Ein Vorbild für die Älteren

04.05.2015

Victoria Arbuzova hat den Sprung geschafft. Angefangen als Praktikantin, arbeitet sie inzwischen fest im Programm IdS. Die 28-Jährige hat selbst vollzogen, wozu sie nun andere Frauen motiviert: Verantwortung zu übernehmen.

Abenteuer in der Heimat: Als Volunteer der Winterspiele 2014 stand Victoria Arbuzova morgens um 5 in Sotschi auf, um pünktlich ihren Arbeitsplatz in den Bergen von Krasnaja Poljana zu erreichen: das dortige Olympische Dorf. (Quelle: Arbuzova)

Abenteuer in der Heimat: Als Volunteer der Winterspiele 2014 stand Victoria Arbuzova morgens um 5 in Sotschi auf, um pünktlich ihren Arbeitsplatz in den Bergen von Krasnaja Poljana zu erreichen: das dortige Olympische Dorf. (Quelle: Arbuzova)

Sie waren 2014 bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi dabei. Wie kamen Sie dazu?

Das hatte mit „Integration durch Sport“ zu tun. Ich kenne das Programm seit 2012, damals habe ich ein zweiwöchiges Praktikum gemacht, bei einem Schwimmcamp für Migrantinnen. Danach habe ich mich ehrenamtlich in verschiedenen Projekten engagiert, vor allem in Frauenprojekten. Als ich von dem Volunteer-Projekt (mehr dazu siehe hier, d. Red.) in Sotschi hörte, habe ich mich natürlich sofort beworben. Ich habe an allen Tests und Vorbereitungsmaßnahmen teilgenommen und mich erfolgreich qualifiziert.

Was genau war Ihre Aufgabe in Sotschi?

Ich war im Olympischen Dorf in den Bergen beschäftigt, dort waren etwa 3000 Athleten untergebracht. Eigentlich habe ich im Event-Service gearbeitet, aber in der Praxis hatte ich ganz verschiedene Aufgaben. Zum Beispiel die Zugangskontrolle, die Betreuung der Athleten oder das Übersetzen, vor allem im Kontrollbereich, aber auch bei Media-Touren durch das Dorf mit Journalisten; Deutsch, Russisch, Englisch, drei Sprachen. Außerdem waren wir für die Stimmung (der Athleten) im Dorf verantwortlich, wir durften die Welcome Ceremonies mitgestalten und haben Veranstaltungen für die Athleten im Dorf organisiert.

Sie waren sehr nah an den Athleten beziehungsweise den Teams aus den verschiedenen Ländern dran. Was war anders als erwartet?

… (überlegt.) Das ist gar nicht so einfach. Auf jeden Fall war es etwas Einmaliges. Dieses Gefühl, ein Teil des größten Sportfests der Welt zu sein, ist unbeschreiblich. Was mich zum Beispiel sehr bewegt hat, war, dass wir die Gefühle der Athleten miterleben durften, die den Augen der Öffentlichkeit und den Kameras verborgen blieben. Wir konnten sehen, mit welchen Emotionen sie zu den Wettkämpfen gingen und wie sie danach feierten, wenn sie eine Medaille gewonnen hatten; oder ihre Tränen, wenn sie eine Niederlage erlebt hatten. Das war sehr beeindruckend. Außerdem sieht man, wie Bekanntschaften zwischen Athleten aus ganz verschiedenen Nationalmannschaften entstehen. Da sitzen zum Beispiel Athleten aus Brasilien mit welchen aus Deutschland beim Mittagessen und unterhalten sich wie selbstverständlich.

Von Sotschi nach Potsdam

Inzwischen haben Sie eine Stelle im Programm „Ids“ bei der Sportjugend Brandenburg, und zwar als  „Koordinatorin offene Integration“. Was darf man sich darunter vorstellen?

Ich arbeite gemeinsam mit einer erfahreneren Kollegin in Projekten, in neuen Projekten vor allem. Ein Schwerpunkt ist zum Beispiel das Katjes-Projekt (Infos siehe hier) oder  „ZuG“ („Zugewandert und Geblieben“, siehe hier). Außerdem mache ich Öffentlichkeitsarbeit, ich schreibe Pressemitteilungen oder Beiträge für Broschüren.

Sie kamen einst nach Deutschland, um hier zu studieren. Was hat dieser Job mit Ihrem Studium zu tun?

Ich habe einen Masterstudiengang abgeschlossen, im Fach Fremdsprachenlinguistik mit Schwerpunkt Kommunikation. Das hilft schon sehr, besonders natürlich in der Öffentlichkeitsarbeit.

