Das Zeichen von Berlin

27.07.2015

Die European Maccabi Games finden zum ersten Mal in Deutschland statt, 70 Jahre nach dem Ende der Shoah. Sie stehen für den Behauptungswillen der jüdischen Gemeinschaft – und die Idee von Integration durch Sport.

Davidstern des Sports: Makkabi Deutschland, 1903 entstanden, 1965 wiedergegründet, hat etwa 4000 Mitglieder. Ihre besten starten bei den EMG. (Foto: Makkabi)

Davidstern des Sports: Makkabi Deutschland, 1903 entstanden, 1965 wiedergegründet, hat etwa 4000 Mitglieder. Ihre besten starten bei den EMG. (Foto: Makkabi)

Es ist ein Großereignis. Und ein großes Ereignis. Die European Maccabi Games (EMG) in Berlin zählen zu den teilnehmerstärksten Sportveranstaltungen, die Deutschland 2015 erlebt; gut 2000 Aktive aus 37 Ländern – inklusiver einiger Gastnationen wie USA und  Australien – kämpfen vom 28. Juli bis 5. August um Medaillen. Vor allem aber sind die vierjährlich ausgetragenen Europaspiele des jüdischen Sports von enormer „historischer und gesellschaftspolitischer Bedeutung […] für Deutschland, Berlin und die jüdische Gemeinschaft“. So formulieren die Veranstalter um Alon Meyer, Vorsitzender von Makkabi Deutschland, und Oren Osterer, Leiter des Organisationskomitees, auf der Event-Website zusammen, was sie in den vergangenen Monaten oft betont haben und was zudem EMG-Botschafter Marcel Reif und die „Paten“ der 19 EMG-Sportarten – von Badminton über Halbmarathon (siehe Interview) bis Wasserball – zum Ausdruck brachten.

Die besagte Bedeutung spiegelt sich im Engagement von Bundespräsident Joachim Gauck als Schirmherr ebenso wie im beträchtlichen Medieninteresse. In der Besetzung des Kuratoriums, dem etwa Bundesinnenminister Thomas de Maiziére, der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster und DOSB-Präsident Alfons Hörmann angehören, wie in der Unterstützung durch den organisierten Sport, den DOSB, den DFB oder den Landessportbund Berlin. Die breit angelegte Sponsorenakquise hingegen verlief nicht wie erhofft, auch wenn sich kurz vor Schluss „noch ein bisschen was“ ergab, so Osterer. Vor allem deshalb muss sein Team mit einem Budget von etwa 5 statt geplanter 7 Millionen Euro auskommen. Der größte Einnahmeposten sind die Beiträge der Teilnehmer.

70 Jahre danach

Der Punkt ist: Die EMG, wichtigstes jüdisches Event in Europa, finden erstmals in ihrer 86-jährigen Geschichte (siehe Kasten) in Deutschland statt. „Es ist sicherlich ein Zeichen, dass diese Spiele an diesem Ort sein werden", sagte Osterer im April der „Süddeutschen Zeitung“. Denn diese Spiele werden 70 Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Herrschaft eröffnet und – auf den Tag genau – 50 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem Staat Israel. Nicht zu vergessen: auch 50 Jahre nach der Neugründung von Makkabi Deutschland, der nationalen Vertretung der Maccabi World Union, Weltverband des jüdischen Sports.

Wettkampf und Begegnung

Die European Maccabi Games (EMG) gibt es seit 1929, damals erlebte Prag die ersten Wettkämpfe zwischen den besten jüdischen Sportlern Europas. Seit 1959 finden sie alle vier Jahre statt, 2015 erstmals in Deutschland, aber nicht erstmals auf dem Boden des ehemaligen Dritten Reichs: Der letzte EMG-Gastgeber war im Jahr 2011 Wien. Die Spiele 2015, vorwiegend im Olympiapark ausgetragen, wurden auf der Waldbühne eröffnet, mit – um einige Programmpunkte zu nennen – einer Rede von Bundespräsident Joachim Gauck, dem Einlauf der gut 2000 Athletinnen und Athleten und einem Doppelauftritt im Zeichen der Toleranz des deutsch-muslimischen Sängers Adel Tawil und seines amerikanisch-jüdischen Kollegen Matisyahu. Das Bildungs- und Rahmenprogramm umfasst etwa einen Besuch mit Jugendlichen der Gedenkstätte Sachsenhausen respektive Spiele zwischen Maccabi Tel Aviv und Alba Berlin (Basketball) sowie einer EMG-Auswahl und den DFB-Allstars. Weitere Fakten zum Event sowie zur Makkabi-Bewegung liefert die Internetseite www.emg2015.de.


