Thomas Bach: London wird sehr viel härter als Peking

27.12.2011

Für die Deutsche Olympiamannschaft werden die Olympischen Spiele in London aus Sicht von Thomas Bach "noch sehr viel härter als Peking 2008". Das sagte der DOSB-Präsident im Gespräch mit dem SID.

Thomas Bach, hier bei der Einkleidung der Olympiamannschaft für Vancouver, erwartet bei den Olympischen Spielen 2012 in London einen harten Konkurrenzkampf. Copyright: DOSB

Im großen Interview schaut Bach auf das Jahr 2012 voraus und lässt 2011 noch einmal Revue passieren. 

SID: "Herr Bach, im Jahr 2011 beherrschte neben dem sportlichen Geschehen weitgehend die Entscheidung über die Winterspiele 2018 das Interesse der Öffentlichkeit. Statt München erhielt am Ende die südkoreanische Stadt Pyeongchang den Zuschlag in Durban. Hätte man dies nicht stärker voraussehen können, war es vielleicht ein Fehler, neben Pyeongchang anzutreten?"

Thomas Bach: "Selbst nach der schmerzlichen Niederlage waren sich alle einig, dass es eine hervorragende Präsentation für München, Bayern und Deutschland war. Zweitens hat man bei früheren Abstimmungen gesehen, dass durchaus auch Siege im ersten Wahlgang möglich sind. Drittens hat sich Pyeongchang sehr spät zu einer erneuten Kandidatur entschlossen. In dem Moment haben wir gewusst, dass es sehr schwer werden wird. Es war letztlich keine Abstimmung gegen München oder Deutschland, sondern für Pyeongchang."

SID: "Der Deutsche Olympische Sportbund hat sich Anfang Dezember dafür ausgesprochen, sich vorerst nicht erneut für 2022 zu bewerben. Auch Sommerspiele in Deutschland sind vorerst kein Thema ..."

Bach: "Ob sich für 2022 noch etwas ändert, hängt von den Umständen ab. Die Fragen sind: Wer bekommt international den Zuschlag für die Sommerspiele 2020? Mit welcher innenpolitischen Unterstützung durch Amtsträger und Regierungen können wir rechnen? Ist eine breite Zustimmung der Bevölkerung sicher? Und wer trägt die Kosten für Bewerbung und Organisation der Spiele? Klarheit gibt es da wohl erst 2013."

SID: "Gerade in Garmisch-Partenkirchen wurde auch Ablehnung gegen das Projekt deutlich. München ist als nächster deutscher Bewerber gesetzt. Ist damit automatisch auch Garmisch-Partenkirchen wieder an Bord?"

Bach: "Ja. Die Bewerbung mit München und Garmisch-Partenkirchen war überzeugend."

SID: "Und wäre Berlin der erste deutsche Bewerber um Sommerspiele?"

Bach: "Die Frage einer Bewerbung um Sommerspiele muss sich um das Jahr 2015 herum entscheiden. Wir freuen uns über das große Interesse, das der Regierende Bürgermeister von Berlin geäußert hat. Ähnlich machte der 1. Bürgermeister von Hamburg deutlich, dass die Hansestadt auch Mittel für eine Bewerbung um Sommerspiele bereitstellen wolle. Der DOSB wird reagieren, wenn sich für Sommerspiele eine Tür öffnet."

SID: "Olympia bleibt das Stichwort. In wenigen Wochen werden die ersten Winterspiele der Jugend ausgetragen. Wie sehen Sie diesen entgegen?"

Bach: "Innsbruck und Seefeld sind hervorragende Stätten für diese Premiere. Ich denke, die deutsche Jugend-Olympiamannschaft wird zeigen, dass unser Nachwuchs sehr gut aufgestellt ist."

SID: "Doch viel stärker steht 2012 London im Blickpunkt. Wie sehen Sie den 30. Olympischen Sommerspielen entgegen, machen Sie im Vorfeld Probleme aus?"

Bach: "London wird sicherlich ein großartiges Erlebnis. Mein Freund Sebastian Coe hat ein gutes Konzept, eine Verbindung aus Tradition und Innovation, das wird auch bei der Jugend Begeisterung auslösen."

SID: "London hat die Ausgaben für Sicherheit zuletzt deutlich erhöht. Sehen Sie in diesem Bereich Anlass zu Sorgen?"

Bach: "Die Sicherheit ist bei allen Großveranstaltungen - egal, ob in Sport, Kultur oder Politik - ein Thema, unabhängig vom Austragungsort. Ich habe da großes Vertrauen in die gute Zusammenarbeit der Behörden."

