„Bewerbung wäre ein Erlebnis für alle, die hier leben“

27.11.2015

Die Sportschützin Munkhbayar Dorjsuren steht vor ihrer siebten Olympiateilnahme. Ein Gespräch über den Reiz einer Bewerbung Hamburgs für 2024, Crocodile Dundee und Integration ohne Ende.

Die Sportschützin Munkhbayar Dorjsuren startete bis 2002 für die Mongolei, seitdem holt sie erfolgreich Medaillen für Deutschland...

Die Sportschützin Munkhbayar Dorjsuren startete bis 2002 für die Mongolei, seitdem holt sie erfolgreich Medaillen für Deutschland...

...so wie 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking, als sie Bronze gewann. (Fotos: Dorjsuren, picture-alliance/dpa)

...so wie 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking, als sie Bronze gewann. (Fotos: Dorjsuren, picture-alliance/dpa)

Frau Dorjsuren, Sie sind 46. Wäre es für Sie ein Anreiz, bis zu den Spielen 2024 weiterzumachen, wenn die in Hamburg stattfänden? Dann könnten Sie doch noch olympische Stimmung in der Stadt erleben, nachdem Sie beim dortigen Empfang der Olympiamannschaft 2012 nicht dabei sein konnten.

Das würde ich gerne erleben, aber bestimmt nicht mehr als Sportlerin. Wenn mal wieder Olympische Spiele in Deutschland stattfinden würden, wäre das eine tolle Sache. Ich erinnere mich an die Fußball-WM 2006, wie super da die Stimmung war, zum Beispiel hier in München. So ähnlich würde ich mir das für 2024 wünschen.

Was könnte das Besondere sein an Olympischen Spielen in Hamburg?

Hamburg ist eine richtige Hafenstadt, das gibt es nicht oft bei Olympia. Okay, Barcelona liegt auch am Meer, aber genau das meine ich: Da (bei den Olympischen Spielen 1992, d. Red.) war so eine Offenheit und Gelassenheit, dazu der wunderschöne Kontrast zwischen Land und Wasser. Hamburg ist sicher anders, aber die Stimmung könnte ähnlich sein. Außerdem wären es Spiele mitten in Europa, in einer der starken Nationen der Welt. Es wäre eine Gelegenheit zu zeigen, was wir in Europa können und haben. Und mir wäre wichtig, dass die Deutschen etwas Positives erleben.

Wie meinen Sie das?

Olympia bringt natürlich viele Touristen nach Deutschland und die Infrastruktur wird ausgebaut. Wobei hier ja vieles vorhanden ist und nicht wie in Peking alle Stadien neu gebaut werden. Ich meine also mehr das Gefühl der Leute, etwas Schönes zu erleben. Damals bei der Fußball-WM 2006, da waren die Menschen auf den Straßen so freundlich. Erinnern sie sich an den Film „Crocodile Dundee“? Da kommt Crocodile Dundee vom Land in die Stadt und begrüßt alle, denen er begegnet. So ungefähr war das damals in München, wenn Deutschland gespielt hat. Die Leute haben sich alle gegenseitig angelächelt.

Und so eine Atmosphäre wäre kein Anreiz, Ihre Karriere zu verlängern?

Ich mache schon viele Jahre Leistungssport und habe mehrere Gründe, bald aufzuhören. Zum Beispiel merke ich langsam, dass meine Augen nicht mehr so sehen, wie ich es mir wünsche. Das ist mit Sicherheit altersbedingt. Ich habe eine Hornhautverkrümmung. Das kann man zwar operieren, aber ob mir das helfen würde, weiß man nicht. Alle in meinem Umfeld raten mir davon ab.

Was hätten Olympische Spiele in Hamburg aus ihrer Sicht mit Integration zu tun?

Ich glaube, allein die Bewerbung, auch wenn sie am Ende keinen Erfolg haben sollte, bringt der Gesellschaft ganz viel Positives. Wir müssen breit denken heutzutage, bunt und global, und Sport oder Kunst und Kultur bringen die Menschen zusammen. Eine Bewerbung um Olympische Spiele ist etwas Nationales, ein Erlebnis für alle Leute, die hier leben. Deshalb kann sie das Thema Integration noch mehr in den Vordergrund rücken.

