Wohin geht die Reise mit dem deutschen Sport?

14.02.2017

DOSB-Präsident Hörmann spricht mit der "Allgäuer Zeitung" über die Großveranstaltungen in Oberstdorf, die umstrittene Spitzensportreform und das Versagen der internationalen Doping-Jäger.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann (l.) mit DSV-Präsident Dr. Franz Steinle in Oberstdorf. Foto: picture-alliance

Natürlich hatte Alfons Hörmann als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes eine Einladung für den glamourösen Ball des Sports letztes Wochenende in Wiesbaden. Doch statt auf rotem Teppich stand der 56-jährige Sulzberger im Matsch an der umgebauten Heini-Klopfer-Skiflugschanze. Wir nutzten Hörmanns Besuch in der Heimat und führten mit Deutschlands oberstem Sportfunktionär ein ausführliches Interview.

Herr Hörmann, wie wichtig war es aus Ihrer Sicht, die Skiflugschanze in Oberstdorf für zwölf Millionen Euro umzubauen und sie nicht zu einer Ruine verkommen zu lassen?

ALFONS HÖRMANN: Es gibt nicht allzu viele Sportarten, in denen es nur genau eine Sportstätte deutschlandweit gibt. Mit der Anlage in Oberstdorf steht und fällt hierzulande die Königsdisziplin Skifliegen. Für den Ski-Weltverband Fis ist es wieder- um wichtig, dass die fünf Flugschanzen weltweit den nächsten Schritt der Entwicklung gehen. Daher ist der Umbau eine zweifelsohne historische Weichenstellung für die nächste Generation.

Welche Resonanz haben Sie auf die Modernisierung der Schanze erhalten?

Für mich ist der alles entscheidende Punkt, was die Athleten erwarten und wie sie nun urteilen. Nachdem am Kulm und in Vikersund etliche bauliche Nachbesserungen am Profil Thema waren, ist es wunderschön, dass Oberstdorf einmal mehr ein Volltreffer in der Architektur und in der sportlichen Schanzenkonzeption gelungen ist. Umso größer ist auch die Vorfreude auf die WM in einem Jahr. Ich bin überzeugt: Wenn die Anlage insgesamt fertig ist, dann gibt es auch optisch noch ein ganz anderes Bild ab. An manchen Ecken war es diesmal doch noch stark von der Baustelle geprägt.

Auch andere Sportstätten in Deutschland müssen wohl dringend modernisiert werden. Sie sind viel gereist, haben viele marode Anlagen gesehen. Ist der Ist-Zustand wirklich dramatisch?

Ein Beispiel aus der Region ist der Eiskanal in Augsburg. Da wird heiß diskutiert, inwieweit er in die Denkmalliste aufgenommen wird. Seitens des Denkmalsamtes gibt es dazu massive Bestrebungen. Das wäre mittelfristig wohl das Aus für die sportliche Nutzung. Manchmal ist es also gar nicht so sehr nur eine Frage des Geldes. Wir werden darüber auch mit Augsburgs Oberbürgermeister Griebl  und  der Staatsregierung in München diskutieren, weil es der Region wehtun würde. Augsburg und Kanu ist seit Jahrzehnten eine Symbiose, die man auch so erhalten sollte. Der Erhalt und die Weiterentwicklung von Sportstätten wird uns künftig intensiv beschäftigen.

Wie wichtig ist das für die Sportler selbst?

Sehr wichtig. Nicht ohne Grund kämpfen die Fußballer um die Europameisterschaft 2024. Mit einer solchen Perspektive werden deutschlandweit wieder zahlreiche Stadien weiterentwickelt.

Es ist seitens des DOSB auch im Gespräch, die Zahl der Leistungszentren und Stützpunkte zu reduzieren. Sparen Sie da nicht an der falschen Stelle?

Nachdem die Mittel endlich sind, muss man sie konzentrieren. Man kann nicht jedem Schwimmer seine eigene Schwimmhalle bauen. Ganz allgemein formuliert: Die Disziplinen, in denen konsequent und professionell in Trainingsgruppen agiert wird, die sind national und international erkennbar auch erfolgreich. Ein Schwerpunkt für die Zukunft ist: Es muss einen jeweiligen hauptamtlichen Bundesstützpunktleiter geben. Es ist doch ein Unterschied, ob man 165 hauptamtliche Stützpunktleiter hat oder 205. An einzelnen Stützpunkten haben wir mehr hauptamtliche Mitarbeiter als Athleten. Das darf so nicht bleiben.

Die kleinen Sportarten fürchten  um ihre Existenz, wenn Sie ihnen den Geldhahn zudrehen ...

Das tun wir nicht. Ziel ist es, dass die gewachsene breite Sportstruktur in Deutschland so erhalten bleibt. Der entscheidende Schritt beim Konzept der Spitzensportstruktur war, dass alle Verbände eine Grundförderung bekommen. Es muss sich mindestens ein hauptamtlicher Bundestrainer oder Sportdirektor national um dieses Thema kümmern, Athleten bündeln, Sichtungen organisieren und gegebenenfalls Vereine koordinieren. Sonst wird es schwierig, überhaupt eine entsprechende nationale Erfolgsstrategie zu entwickeln. Im reinen Ehrenamt ist das heute nicht mehr zu leisten.

