympia beschäftigen werden. Wie umfangreich dann die Beschlussfassung sein wird, kann man aus heutiger Sicht noch nicht sagen, weil wir uns ja mitten in der Diskussion mit den Städten befinden. Berlin und Hamburg haben innerhalb weniger Monate wirklich beeindruckende stimmige Konzepte entwickelt und erfüllen damit aus unserer Sicht sowohl national als auch international die Voraussetzungen, würdige Olympiabewerber sein zu können. So kann und wird Olympia aus unserem Verständnis funktionieren, auch im Abgleich mit all dem, was rund um die Agenda 2020 auf IOC-Ebene diskutiert wird."

SID: "Welche Kriterien sind ausschlaggebend für das Votum des DOSB?"

Hörmann: "Die entscheidende Frage ist jetzt: Gelingt es, die generell sehr positive Stimmungslage zu Olympischen Spielen in Deutschland in die beiden Städte zu transportieren und die Menschen in den dortigen Regionen mehrheitlich für Olympia zu begeistern? In einem demokratischen Gesellschaftssystem wie Deutschland ist das die Voraussetzung, um ein solches Projekt umzusetzen."

SID: "Wird es eine Bürgerbefragung noch vor dem 6. Dezember geben?"

Hörmann: "Eine offizielle Bürgerbefragung geht selbstverständlich in der Kürze der Zeit nicht. Bei Projekten wie einer Olympiabewerbung muss man mit den beteiligten Städten und natürlich auch mit der Bundesregierung in aller Ruhe die genaue Vorgehensweise besprechen. Deshalb gilt es zunächst, einen exakten Fahrplan zu erarbeiten. Wir haben noch genau zwölf Monate Zeit, um die Hausaufgaben zu machen, man muss also nichts überstürzen. Andererseits darf man aber auch nicht Wochen und Monate nutzlos verstreichen lassen, dafür ist die Zeit dann wieder zu kurz. In zwölf Monaten stehen wir vor der Entscheidung, ob wir eine offizielle Bewerbung abgeben. Die Tendenz muss spätestens im ersten Halbjahr 2015 klar sein: Geht man mit einer der beiden Städte für 2024 ins Rennen und wenn ja, mit welcher."

SID: "Macht es nicht Sinn, sich vielleicht mit Blickrichtung 2028 mehr Zeit zu nehmen?"

Hörmann: "Wenn für ein Thema drei Viertel der Deutschen zu begeistern sind, dann ist das erstmal eine kerngesunde Basis, die man nur bei wenigen anderen Themen hat. Man könnte es fast schon als Arbeitsauftrag an den Sport bezeichnen, das Projekt anzugehen. Wie sieht in einem solchen Fall dann die richtige Strategie aus? Die Frage ist leider nicht so ganz einfach zu beantworten, weil keiner von uns ganz genau ermessen kann, wie die Stimmungslage in den betroffenen Städten heute aussieht und wie sie verglichen dazu in ein paar Wochen oder Monaten oder in zwei, vier, sechs, acht Jahren aussieht. Wie wird sich die olympische Stimmung entwickeln, was passiert nach Rio, nach der Fußball-WM 2018, nach Pyeongchang, nach Tokio 2020? Ist dann die Stimmung besser, ist sie schlechter? Ein Thema nach hinten zu verlagern, ist ja nur vermeintlich die einfachste Lösung."

SID: "Was könnte sich denn in den nächsten Jahren an der Gesamtsituation verändern?"

Hörmann: "Es können unzählige Faktoren unter anderem in den beiden Städten Einfluss nehmen. Ich warne aber davor zu glauben, dass man ein Thema dadurch lösen kann, dass man es vertagt oder aussitzt. Im Laufe der Zeit können ja durchaus auch weitere Themen aufkommen. So würde nach einer Entscheidung gegen 2024 sicher diskutiert, sind es nur diese beiden Städte oder kommen vielleicht noch andere für eine spätere Bewerbung hinzu? Soll man sich auf den Sommer konzentrieren oder es doch wieder im Winter versuchen? Deshalb sollte man sich gut überlegen, ob man das Thema Olympia tatsächlich vertagen will. Und ob es gelingt, in einem mehrjährigen Diskussionsprozess mehr als 75 Prozent der Deutschen von Olympia zu überzeugen, muss man auch in Frage stellen. Diese Zustimmungsquote ist auf nationaler Ebene eine wunderbare Basis, die Frage ist wie gesagt, ob es gelingt, in der jeweiligen Stadt bzw. der Region eine ähnliche Akzeptanz zu erreichen."

SID: "Ist angesichts der aktuellen Situation in der Welt eine Olympia-Bewerbung eigentlich überhaupt noch zeitgemäß?"

Hörmann: "Da gehe ich zurück ins Jahr 1972. Die Bewerbung für diese Spiele wurde von Willi Daume 1965 auf den Weg gebracht, als die Teilung Deutschlands noch im vollen Gange war und das IOC gerade entschieden hatte, keine gemeinsame deutsche Mannschaft mehr zu den Olympischen Spielen zuzulassen. War die damalige Situation die schwierigere oder die heutige? Ich greife bewusst die jüngste Formulierung der Bundeskanzlerin und des Außenministers auf: Die Welt ist in Teilbereichen aus den Fugen geraten, da gibt es nichts zu beschönigen. Ich stelle gerade deshalb die Frage: Ist das ein Grund dafür, solche Themen wie Olympische Spiele nicht mehr anzugehen? Und ich antworte aus großer Überzeugung, dass gerade ein politisch und wirtschaftlich so stabiles Land wie Deutschland in einer solchen Zeit ein deutliches Signal setzen und sagen sollte: Ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, ein solches Thema anzugehen. Wer, wenn nicht wir, und wann, wenn nicht jetzt?"

