Lali: Nichts eint Afghanistan besser als Fußballspiele

26.07.2013

Der Fußballlehrer Ali Askar Lali spricht im Interview über seine Projekt-Erfahrungen in Afghanistan und die Entwicklung der Strukturen des Fußballsports dort seit 2003.

Am Rande eines Festivals in der Nordprovinz Jowzjan, Stadt Sheberghan, stellen sich die jugendlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Gruppenfoto. Foto: Ali Askar Lali

Theoriestunde bei der Ausbildung von Trainerinnen in Kabul; Foto: Ali Askar Lali

Enthusiastische Kinder während eines Jugendfestivals in der Ostprovinz Nengarhar, Stadt Jalalabad; Foto: Ali Askar Lali

In dem Projekt, das Lali im Auftrag von DOSB und Auswärtigem Amt und in Kooperation mit dem DFB durchgeführt hat, standen insbesondere der Aus- und Aufbau des Jugendfußballs, die Integration von Frauen im Sport und die Weiterentwicklung der Sportstrukturen des Landes im Vordergrund.

Herr Lali, Sie haben bereits das siebte Fußball-Projekt in Afghanistan geleitet. Welche Entwicklungen haben Sie seit Ihrem ersten Einsatz beobachtet? Wie sehen die Sportstrukturen in Afghanistan aus? Kann man dort von einer organisierten Verbandsstruktur sprechen?

Als ich am 29. Mai 2003 mit dem ersten Projekt in Afghanistan begonnen habe, existierte kein Frauen- und Jugendfußball. Die Verbandsstrukturen entsprachen nicht denen eines Fußballverbandes.

Ende 2003 haben wir in der Zarghunaschule mit Fußballspenden die ersten Grundsteine für Frauenfußball gelegt. 2004 haben wir mit der Gründung der Frauenabteilung innerhalb des Fußballverbandes begonnen, Trainerinnen und Schiedsrichterinnen auszubilden und Turniere zu organisieren.

Jetzt existiert im Verband eine Abteilung, die von Frauen geleitet wird und ihre eigenen Schiedsrichterinnen und Trainerinnen  hat. Es gibt regelmäßige Turniere und eine Nationalmannschaft der Frauen. Aber es gibt immer noch viele Probleme im Frauenfußball, deren Wurzeln in der Gesellschaft von Afghanistan liegen.

Die Entwicklung im Jugendfußball ist viel zügiger und besser. Die Strukturen des Jugendfußballs sind im ganzen Land verbessert worden. Die Auswahlmannschaften treten international mit Erfolg auf. Es gibt in jeder Altersgruppe regelmäßige Turniere und Ligen. Die Aktivitäten des Verbandes auch in Grassrootsfußball sind viel intensiver und nicht nur auf die Städte konzentriert.

Der Verband arbeitet heute deutlich professioneller als noch vor zehn Jahren. In allen Provinzen des Landes wird regelmäßig Fußball gespielt. Die Ausbildung innerhalb des Verbandes funktioniert recht gut, der Verband hat inzwischen eine eigene Infrastruktur und es gibt seit 2012 eine nationale Liga mit dem Namen APL.

Welche Chancen ergeben sich durch die deutschen  Sportförderprojekte insbesondere im Hinblick auf den Frauenfußball?

Der Frauenfußball ist ein Produkt der deutschen Förderprojekte.  Besonders die Ausbildungsmaßnahmen bewirkten seit 2003 großartige Fortschritte in allen Bereichen des Frauenfußballs in Afghanistan. Diese Entwicklung bedeutet für die Frauen in Afghanistan viel mehr als nur die Möglichkeit, ihrer Lieblingssportart nachzugehen. Sie kämpfen auch, wie sie immer wieder selbst sagen, für die Rechte der Frauen in einer Gesellschaft, in der sie vor ein paar Jahren nicht einmal in die Schule gehen durften. Sie sehen sich als Vorreiter einer Bewegung für das Recht einer Frau, zu arbeiten, aktiv zu sein, Sport zu treiben und ihre Gleichwertigkeit auszudrücken. Die Mädchen, die Fußball spielen, treten viel selbstbewusster auf und nutzen die Gelegenheiten, die sich ergeben, besser aus. Innerhalb des Verbandes gibt es viele Erfolgsgeschichten. So manch eine Fußballerin verdankt ihre Karriere dem Fußball.

Mit welcher Motivation sind die Menschen Ihnen begegnet?

Die deutschen Fußballprojekte des Auswärtigen Amtes, des DOSB und des DFB genießen in Afghanistan einen guten Ruf. Die rasante Verbesserung in allen Bereichen des Fußballs verbindet man nicht nur innerhalb des Fußballverbandes mit den deutschen Fußballprojekten. Dadurch sind die Erwartungen an und auch die Verbundenheit mit den deutschen Experten sehr groß. Holger Obermann und Klaus Stärk sind nach vielen Jahren ihrer Arbeit in Afghanistan immer noch hoch anerkannt.

Sehen Sie durch die Förderung des Fußballsports eine Möglichkeit zur Befriedung des Landes und zu einem stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Der Fußball als der Sport Nummer eins in Afghanistan ist ein sehr wirksames Mittel, viele Probleme in diesem Land in den Griff zu bekommen. Kein anderes Ereignis eint das afghanische Volk besser, als wenn die Nationalmannschaft ein internationales Spiel bestreitet. Kein anderes Ereignis bringt so viele Menschen zusammen, wie ein Fußballspiel. Man würde mit nichts mehr Kinder und Jugendliche erreichen, als mit einer Einladung zum Fußballtraining.

Welches Ereignis wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Die Damen-Nationalmannschaft hat letztes Jahr an einem internationalen Turnier teilgenommen. Sie haben in diesem Turnier die Pakistanische Mannschaft mit 4:1 besiegt. Als sie zurückgekehrt sind, liefen gerade die APL-Spiele in Kabul. Man hat die Damennationalmannschaft gebeten, in der Halbzeit eines Spiels aufs Feld zu kommen. Als der Ansager das Auftreten der Mannschaft bekannt gab, standen alle Zuschauer auf, applaudierten für die Mannschaft minutenlang und riefen: „Lang leben die Helden aus Afghanistan“.
Dieser Vorfall bleibt mir deswegen immer in Erinnerung, weil ich darin die Akzeptanz des Frauenfußballs durch die Fans erlebt habe und weil ich gesehen habe, wie ein Fußballspiel aus verschiedenen Stämmen in diesem Land eine Nation bilden kann.

Welche Chancen sehen Sie für den Jugendfußball in Afghanistan?

Afghanistan ist eine Fußballnation. Es gibt nichts, womit man Jugendliche besser ansprechen könnte, als mit dem Fußball.

Der jahrzehntelange Krieg hat furchtbare Erinnerungen hinterlassen, besonders bei den Jugendlichen. Durch den Fußball als eine Mannschaftsportart lernen die Kinder und Jugendlichen, besser miteinander umzugehen, die Konflikte vernünftiger zu lösen, zu vergessen, was sie voneinander getrennt hat und schließlich die angenehme Atmosphäre zu genießen. Besonders die Jugendlichen sind von den Gefahren die von Drogen und Krieg ausgehen, betroffen. Sie spielen jedoch viel lieber Fußball, als selbst Spielball der Drogen- und Waffenhändler zu werden.

(Quelle: DOSB)


 
 

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