Gibt es denn hinsichtlich dieser nationalen Erfolgsstrategie ein Vorbild? Die Briten haben es ja vor den Spielen in London richtig gut gemacht. Oder geht Deutschland einen eigenen Weg?

Es ist eine Mischung aus beidem. Auf der einen Seite haben wir uns natürlich andere Konzepte angeschaut. In der reinen Erfolgsorientierung und Medaillenfokussierung sind sicherlich die Briten die Nation, die aktuell am besten aufgestellt ist. Im Winter würde ich da die Holländer mit ihren Eisschnellläufern einbeziehen. Wir sind genau diesen extrem fokussierten Weg bewusst so nicht gegangen – und mussten dennoch viel Kritik einstecken. Ich bleibe aber dabei: Ich würde nie und nimmer im Winter mit einer Bilanz von Holland tauschen, auch wenn die drei oder vier Medaillen mehr haben. Ich finde die breite Medaillenbilanz Deutschlands deutlich attraktiver. Das gleiche gilt für den Sommersport.

Die Zahl der Medaillen ist für Sie also gar nicht entscheidend?

Man darf nicht immer alles nur an den Medaillen festmachen. Basketballer und Volleyballer beispielsweise waren nicht bei den Spielen in Rio dabei. Beides sind aber doch Sportarten, die aus dem deutschen Sportsystem nicht wegzudenken sind. Wir dürfen ja nicht nur alle vier Jahre unter Olympia einen Strich machen und fragen, waren wir erfolgreich oder nicht. Es gibt in allen Disziplinen Ranglisten, Spielbetriebe, Welt- und Europameisterschaften. Das deutsche Eishockeyteam war in Sotschi auch nicht dabei und dennoch ist Eishockey eine klassische Sportart, die einfach zur DNA des deutschen Systems gehört.

Wie wollen Sie das konkret bei der Förderung berücksichtigen?

Wenn in bestimmten Disziplinen über Jahre oder Jahrzehnte keine Medaille geholt wurde und nicht sehr klar nachzuweisen ist, dass die Perspektive für die nächsten Jahre eine deutlich bessere ist, dann muss man aus Sicht des Bundesinnenministeriums und des DOSB die wohl berechtigte Frage stellen: Ist die klassische Spitzensportförderung in der Intensität notwendig wie sie bisher geleistet wurde? Im Grunde ist es nichts anderes, als das, was in jedem Unternehmen gemacht wird: analytisches Ausarbeiten, welche Voraussetzungen gegeben sind, wie man aufgestellt ist und ob es klare Konzepte gibt. Da haben wir in Teilbereichen der deutschen Verbände schon noch nennenswerten Nachholbedarf. Man kann große Unterschiede erkennen  zwischen den erfolgreichen und denen, die seit Jahrzehnten alles andere als gut aufgestellt sind.

Wie reagieren die Verbandsoberen auf ihre schonungslose Kritik?

Ich habe mich erst vor Kurzem mit zehn Generalsekretären aus DOSB-Verbänden getroffen. Die haben berichtet, dass eine völlig neue Dynamik in der Diskussion erkennbar ist. Die ehrenamtlichen Gremien sind viel offener für Weiterentwicklungen und Veränderungen, weil sie alle die anstehende Evaluierung im Hinterkopf haben. Um es plakativ und bildlich zu übertragen: Wann machen wir uns über unser Auto Gedanken? Meist kurz bevor die TÜV-Plakette abläuft. Im gewissen Sinne geht es ja jetzt um eine Art Verbands-TÜV bzw. den Sportarten-TÜV.

Und die Curler in Füssen sind durch die TÜV-Prüfung gerasselt. Was ist da genau passiert?

Vom ehrenamtlichen Präsidium über den Sportdirektor bis hin zum Bundestrainer wurde der Verband neu aufgestellt. Beim Fechten und beim Schwimmen geht es gerade in eine ähnliche Richtung.

Wie begleitet der DOSB diese Maßnahmen?

Da hilft ein Thema wie die Potenzial-Kommission, die Sportdeutschland analytisch bewerten wird. Den Verbänden wird durchaus bewusst: Wenn wir unsere Hausaufgaben nicht professionell erledigen, dann laufen wir Gefahr, dass die Förderung reduziert wird. Und das ist für viele eine Zäsur der großen Art. Beispielsweise könnten dann Geschäftsstellen und Personalstrukturen nicht mehr in der bisherigen Form finanziert werden. Das wird dann auch mal zum existenziellen Problem. Von den Mitgliedsbeiträgen und Sponsorenverträgen kann kaum einer der Verbände leben.

In  wie  weit  mischt  sich  der  DOSB auch in die Trainerstruktur und die Bezahlung der Trainer in einem Verband wie etwa den Curlern ein?

