„Das ist genau der richtige Moment“

24.07.2015

Michaela Engelmeier, sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und Vizepräsidentin des Deutschen Judo-Bundes, spricht als Patin der European Maccabi Games 2015 über ein wahrhaft besonderes Sportereignis.

Michaela Engelmeier, MdB, gibt bei den European Maccabi Games 2015 in Berlin als Patin den Startschuss beim Halbmarathon (Bildquelle: SPD, Foto: Florian Jaenicke)

Michaela Engelmeier, MdB, gibt bei den European Maccabi Games 2015 in Berlin als Patin den Startschuss beim Halbmarathon (Bildquelle: SPD, Foto: Florian Jaenicke)

Sie engagieren sich bei den European Maccabi Games in Berlin als sogenannte Patin. Bedauern Sie, dass Judo dort nicht zum Wettkampfprogramm gehört?

Ja, das finde ich wirklich schade. Ich sollte ja eigentlich Patin für Judo werden. Später hat man mir gesagt, dass Judo nicht dabei sein wird, weil es nicht genug gemeldete Athletinnen und Athleten gibt. Daraufhin habe ich mich für meine zweite Leidenschaft entschieden: Ich bin begeisterte Läuferin und habe gesagt, dass ich stattdessen die Patenschaft für den Halbmarathon übernehmen möchte.

In Ihrer Funktion als Patin schreiben Sie auf der Website der European Maccabi Games, dass sie schon mal Gast bei der Maccabiah waren, den jüdischen Weltspielen in Israel. Wie haben Sie das erlebt?

Ich war mehrfach bei den Maccabi World Games, in meiner Funktion als Vizepräsidentin des Deutschen Judo-Bundes. Das muss 2001 und bei den zwei darauffolgenden Malen gewesen sein, 2005 und 2009. Das war schon ein tolles Erlebnis. Ich wusste früher gar nicht, dass das die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt ist, und in Israel entsteht da eine ganz besondere Atmosphäre. Bei der Eröffnungsfeier sieht man die Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt einlaufen, die gekommen sind, um in ihrem gelobten Land Sport zu treiben. Für mich war das ein Gänsehaut-Feeling. Und ich fand die Wettkämpfe sehr spannend. Ich habe mir nicht nur Judo angeschaut, sondern auch Laufen und viele andere Sportarten.

Sie sagten, Sie wussten früher nichts von der Existenz von Makkabi-Spielen. Nun finden die European Maccabi Games erstmals in Deutschland statt. Inwiefern war und ist das ein Thema im politischen Berlin, zum Beispiel in den Gremien und bei den Abgeordneten?

Wir haben allen Kolleginnen und Kollegen davon erzählt. Viele waren überrascht, sie kannten Makkabi und die Games nicht. Aber Makkabi Deutschland hatte die Gelegenheit das Projekt im Sportausschuss des Deutschen Bundestages vorzustellen. Dem Thema wurde eine ganze Sitzung gewidmet. Und über die Sportpolitiker aller Fraktionen sind die Spiele im Bewusstsein der Politik angekommen, habe ich den Eindruck.

Das völkerverbindende Drumherum

Die European Maccabi Games finden 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus dort statt, wo jüdische Sportler 1936 von den Olympischen Spielen ausgeschlossen waren. Im Vorfeld haben Juden nicht nur in Deutschland viel diskutiert, ob die Zeit reif sei für so eine Veranstaltung, die Gedenken mit einen „positiven, internationalen Geist“ verbinden soll, wie es heißt. Was erwarten Sie von den Spielen?

Die Wettkämpfe an sich sind nur für jüdische Sportlerinnen und Sportler offen, aber das ganze Event, die World Games und auch die European Games wirken völkerverbindend. Das Kultur- und Bildungsprogramm, das Miteinander der Nationen und Religionen im offiziellen Rahmen und unter hoffentlich sehr vielen Zuschauern im Stadion. Dass, Sie sagten es, 70 Jahre nach Ende der Shoah, am Ort von Hitlers Propagandaspielen jüdische Athletinnen und Athleten solche Wettkämpfe austragen können, darin liegt ein unfassbar großes und gutes Zeichen. Ich finde, es ist genau der richtige Moment, zu zeigen, was für ein lebendiges jüdisches Leben wir in Deutschland haben. Dass es zum Beispiel vor der Eröffnungsveranstaltung eine Gedenkfeier gibt, halte ich für ein wichtiges Zeichen.