Was diesen Ort angeht: Der Berliner Olympiapark, 2015 Schauplatz der meisten Wettkämpfe, erlebte 1936 die Propagandaspiele der Nazis, deutschen Juden war die Teilnahme verboten. Hier, genau hier, wollen Männer wie Meyer (41) und Osterer (34), Repräsentanten der jüngeren Erwachsenengeneration, einerseits erinnern, andererseits auf die Gegenwart verweisen. Darauf nämlich, dass das jüdische Leben hierzulande „wieder blüht und wir ein fester und selbstbewusster Teil der deutschen Gesellschaft geworden sind“, so Meyer. Dass der Antisemitismus aus dieser Gesellschaft nicht verschwunden ist, dass er sich im letzten Jahr bisweilen „erschreckend offen auf deutschen Straßen“ äußerte – so Osterer in einem Doppelinterview mit seinem Vater Gideon Osterer, früherer Vorsitzender von Makkabi Deutschland –, dem tragen die Organisatoren mit umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen Rechnung. Und indem sie, etwa im Rahmen der Eröffnungsfeier, interkulturelle und -religiöse Begegnungen schaffen und im Bildungsprogramm Bewusstsein.   

Integrationsmotoren namens Makkabi

So sind die European Maccabi Games eine Veranstaltung im Sinne von Integration durch Sport. Tatsächlich ist das gleichnamige DOSB-Programm nicht nur ideell mit den EMG und Makkabi Deutschland verbunden, sondern auch konkret. Nicht wenige der zurzeit 37 jüdischen Sportvereine hierzulande – die meisten sind in diesem Jahrtausend entstanden oder entscheidend gewachsen, infolge starker jüdischer Zuwanderung aus den damaligen GUS-Staaten – kooperieren mit IdS, einigen nehmen an den Spielen, in Gestalt von Aktiven, Betreuern, Kampfrichtern, Zuschauern, Volunteers teil.

Der offene Geist der Spiele entspricht der Grundhaltung der meisten Makkabi-Vereine, die mitnichten nur Juden ansprechen. So hat der IdS-Stützpunkt Makkabi Rostock laut Sportwart Aleksander Bondar etwa aktive 100 Mitglieder: vier verschiedene Glaubensrichtungen, mit und ohne Migrationsgeschichte, mit und ohne Behinderung. Makkabi Hamburg seinerseits integriert laut Vorstandsmitglied Andrea Ajzensztejn nicht nur die Kulturen – viele Sportler und Funktionsträger stammen aus Osteuropa –, sondern auch Bewohner verschiedenster Stadtteile. Und damit sozialer Schichten.

Natürlich sind die Spiele von Berlin eine Riesensache für eher kleine Vereine wie die genannten. Ajzensztejn sagt: „Es ist sehr wichtig für uns, dass jetzt so eine Veranstaltung in Deutschland stattfindet.“ Nicht nur gesellschaftspolitisch. Makkabi Hamburg, offiziell 1977 gegründet, bemüht sich erst seit kurzem gezielt um Wachstum, auch unterstützt von IdS in der Hansestadt. „Wir sind dabei, Abteilungen wie Marathon, Basketball oder Sambo aufzubauen“, sagt Aizensztejn, das habe „schon viele neue Mitglieder gebracht“. Noch schwanke deren Zahl, etwa zwischen 150 und 200. „Durch die European Maccabi Games bekommen wir bestimmt nochmal Rückenwind.“ Ein Schwimmer ihres Vereins ganz besonders: Er ist dabei in Berlin.

Die Hälfte der Mitglieder fährt nach Berlin

Ebenso wie Aleksander Bondar. Der Rostocker Sportwart, auch Bundestrainer im Rollstuhlfechten und sportartübergreifender Cheftrainer beim Verband für Behinderten- und Relegationssport Mecklenburg-Vorpommern, ist selbst als Fußfechter (ohne Behinderung) aktiv. Als einer von fünf (!) Athleten seines Vereins steht der 34-Jährige im neunköpfigen deutschen Fechtteam für die EMG, das übrigens von seinem Vater betreut wird, dem Gründer von Makkabi Rostock. Für den Sohn geht es in Berlin zuerst um Siege: „Natürlich spielt die Geschichte eine Rolle; es geht darum, zu zeigen, dass wir hier trotz des Dritten Reiches leben und uns nicht verstecken müssen. Aber das ist eine Sportveranstaltung, beim Sport ist es egal, ob man jüdisch ist oder nicht. Und Sport macht mehr Spaß, wenn man gewinnt.“   

Bondar sagt, Makkabi kooperiere eng mit anderen Rostocker Vereinen: Wenn jemand Interesse an Sportarten hat, die man nicht selbst anbietet, vermittelt man ihn weiter. Aus seinem Club, erzählt er außerdem, werden 40 bis 50 Mitglieder als Zuschauer zu den EMG fahren, Juden wie Nichtjuden, und die „Ostsee-Zeitung“ schicke einen Journalisten, wegen der Rostocker Fechter. Aussagen, die die Botschaft der EMG-Organisatoren bestätigen: Wir sind angekommen in Deutschland.   

(Autor: Nicolas Richter)

 
 

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