Hörmann: "Es kommt darauf an, die Segel richtig zu setzen"

05.12.2015

Für seine Rede unter diesem Motto hat Präsident Alfons Hörmann bei der 12. Mitgliederversammlung des DOSB am Samstag (5. Dezember) in Hannover großen Beifall der 456 Delegierten erhalten.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann erhielt in Hannover viel Lob für seine Rede mit "starkem Führungsanspruch".

Alfons Hörmann (m.) konnte in Hannover auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Hamburgs Ersten Bürgermeister Olaf Scholz begrüßen.

DOSB-Vorstandsvorsitzender Michael Vesper führte durch die Tagesordnung der 12. DOSB-Mitgliederversammlung. Alle Fotos: Frank May

„Es war kein normales Sportjahr wie viele zuvor“, sagte der DOSB-Präsident sechs Tage nach der Ablehnung der Hamburger Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024. In Anwesenheit von Bundesinnenminister Thomas de Maizière und dem Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Olaf Scholz, arbeitete Hörmann auch selbstkritisch den negativen Ausgang des Referendums  auf, kritisierte internationale Sportverbände und deutsche Vertreter in diesen Gremien und machte den Standpunkt des Sports gegenüber der Politik in der Frage der Leistungssport-Reform deutlich.

Zu möglichen Fehlern bei der Vorbereitung des Referendums sagte Hörmann zusammenfassend: „Ich würde es wieder tun, und ich würde es gleich tun." Er nannte „eine einzige, entscheidende Ausnahme“: Der Zeitrahmen zwischen der DOSB-Entscheidung für Hamburg bis zum Referendum sei zu kurz gewesen. „Das wurde zur verhängnisvollen Stolperfalle“, erklärte Hörmann.

Auch Olaf Scholz beteiligte sich in der Versammlung an der Aufarbeitung der gescheiterten Bewerbung. „Der Geist und die Begeisterung sind immer noch da“, sagte er. „Wir sind unverändert beseelt von der Überzeugung, dass wir sportliche Großereignisse veranstalten.“ Auch arbeite Hamburg weiter an seiner Dekadenstrategie für den Sport. Damit, so Scholz, habe Hamburg immerhin „ein kleines Erbe aus unserer Olympiabewerbung“.

Die Initiatoren der privaten Hamburger Initiative „Feuer und Flamme“, der Unternehmer Alexander Otto sowie die Gebrüder Frederik und Gerrit Braun, wurden mit der Ehrenmedaille des DOSB ausgezeichnet.

Hörmann richtete den Blick in die Zukunft. „Wir stehen 25 Jahre nach der Wiedervereinigung und zehn Jahre nach der Gründung des DOSB vor einer neuen Epoche des deutschen Sports", sagte er. „Wir werden diese Herausforderung offensiv angehen.“ Der Sport habe in den Tagen von Hannover „die notwendige Kampfkraft entwickeln“ können. „Wir werden mit großer Entschlossenheit daran arbeiten, dass die gesamte Gesellschaft in Deutschland die liebenswürdige Seite des Sports erkennt.“ Die Versammlung applaudierte ihm anschließend minutenlang stehend.

„Rede mit starkem Führungsanspruch“

Auch Thomas de Maizière zollte Hörmann anschließend Respekt. „Das war eine Rede mit einem starken Führungsanspruch“, sagte er. Er freue sich als Bundesinnenminister, aber auch persönlich, dass der DOSB-Präsident diesen Führungsanspruch wahrnehmen wolle. „Wenn Sie wollen, finden Sie im BMI und in mir einen starken Partner“, schloss de Maizière. „Wenn wir diesen Weg gemeinsam gehen, können wir viele Probleme überwinden.“

Zuvor hatte der Minister in seinem Grußwort einen Schulterschluss von Politik und Sport gefordert. „Was wäre das für ein Bild, wenn wir den Sportlern jetzt zeigten, dass wir in Enttäuschung baden und uns in gegenseitigen Vorwürfen ergötzen?“, fragte er und empfahl, gemeinsam nach vorne zu blicken und gemeinsam an die Arbeit zu gehen. „Da gibt es genug zu tun“, sagte de Maizière.

Notwendige Reform des Spitzensports

Da sei vor allem die Strukturveränderung in der Spitzensportförderung, die man nun ohne Rückenwind angehen müsse. „Wir müssen uns vergewissern, dass wir das alle wollen“, sagte de Maizière. „Sie ist sinnvoll und notwendig. Den begonnenen Weg sollten wir weitergehen. Aber es geht nur gemeinsam.“ Ministerium und Sport lägen nah beieinander, ergänzte er.  Aber es gebe auch Unruhe und die Bereitschaft, Gerüchten zu glauben.

De Maizière sprach damit vor allem ein online veröffentlichtes Papier an, in dem das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) die Idee eines Bundesamts für Sport für die Verwaltung des Spitzensports entwickelt hatte. „Das ist nicht unsere Vision“, sagte Hörmann dazu und rief dem Minister zu: „Ersparen Sie uns eine solche Entwicklung zurück in vergangene Jahrhunderte."