SID: "Obwohl es dieses Jahr in London erhebliche Unruhen auf der Straße gab und vor Jahren dort ein Terror-Anschlag viele Opfer gefordert hat?"

Thomas Bach: "Hier lässt die Vergangenheit nicht auf Gefahren für die Zukunft schließen."

SID: "Rein sportlich gesehen gilt vor allem Doping als die Gefahr für den Sport. Wie sehen Sie London hier entgegen?"

Bach: "Es gibt dort mehr Kontrollen als jemals zuvor, auch deren Qualität ist verbessert. Zielgerichtet werden im Vorfeld Proben in Training und Wettkampf genommen. Ähnlich wie vor Peking, als dann eine ganze Reihe Athleten nicht teilnehmen durfte. Es gibt weiter verfeinerte Methoden, auch die größere Zahl an Blutkontrollen spielt eine Rolle. Die Hemmschwelle für die Athleten wird sehr hoch sein."

SID: "Fraglich ist noch, ob Athleten, die seit Peking 2008 eine mehr als sechsmonatige Dopingstrafe hatten, in London starten dürfen. Die sogenannte Osaka-Regel, die diesen den Start verbot, wurde im Herbst vom Internationalen Sportgerichtshof, dem CAS in Lausanne, gekippt. Das britische NOK hat eine neue Entscheidung beantragt. Wird diese bald fallen?"

Bach: "Sie muss zügig erfolgen, weil sie die Qualifikationen für die Spiele betrifft. Das IOC und auch der DOSB sind mit der Aufhebung der Osaka-Regel nicht glücklich. Ich hoffe, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur den WADA-Code in diesem Punkt modifiziert. Die nächste Revision des Codes steht allerdings erst 2013 an."

SID: "Der CAS soll sich auf Antrag von Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein auch wieder mit ihrem Fall befassen. Sie will erreichen, dass ihre offenbar vorliegende Blutanomalie als Ursache der veränderten Werte festgestellt wird, die ohne positiven Test zu ihrer Sperre geführt hatten. Wie sehen Sie diesen Fall aktuell?"

Bach: "Im DOSB wird Claudia Pechstein nach Ablauf ihrer Sperre wieder so behandelt wie alle anderen Athletinnen auch."

SID: "Sie bekämpfen im DOSB auch gezielter die Anfänge des Dopings, den Medikamenten-Missbrauch. Sehen Sie auch Anzeichen dafür, dass zunehmender Stress zu verstärkter Einnahme von Mitteln führt, letztlich vielleicht auch zu der zuletzt gestiegenen Rate von Burn-out und Selbstmorden im Sport?"

Bach: "Wir sollten hier Medikamenten-Missbrauch in der Gesellschaft und Doping im Spitzensport voneinander trennen. Medikamenten-Missbrauch ist ein gesellschaftspolitisches Problem. 800.000 Menschen nehmen in Deutschland regelmäßig Medikamente zur Leistungssteigerung in Arbeit und Beruf, zwei Millionen gelegentlich. Dazu kommt der Medikamenten-Missbrauch in der Freizeit und im Breitensport. Burn-out und Depressionen sind ebenso ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ich glaube nicht, dass diese Krankheiten im Sport häufiger auftreten als anderswo. Der Sport wirkt durch seine öffentliche Aufmerksamkeit jedoch wie ein Brennglas und macht dieses Problem stärker sichtbar."

SID: "Werden Sie in London wieder Chef der Disziplinarkommission sein, die bei Dopingfällen zusammentritt? Und welche Aufgaben haben Sie über die Position des IOC-Vizepräsidenten hinaus noch?"

Bach: "Ja, ich bin wieder Vorsitzender dieser ad-hoc-Kommission. Darüber hinaus bin ich Mitglied der täglichen Koordinierungsrunde, in der die Spiele gesteuert werden. Vor allen Dingen freue ich mich aber, für unsere Olympiamannschaft da sein zu können."

SID: "Das deutsche Team könnte das kleinste seit der ersten gesamtdeutschen Mannschaft mit 428 Athleten 1992 in Barcelona werden. Geplant wird vom DOSB mit 400 Athleten plus X, nachdem sich bisher nur zwei von zwölf möglichen Mannschaften qualifiziert haben. Wer könnte neben den Hockeyteams noch die Qualifikation schaffen?"

Bach: "Es ist schade, dass wir als Fußball-Land keine Mannschaft bei Olympia haben. Von den Frauen hätten wir uns sogar eine Medaille erhofft. Für diese können nun wohl nur noch die beiden bisher qualifizierten Hockeyteams sorgen. Für die Handball-Männer wird der Weg nach London sehr schwierig, nachdem die Frauen gescheitert sind."