SID: "Der DOSB wird in Dresden seine Strukturen verändern, wie werden diese künftig aussehen?"

Hörmann: "Kernelement ist, das Thema Verantwortung nach Paragraf 26 BGB komplett auf den künftigen Vorstand zu übertragen. Das heutige Direktorium wird dann zum Vorstand, damit gibt es an der Spitze den Vorstandvorsitzenden. Das Präsidium bleibt das Präsidium, es wird nicht umbenannt in Aufsichtsrat. Der Vorstand hat die operative Verantwortung und wird damit eben auch vollumfänglich für sein Tun haften. Das heißt aber nicht, dass das Präsidium sich zurücklehnen und sagen kann, was die da machen, interessiert mich nicht. Es muss natürlich seiner Aufsichtspflicht verantwortungsbewusst gerecht werden."

SID: "Wie wird der Vorstand besetzt sein?"

Hörmann: "Ich sehe keine großartigen Veränderungen im künftigen Vorstand. Aus meiner Sicht spricht vieles dafür, Michael Vesper vom Chef des Direktoriums zum künftigen Vorstandsvorsitzenden zu machen - mit einem großen Unterschied: Er ist heute auch Mitglied des Präsidiums, das wird er dann nicht mehr sein. Er wird künftig im operativen Gremium sitzen, damit ist er nicht mehr Mitglied im Aufsichtsgremium."

SID: "Gibt es einen Antrag der Verbände, Michael Vespers Vertrag nicht über 2016 hinaus zu verlängern?"

Hörmann: "Nein. In Führungspositionen ist es ja immer so, dass manchem der Nasenfaktor oder die Art der Kommunikation nicht gefällt oder dass im täglichen Abgleich von Interessen und Themen mal unterschiedliche Erwartungshaltungen aufeinanderprallen. Daraus kann dann Kritik entstehen, das ist vollkommen klar. Dass jemand wie Michael Vesper, der so für seine Sache kämpft, dann schon mal ein paar Angriffsflächen mehr bietet als andere oder auch mal den einen oder anderen vor den Kopf stößt, liegt in der Natur der Sache. Da ist er halt manchmal der konziliante Moderator und dann wieder nicht, das habe ich auch mit ihm schon oft genug diskutiert. Entscheidend ist doch was anderes: Er bringt uns in der Sache voran."

SID: "Wird die Vertragsdauer von Michael Vesper in Dresden ein Thema sein?"

Hörmann: "Unmittelbar nach den Präsidiumswahlen werden wir noch in Dresden den Vorstand berufen. Die vertraglichen Rahmenbedingungen wird man in aller Ruhe und in aller Professionalität im Nachgang miteinander klären. Da gibt es überhaupt keinen Handlungsdruck."

SID: "Wird denn das Tandem Hörmann/Vesper funktionieren?"

Hörmann: "Ja, nach einem Jahr der Zusammenarbeit wissen wir doch, dass gegenseitiges Vertrauen da ist. Das künftige Präsidium und damit auch der künftige Präsident werden den nötigen Einfluss und die nötigen Kontrollmöglichkeiten haben und entsprechende Wertschätzung erfahren. Solche Dinge definieren sich weniger über die Organigramme sondern über die Personen, die sich da gegenüberstehen. Es gehören immer zwei dazu, im Guten wie im Schlechten: Der, der etwas macht, und der, der etwas mit sich machen lässt. Ich bin überzeugt, das funktioniert. Grundsätzlich darf man auch nicht vergessen, dass Aufsichtsräte für die Berufung oder Abberufung von Vorständen zuständig sind. Das ist keine Drohgebärde, das sind ganz normale Mechanismen. Außerdem ist ja auch diese Struktur nicht in Stein gemeißelt. Wenn man irgendwann zu einer anderen Überzeugung kommt, haben wir doch im deutschen Sport jederzeit die Freiheit, den Diskussionsprozess neu aufzurollen."

SID: "Wie ist die aktuelle Entwicklung beim Thema Anti-Doping-Gesetz?"

Hörmann: "Die Gesetzesvorlage in Kurzform haben wir, es gibt aber in der Frage der Bewertung nichts Neues zu sagen. Wir brauchen erstmal die Begründung der Ministerien für diesen Gesetzesentwurf. Wenn die da ist, werden wir uns damit intensiv beschäftigen und die Dinge offen und transparent diskutieren."

SID: "Gibt es denn schon eine erste Meinungsbildung im DOSB?"

Hörmann: "Man kann nicht erwarten, dass wir zu einem Entwurf, an dem drei Ministerien neun Monate lang gearbeitet haben, in neun Stunden die Beurteilung abgeben. Dass andere sich schon nach neun Minuten ein abschließendes Urteil gebildet haben, möchte ich nicht weiter kommentieren. Wir haben alle das gemeinsame Ziel, den sauberen Sport zu gewährleisten. Das Thema Anti-Doping-Gesetz eignet sich verdammt gut für populäre und populistische Aussagen, aber wenn man es verantwortungsbewusst machen will, muss man es viel tiefer angehen. Es gilt, ganz genau die Grenzen zu definieren: Wofür ist der Staat zuständig und wofür der Sport? Die Formulierung: Der Staat muss das jetzt allein in die Hand nehmen, ist mir viel zu plakativ. Wir brauchen den engen Schulterschluss zwischen Sport und Staat."

Quelle: SID


 
 

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