De Maizière nahm den Ball mit Ironie und deutlicher Kritik an der eigenen Abteilung auf. „Ich lese nicht die Internetauftritte meiner nachgeordneten Behörden jeden Tag“, sagte er und ergänzte später: Natürlich sei es üblich, Ideen zu entwickeln, aber „es war einfach dämlich, es auszuplaudern.“ Wie man Fördermittel für den Spitzensport abwickle, wolle man am Ende des Reformprozesses bereden. Aber, so de Maizière: „Dass jemand im BMI besser weiß, ob Sportler A oder Sportler B schneller läuft, ist natürlich blanker Unsinn.“

Darüber hinaus wisse die Politik, dass Förderung langen Atem brauche, ergänzte der Minister. Ein vernünftiges Konzept sei das beste Argument für mehr Geld. Aber auch dies bleibe Grundlage: „Wir wollen keinen Erfolg um jeden Preis.“

Glaubwürdigkeit des Sports

De Maizière sprach auch fehlende Glaubwürdigkeit des Sports an.  „Wir müssen aufpassen, dass die Menschen sich nicht abwenden“, sagte er. Es sei eine neue Dimension, wenn Funktionsträger in einem internationalen Verband in Dopingvergehen verstrickt seien. „Der Sport nimmt zu Recht für sich Autonomie in Anspruch“, sagte er. „Daraus ergibt sich aber auch die Pflicht, dass es den Regeln der Transparenz und Good Governance entspricht.“ Es dauere sehr viel länger, einen guten Ruf wiederherzustellen, als einen guten Ruf zu verlieren.

Kritik an FIFA und IAAF, an Zwanziger und Digel

Hörmann hatte dieses Thema mit deutlicher Kritik insbesondere an den ehemaligen Sportfunktionären Theo Zwanziger und Prof. Helmut Digel verbunden. Er hielt ihnen vor, sie seien ihrer Rolle als führende Repräsentanten des deutschen Sports im Internationalen Fußballbund (FIFA) und im Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) nicht gerecht geworden zu sein. „Wo blieb die Verantwortung derer, die uns in den internationalen Gremien vertreten haben?“, fragte Hörmann.

Besonders attackierte Hörmann die FIFA und deren suspendierten Präsidenten Joseph Blatter. „Es ist nur noch inakzeptabel und beschämend, was in dieser Organisation läuft“, sagte der DOSB-Präsident. „Alleine diese Person und Organisation haben viel Kredit und viel Rückenwind versaut.“ Nach den jüngsten Ereignissen „trauen wir uns selbst kaum noch, uns zu outen, dass wir Sportfunktionäre sind. Das kann nicht unsere gemeinsame Zukunft sein.“

Hörmann sprach auch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) an. Zur Nachricht, dass der Kandidat der Landesverbände für das Amt des Präsidenten 170.000 Euro pro Jahr erhalten, aber als Ehrenamtspräsident gelten soll, sagte der DOSB-Präsident: „Ich warne davor, eine Mogelpackung zu beschließen. Wo Ehrenamt draufsteht, muss echtes Ehrenamt drin sein.“

Angriffslustig zeigte sich Hörmann über die Aussagen von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der in einer Talkshow am vorigen Sonntagabend gesagt hatte, der Sport müsse liebenswürdiger werden. „Das klingt in der Adventszeit gut und sympathisch“, sagte Hörmann und fragte, ob es denn liebenswürdig sei, dass ein Drittel der Schulsportstunden entfielen oder das Bestehen des Schulwettbewerbs „Jugend trainiert für Olympia“ vor Monaten am seidenen Faden gehangen habe. „Das verstehen wir nicht unter Liebenswürdigkeit“, sagte er.

Erklärung „Flüchtlinge in Sportdeutschland“

In einer einstimmig verabschiedeten Erklärung „Flüchtlinge in Sportdeutschland“ sprach sich die Mitgliederversammlung für eine ausgiebige Willkommenskultur aus und forderte mehr Mittel. Der DOSB warnte zudem vor einer Überbelastung des Sports durch zu intensive Nutzung von Sporthallen als Notunterkünfte. Die Belegung von Sporthallen mit Geflüchteten solle „als letzte Notlösung“ zu verstehen sein und die „Zweckentfremdung auf ein unvermeidbares Minimum“ beschränkt werden.

Angesichts des großen Zuwachses an Flüchtlingen und Asylsuchenden und der Aufgaben ihrer mittel- und langfristigen Integration seien die Zuwendungen für das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ signifikant zu erhöhen,  erklärte der DOSB und dankte der Politik dafür.  De Maizière hatte dem Sport zuvor versprochen, er könne sich trotz schwieriger Zeiten „darauf verlassen, dass ich und alle Sportminister sich nicht nur mit ganzer Kraft um das Thema Flüchtlinge kümmern. Andere wichtige Aufgaben werden mit gleicher Sorgfalt gelöst werden, sonst kriegen wir in diesem Land noch ganz andere Probleme.“

Das wolle auch der Sport – gerade nach dem Erlebnis von Hamburg, sagte Hörmann. Es komme nicht darauf an, aus welcher Richtung der Wind komme – „es kommt darauf an, die Segel richtig zu setzen“.

Opens external link in new windowZu den Dokumenten und Beschlüssen der 12. Mitgliederversammlung >>>

(Quelle: DOSB)

 
 

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