Die Volltrefferin

Munkhbayar Dorjsuren, 1969 in der Mongolei geboren, kam 1995 nach Leipzig, um an der damaligen Deutschen Hochschule für Körperkultur (DhfK) Sport zu studieren. Anschließend blieb die Schützin – Luft- und Sportpistole – in Deutschland, um seit 2002 für den Deutschen Schützenbund (DSB) zu starten. Seither wurde sie unter anderem Welt- und Europameisterin und holte 2008 Olympia-Bronze: erste und bisher einzige Olympiamedaille einer deutschen Pistolenschützin. Heute lebt sie in München. 

 

Sie kamen 1995 nach Leipzig. Sehen Sie sich selbst als Deutsche?

Zum Teil. Man sagt ja, wenn Kinder aus der Schule kommen, machen sie einen Schritt ins richtige Leben. Bei mir war das ähnlich, als ich nach Deutschland kam. Der Unterschied zur Mongolei ist sehr groß und ich musste mich anpassen, alles war anders. Aber heute ist hier mein Lebensmittelpunkt und ich fühle mich sehr wohl. Auch wenn die Eingewöhnung noch läuft.

Eingewöhnung, nach 20 Jahren?

Meine Integration ist nicht zu Ende, ich lerne immer wieder etwas Neues. Stellen Sie sich mal vor, Sie verlassen mit Mitte 20 Deutschland und ziehen in ein anderes Land, nach Australien oder die USA. Wahrscheinlich werden Sie sich nie ganz als Einheimischer betrachten, Sie werden nie zu 100 Prozent Australier oder Amerikaner sein, das ist meine Erfahrung. Aber: Ich lebe sehr gern hier und lerne auch gern immer wieder Neues.  

Was hat der Sport zu Ihrer bisherigen Eingewöhnung beigetragen?

Als ich nach Leipzig kam, kannte ich schon einige Leute vom Deutschen Schützenverband, zum Beispiel den damaligen Präsidenten. Mit der Zeit wurde der Kontakt immer enger, bis ich mich 2002 entschied, für Deutschland zu starten und einen Pass zu beantragen. Aber andere Sachen waren wichtiger, zum Beispiel, dass meine Schwester in Deutschland lebte und es in Leipzig eine größere Gruppe mongolischer Studenten gab. Das hat den Übergang erleichtert.

Noch 2002 wurden sie Weltmeisterin mit der Sportpistole, 2005 Sportsoldatin in der Bundeswehr, 2008 in Peking olympische Bronzemedaillengewinnerin, als erste Deutsche in ihrer Disziplin. Gaben Ihnen die Erfolge das Gefühl, anerkannt zu sein?

Sie haben vergessen, dass ich als Weltmeisterin auch die erste aus Deutschland war in meiner Disziplin. Ja, die Erfolge waren schon sehr wichtig und machen mich stolz, zumal ich das Gleiche für die Mongolei geschafft habe (Olympiabronze und WM-Titel, d. Red.), das gibt es nicht so oft. Ich bin eine Art Zugpferd des Verbandes in meiner Disziplin. Aber Schießen ist in Deutschland nicht hoch angesehen, leider, viel weniger als in der Mongolei und anderen Ländern. Deshalb ist die Anerkennung nicht so hoch.

In Rio erleben Sie ihre siebten Olympischen Spiele, eine Seltenheit. Werden es Ihre letzten sein?

Bei Schützen gibt es schon Mal sehr viele Teilnahmen, wie im Reiten. Der Gewehrschütze Raijmond Debevec zum Beispiel war ganz oft für Ex-Jugoslawien und Slowenien dabei (acht Mal, d. Red.). Wenn wir uns bei Olympischen Spielen sehen, fragt er mich immer: „Und, schießt Du weiter?“ Das finde ich witzig. 2012 war ich nach meinem Wettkampf sehr frustriert....

… Ihre Waffe klemmte im entscheidenden Moment, nachdem Sie zuvor den Ausrüster gewechselt hatten. Sie hatten eine Medaillenchance und wurden dann Zwölfte.

Richtig. Als wir uns danach zufällig trafen, sagte er: „Ich habe gehört, was Dir passiert ist. Jetzt schießt Du weiter, so hörst Du nicht auf. In Rio bist Du nochmal dabei.“ Aber nach 2016 ist wahrscheinlich Schluss.

(Quelle: DOSB / Fragen: Nic Richter)


 
 

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