SID: "2008 wurde die deutsche Mannschaft nach 16 Siegen mit insgesamt 41 Medaillen Fünfter im Medaillenspiegel. Ist ein ähnliches Ergebnis für London realistisch?"

Bach: "London wird noch sehr viel härter als Peking. Die Spitzennationen sind sehr viel enger zusammengerückt, und es gibt immer mehr Länder, die Medaillen gewinnen. Bei den anderen Nationen waren nie so viel Geld und Know-how im Spiel wie jetzt. Nicht nur die gastgebenden Briten investieren deutlich stärker, als es uns möglich ist, auch die Russen und viele andere Länder fördern den Spitzensport als ihr Aushängeschild mit enormen Mitteln. Am Ende können ein oder zwei Goldmedaillen mehr oder weniger darüber entscheiden, ob man Vierter oder Neunter im Medaillenspiegel wird. Wenn wir die finanzielle Basis nicht verbessern, besteht die Gefahr, dass wir mittelfristig nicht mehr in der internationalen Spitze mithalten können."

SID: "Vielleicht könnten zusätzliche Millionen dem deutschen Sport helfen, die nach der Neufassung des Glücksspiel-Staatsvertrages möglich scheinen?"

Bach: "Sie würden vor allem in Sportentwicklung und Breitensport fließen. Erst einmal würden wir uns eine bundeseinheitliche Lösung wünschen, in die auch Schleswig-Holstein einbezogen ist. Und es bleibt abzuwarten, ob die Europäische Kommission dieser Fassung zustimmt, nicht nur hinsichtlich der begrenzten Zahl von 20 Lizenzen für Wettanbieter."

SID: "Ein Problem, das vor allem den Fußball betrifft, ist noch nicht auf den übrigen Sport übergeschwappt: Der Hooliganismus. Was kann der Sport hier über den Fußball hinaus vorbeugend unternehmen?"

Bach: "Viele dieser Gewalttäter haben mit Fußball nichts zu tun. Es ist nicht wirklich Gewalt im Sport, sondern Gewalt am Sport. Diese Leute nutzen nur die öffentliche Aufmerksamkeit, es sind schlichtweg Schläger. Es deutet sich nicht an, dass das Problem auf den olympischen Sport übergreift. Aber dennoch haben wir längst präventive Maßnahmen getroffen, vor allem über die Deutsche Sportjugend."

SID: "2011 machte auch die westdeutsche Dopingvergangenheit Schlagzeilen, nachdem zuvor in erster Linie nur das Dopingsystem der DDR am Pranger stand. Sind Sie überrascht von einigen Ergebnissen der vom DOSB in Auftrag gegebenen Forschungsarbeit?"

Bach: "Bevor ich das kommentiere, warten wir erst die Ergebnisse ab, es besteht kein Zeitdruck. Alles muss sorgfältig geprüft werden."

SID: "Trotz einiger negativer Erscheinungen wie Doping ist die gesellschaftspolitische Bedeutung des Sports in den letzten Jahren doch eher gestiegen?"

Bach: "Sie ist enorm gewachsen, das zeigt sich an vielen Fakten. Wir erkennen eine gute Partnerschaft und Respekt vor der Autonomie des Sports von Seiten der Politik, das zeigt sich in der Zusammenarbeit mit allen Bundesministerien. Im öffentlichen Leben gibt es kaum eine wichtige Rede, in der nicht Begriffe aus dem Sport eine Rolle spielen. Auch die Medien berichten deutlich umfangreicher als noch vor einigen Jahrzehnten über den Sport, inklusive des Fernsehens. Ich hoffe, dass die ARD nun auch ihrem Beschluss folgt und das Sportschau-Telegramm wieder einführt, um mehr über die ganze Vielfalt des Sports zu berichten."

SID: "Zum Schluss noch ein Thema, das Sie gern meiden. IOC-Präsident Jacques Rogge hat Ihnen vor zwei Monaten in einem SID-Interview bestätigt, dass Sie alle Eigenschaften besitzen, um im September 2013 sein Amtsnachfolger werden zu können. Bleibt es dabei, dass Sie über eine Kandidatur als IOC-Präsident weiterhin nicht öffentlich reden?"

Bach: "Es ehrt mich und auch den deutschen Sport, dass der Präsident das so sieht. Aber es ändert nichts daran, dass es noch fast zwei Jahre bis dahin sind. Es wäre nicht fair gegenüber dem IOC und dem Präsidenten, jetzt schon eine Personaldiskussion um die Nachfolge loszubrechen."

(Quelle: SID, Interview Gerd Holzbach)


 
 

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