Eine Frau macht Karrieren

Der Sport und das Soziale waren immer die Themen von Michaela Engelmeier. Die 1960  geborene Politikerin kämpfte einst in der Auswahl des Deutschen Judo-Bundes und blieb dem Verband auch nach der aktiven Zeit treu, in erster Linie als Vizepräsidentin (seit 2000). Beruflich war die staatlich geprüfte Erzieherin früher unter anderem als Leiterin einer Kindertagsstätte und Bezugspädagogin sowie Judolehrerin einer Förderschule tätig, ehe ihre politische Karriere begann. Seit 1992 SPD-Mitglied, zog Engelmeier 2009 in den Vorstand ihrer Partei und im Herbst 2013 in den Bundestag ein, als Abgeordnete des Oberbergischen Kreises. Sie ist sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Obfrau im Sportausschuss, gehört dem Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung als auch der Israelischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag an. Als Patin der European Maccabi Games steht sie neben Ursula von der Leyen, Jerôme Boateng und weiterer Prominenz aus Sport und Politik. Am 2. August gibt sie in dieser Funktion den Startschuss zum Halbmarathon-Rennen.  

 

Kein so gutes Zeichen ist, dass der Etat der Spiele von etwa 7 auf 5 Millionen Euro gekürzt werden musste, weil sich der Bund und vor allem die Wirtschaft weniger stark engagieren als von den Organisatoren erhofft. Wie sehen Sie das?

Ich will zunächst betonen: Dass der Bundespräsident die Schirmherrschaft über die Europaen Maccabi Games übernommen hat, finde ich eine unheimlich starke Aussage. Dazu bezuschusst der Bund das Ganze mit 850.000 Euro ...

Ein angemessener Beitrag aus Ihrer Sicht?

Wenn man bedenkt, wie viele Sportveranstaltungen wir als Bund sonst noch unterstützen müssen, glaube ich das schon. Dass die Wirtschaft nicht so mitgezogen hat, hat mich auch ein bisschen enttäuscht und tut mir leid für Makkabi. Die Sponsorensuche gestaltet sich immer schwierig und ist mit gewissen Risiken verbunden. Nachdem Makkabi Deutschland das Projekt im Sportausschuss vorgestellt hat, haben wir Sportpolitiker parteiübergreifend noch viel versucht, um weitere Mittel zu generieren.

„Sport bringt die Menschen zusammen“

Das ist ein historisch hochbedeutsames Ereignis und eine einmalige Gelegenheit, ein Zeichen gegen den im vergangenen Jahr aufgeflackerten Antisemitismus in Deutschland zu setzen, trotzdem fehlt Geld: Wird das integrative Potenzial des Sports an dieser Stelle, beim Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden, noch unterschätzt?  

Ich glaube ja, aber dabei sollte das Augenmerk nicht nur auf der Politik liegen. Manche Menschen haben vielleicht von Vereinen wie Makkabi Köln oder Makkabi Berlin gehört. Aber wenn ich  den Leuten erzähle, dass es eine jüdische Sportorganisation gibt, die weltweit und auch in Deutschland tätig ist oder dass die World Games die drittgrößte Sportveranstaltung überhaupt sind, dann stoße ich immer auf großes Erstaunen. Man müsste das Thema stärker publik machen.

Und die Menschen müssten genauer hinschauen und -hören. Viele scheinen sich in ihrer Wahrnehmung und Bewertung jüdischen Lebens hierzulande nach der Politik der israelischen Regierung zu richten.

Genau, das wird leider oft direkt übertragen, obwohl es zwei ganz verschiedene Dinge sind. Deshalb müsste es mehr Sportveranstaltungen wie diese geben. Integration durch Sport ist ein tolles Mittel, um Leute zusammenzubringen, ob das nun Menschen mit oder ohne Mitgrationshintergrund sind oder Juden und Nichtjuden.

(Quelle: DOSB / Fragen: Nicolas Richter)

 
 

Sport für Alle Partner

Sport für Alle Partner