Wir begleiten das aktiv, aber zuständig bleibt der jeweilige Verband. Curling-Bundestrainer Thomas Lips zum Beispiel wurde aus der Schweiz geholt. Der wäre wohl nicht gekommen, wenn er keine angemessene Bezahlung bekommt. Man braucht nur schauen, woher die Trainer in den einzelnen Sportarten kommen: Die Fechter haben Italiener und Franzosen. Das zeigt, wir können international wettbewerbsfähige Perspektiven bieten. Jeder Verband bekommt ein entsprechendes Paket finanziert und das wird dann künftig sportfachlich bewertet und über Strukturgespräche jährlich neu bewertet.

Ist Ihnen dieses Prozedere persönlich nicht zu viel Bürokratie?

Die Gefahr besteht natürlich. Aber der Sport hat tendenziell eher die Schwäche, dass er vielleicht zu viel bauch- und zu wenig kopfgesteuert ist.

Zum Thema Doping: Ihre öffentliche Kritik am russischen System hat für viel Wirbel gesorgt ...

Ich finde es richtig und konsequent, dass seitens des IOC zwei Kommissionen eingesetzt sind. Meine Kritik an der Konstellation Rio halte ich aufrecht, weil die Vorgehenswiese des IOC für mich nach wie vor nachvollziehbar ist, dass dann aber auf der Ebene der Fachverbände und  der  Welt-Anti-Doping-Agentur zum Teil völlig unbefriedigend agiert wurde. Da hat sich zum Teil offensichtlich Schockierendes abgespielt, wie die Fachverbände damit umgegangen sind. Das war ja letztlich der Grund, warum dann sage und schreibe 280 Russen dabei waren. Das war eine Zahl, die ich mir nach der Beschlusslage nie und nimmer hätte vorstellen können.

Machen Sie sich generell Sorgen um das Image des Sports?

Ja, denn die Signalwirkung war in der Außenwirkung alles andere als gut. Viele stellen sich die Frage: Steht der Sport denn überhaupt noch für die Werte, die wir als richtig und wichtig sehen? Und ich gebe zu bedenken: In einem Jahr beginnen die Olympischen Spiele in Pyeongchang. Wenn die entsprechenden Kommissionen nicht in Windeseile beim Thema McLaren-Report und dessen Auswirkungen - ob im Guten oder im Schlechten - Klarheit schaffen, dann wird Pyeongchang zum zweiten Rio.

In vier Jahren findet in Oberstdorf die Nordische Ski-WM statt. In wie weit haben Sie als Fis-Vorstandsmitglied Sorge, dass da viel Zeit verstreicht, die nicht für Vorbereitungen genutzt wird?

Bei nüchterner Betrachtung bleibt das Fazit, dass jetzt acht Monate seit dem Zuschlag in Mexiko vergangenen sind. Und die WM ist ja nicht überraschend vom Himmel gefallen. Man hat lange genug gemeinsam dafür gekämpft. Es ist jetzt höchste Zeit, dass man Fahrt aufnimmt. Mit dem bedauerlichen Weggang von Stefan Huber entsteht ein weiteres, erhebliches Problem für das Projekt, das man sehr ernst nehmen muss.

Sie wurden zuletzt auch zu möglichen Rücktrittsgedanken befragt ...

Wenn man zwei Jahre an einem so großen Leistungssport-Konzept verantwortlich arbeitet, das ein ganz großer Schritt in der Sportentwicklung sein wird, bedarf es am Ende einer klaren Grundsatzentscheidung. Wenn in einem solchen Moment die Mitgliedsorganisationen nicht mit großer Zustimmung dahinterstehen würden, dann muss man sich naturgemäß die Frage stellen, ob man als Führungsteam in der Lage ist, den Sport so zu entwickeln, wie wir das alle als sinnvoll erachten. 51 Prozent wären für mich in einem solchen Thema keine Basis. Ich hatte mir 80 Prozent der Stimmen als Mindestgrenze gesetzt. Deshalb war die eine Gegenstimme von 439 natürlich die klarste aller Antworten und zugleich ein großer Vertrauensbeweis und jede Menge Motivation für die Zukunft. Da lässt sich dann auch mit Kritik von außen leben.

Stumpft man in Sachen Kritik im Laufe der Jahre nicht eh ab?

Wenn ich nicht in der Lage wäre, auch Tage ohne elektronische oder schriftliche Nachrichten auszukommen, dann wäre die erfolgreiche Umsetzung einer solchen Aufgabe nervlich und sachlich nicht zu machen. Natürlich ist dieses Amt ohne kritische Begleitung nicht möglich. Das hilft ja auch, die eigene Rolle immer wieder kritisch zu hinterfragen. Man muss einfach mit der notwendigen Mischung aus Sensibilität und Gelassenheit agieren. Doch das ist manchmal leichter gesagt als getan.

(Quelle: Allgäuer Zeitung, Kempten, Ausgabe vom 11.02.2017, Seite 28)


 
 

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