„Baku hat einen gewaltigen Stellenwert“

11.06.2015

Dimitrij Ovtcharov erlebt intensive Wochen: Ein Saisonhöhepunkt jagt den anderen, und zwischendurch wirbt der Tischtennis-Star für die Europaspiele. Acht Fragen an einen Wandler zwischen den Welten.

Dimitrij Ovtcharov, im Bild bei der WM im April in Suzhou (China), ist Sport-Botschafter für die Premiere der Europaspiele in Baku (Foto:picture alliance/dpa)

Dimitrij Ovtcharov, im Bild bei der WM im April in Suzhou (China), ist Sport-Botschafter für die Premiere der Europaspiele in Baku (Foto:picture alliance/dpa)

Sie sind in den vergangenen Wochen und Monaten als Botschafter für die Europaspiele aufgetreten. Wie kamen Sie zu der Ehre?

Tischtennis ist eine der Hauptsportarten der European Games. Der Veranstalter suchte einen Botschafter für diese Sportart und fragte bei mir an. Für mich ist es eine Ehre, für dieses große Sportevent einzutreten.

Sie haben schon mal in Baku gespielt. Wie würden Sie Ihr Bild von der Stadt zusammenfassen?

Die Sportanlagen haben mich schon im vergangenen Jahr schwer beeindruckt. Sie haben fast schon olympische Dimensionen. Auch die gesamte Stadt war schon bei meinem letzten Besuch auf die European Games eingestimmt. Überall hingen Werbebotschaften. Man gewinnt den Eindruck, die Bewohner sind sehr euphorisiert. Alle, die erstmals nach Baku reisen, sollten sich von vielen transportierten Meinungen frei machen. Dann werde sie manche positive Überraschung erleben.  

Sie haben intensive Wochen hinter sich: Anfang Mai war die WM in China, zuletzt haben Sie mit Fakel Orenburg die Finals um die russische Meisterschaft und die Champions League gespielt und jeweils knapp gewonnen. Was für einen sportlichen Stellenwert haben die Europaspiele da für Sie?

Einen gewaltigen, trotz allem. Immerhin wird in Baku ein Teilnehmerplatz für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Rio ausgespielt. Zudem hat jeder Kontinent seine Kontinentalspiele, nun also auch Europa, und die erste Auflage von so einem Event ist ja nochmal was Besonderes.

Sie spielen seit Jahren in Orenburg. Sind ihre ukrainischen Wurzeln in Russland und den dortigen Medien zurzeit ein Thema angesichts der schwierigen politischen Lage? Oder sind Sie da schlicht ein Deutscher?

Ich bin ein Sportler und werde als solcher anerkannt. Aus allen politischen Themen halte ich mich öffentlich raus.

Die Nummer Eins des Kontinents

Dimitrij Ovtcharov, geboren 1988 in Kiew, ist laut Weltrangliste der aktuell beste Tischtennisspieler Deutschlands und Europas. Er wird dort auf Platz 6 geführt, direkt vor Landsmann Timo Boll. Ovtcharovs Karriere nahm beim TSV Schwalbe Tündern (bei Hameln) ihren Anfang, wo ihn der Vater maßgeblich ausbildete, einst Nationalspieler für die Sowjetunion. 2007 machte der Sohn erste große Schritte, wechselte zu Borussia Düsseldorf, wurde Team-Europameister – der erste von vielen Erfolgen mit der deutschen Mannschaft, mit der er fünf weitere EM-Titel sowie Silbermedaillen bei Olympia (2008) und WM (2010) holte. Im Einzel gewann Ovtcharov, der als extrem trainingsfleißig und akribisch gilt, 2012 in London die Olympische Bronzemedaille – Ankunft ganz oben, die EM 2013 brachte den ersten großen Einzeltitel.
Bei den Europaspielen in Baku (12. bis 28. Juni) ist Ovtcharov, der seit 2010 sehr erfolgreich für Fakel Orenburg in Russland spielt, vor Timo Boll an Nummer Eins gesetzt.

 

Sie sind einer von vielen Topleuten im Tischtennis, die nicht in ihrem Heimatland spielen. Überhaupt scheint ein reger Austausch stattzufinden, bei der jüngsten WM spielte Timo Boll mit dem chinesischen Star La Mong Doppel. Täuscht der Eindruck oder hat kulturelle Herkunft in Ihrer Sportart noch weniger Bedeutung als im Sport allgemein?

Ich sehe da wenig Unterschiede. Auch im Fußball, Handball oder anderen Sportarten sind in einem Verein Spieler ganz unterschiedlicher Nationalität vertreten. Im Übrigen suche ich meine Freunde oder meinen Bekanntenkreis auch nicht nach Vereinszugehörigkeit aus, sondern nach dem Charakter der Menschen. Zu „meinem Kreis“ zählen Personen aus den verschiedensten Herkunftsländern. Meine Frau zum Beispiel ist ja gebürtige Schwedin.

Tischtennis ist ein Individualsport, in dem Team- bzw Nationenwettkämpfe eine enorme Rolle spielen, jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung. Ist es manchmal schwer, sozusagen die Identität zu wechseln: Eben war ich Dimitrij, jetzt spiele ich für Deutschland oder Orenburg?

Gerade in Deutschland haben die nationalen Team-Events eine besondere Bedeutung. Das kennt man ja auch aus dem Tennis, wo der Daviscup hierzulande weit höher angesehen ist als ein Einzelturnier. Da ich letztlich immer alleine am Tisch stehe, versuche ich jeweils meine beste Leistung zu bringen. Ob diese dann Deutschland, Gazprom Fakel Orenburg oder mir als Einzelsportler zu Gute kommt, ist während des Spiels völlig egal.

In manchen Sportarten verständigt man sich in der Sprache des jeweils dominanten Landes. Spricht man im Welt-Tischtennis Chinesisch?

Oh je, Gott sei Dank nicht. Chinesisch ist so schwer... Aber nach ein paar Jahren Super League kann ich zumindest einige Worte für eine Basisverständigung.  Auch bei uns ist die „Amtssprache“ dann eher englisch. Und viele Chinesen sprechen das inzwischen auch ganz ordentlich.

Nach offizieller Definition haben Sie einen „Migrationshintergrund“, eine Bezeichnung, von der sich viele junge Menschen in Deutschland mit ähnlicher Biografie distanzieren. Wie stehen Sie zu dem Begriff?

Ich bin in Kiew geboren und mit meiner Familie im Alter von drei Jahren nach Deutschland gekommen. Meine gesamte Erziehung, meine soziale Entwicklung hat in Deutschland stattgefunden. Deshalb fühle ich mich als Deutscher, der aber aus Erzählungen und Handlungen seiner Eltern und Großeltern auch um andere Kulturen und Denkrichtungen weiß. Mir ist der Begriff „Migrationshintergrund" von bestimmten Gesellschaftskreisen zu negativ besetzt, als dass ich ihn für mich anwenden möchte.  

(Quelle: DOSB / Fragen: Nicolas Richter)


 
 

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