Das Sprachtalent packt zu

Victoria Arbuzova, 28, ist in Kaluga bei Moskau aufgewachsen, bevor sie 2007 zum Studium nach Deutschland kam. Als sie 2014 als Volunteer zu den Olympischen Winterspielen reiste, hatte sie gerade ihren Master in Fremdsprachenlinguistik gemacht. Schon ein paar Tage nach ihrer Rückkehr aus Sotschi nahm sie ihre Tätigkeit für das Programm „Integration durch Sport“ (IdS) auf: Dort, im Olympiapark, hatte sie ein Anruf von Uwe Koch erreicht, des IdS-Programmleiters in Brandenburg, dass der Arbeitsvertrag vorliege, unterschriftsreif. „Das war eine große Chance, und ich glaube, man sollte die Chancen nutzen, die man bekommt“, sagt Victoria Arbuzova. Eben darin liegt wiederum eine Chance für das Programm: Mitarbeiterinnen (und Mitarbeiter) zu haben, die solch eine Biografie mitbringen und solch eine Motivation.

Wie wichtig ist Ihre Mehrsprachigkeit in Ihrer Arbeit? Migrantinnen in Brandenburg sprechen ja überwiegend Russisch, oder?

Viele sprechen russisch, das stimmt, wobei es zum Beispiel auch vietnamesische Migrantinnen gibt. Ich sehe meine Sprachkenntnisse schon als Stärke in der Programmarbeit und habe entsprechende Erfahrungen gemacht, gerade im ZuG-Projekt. Da fällt es den älteren russischsprachigen Migranten leichter, mir zu vertrauen, sie fühlen sich sicherer; dass ich eine Frau bin, hilft sicher auch. Und bei dem erwähnten Schwimmcamp für Migrantinnen 2012 habe ich ein Sprachtraining angeboten. Das lief gut und seitdem biete ich in allen Projekten irgendetwas mit Sprache an, nicht nur bei den Schwimmcamps, die wir jedes Jahr machen. Es gibt immer Fragen, was das oder das heißt oder welche speziellen Fehler sie im Deutschen machen.

Wie gut oder weniger gut können die meisten dieser Frauen Deutsch?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt einige, die leben schon seit 20 Jahren hier und sprechen Deutsch fast wie eine Muttersprache. Aber viele haben mehr oder weniger nur Grundkenntnisse. Sie bewegen sich fast nur in ihrem kulturellen Kreis und sprechen kaum Deutsch.  

Aus Teilnahme wird Teilhabe

Und das ändert sich in den Projekten Ihrer Erfahrung nach?

Ja. Durch Sport kann man die Frauen auf lockere Weise motivieren, mehr zu sprechen. Wenn sie die Schwimmtrainerin fragen, was sie anders machen sollen, vergessen sie ganz schnell, dass sie Angst vor Sprachfehlern haben – jetzt geht es ums Schwimmen, das ist wichtiger. Wir versuchen unsere  Projektteams ja international zu besetzen, viele Übungsleiter sprechen nur Deutsch. Aber wenn es wirklich mal ein Problem gibt und man eine Übersetzerin braucht, bin ich dabei. Und beim Schwimmcamp 2014 zum Beispiel hatten wir unter den Teilnehmerinnen Frauen ganz verschiedener  Muttersprache: Russisch, Vietnamesisch, Ungarisch, Polnisch. Da war Deutsch die gemeinsame Sprache, die alle verbunden hat.  

Das Programm IdS macht einen Unterschied zwischen der Teilnahme, also dem Sporttreiben, und Teilhabe, dem Übernehmen von Verantwortung, etwa als Übungsleiterin oder Vereinsvorstand. Fördert Projektarbeit, wie Sie sie beschreiben, nur die Teilnahme, oder auch die Teilhabe von Frauen am Sport?

Wie gesagt, Migrantinnen bewegen sich im Allgemeinen in ihren eigenen Kreisen, also mit ihren Landsleuten. Wir wollen erreichen, dass sie sich stärker auch außerhalb dieses Kreises bewegen. In der Praxis stellt man fest: Fast jede Frau hat ein besonderes Talent, das sich durch die Projektarbeit entfaltet. Die Projektteilnehmerinnen überwinden einfach eine Grenze, wenn sie zum Beispiel endlich schwimmen lernen – zumindest das Seepferdchen schaffen am Ende eines Camps fast alle – und mehr Deutsch sprechen. Sie werden motivierter und selbstbewusster, stecken sich gegenseitig an, überwinden ihre Ängste und stellen sich neuen Zielen.  

Und das motiviert sie auch zu einem Engagement im Sportverein?

Darum geht es ja für uns: die Frauen kennenzulernen und allmählich an einen Sportverein heranzuführen. In den Projekten bekommen sie eine Plattform, auf der sie im Mittelpunkt stehen. Daraufhin entwickeln sie eigene Ideen, die sie dann auch umsetzen wollen, und das können sie im Verein. Ich hatte schon oft mit Frauen zu tun, die als Projektteilnehmerinnen angefangen haben und jetzt im Vorstand des Vereins sind. Wenn ich so etwas sehe, das fasziniert und begeistert mich so an meiner Arbeit.

(Quelle: DOSB / Das Interview führte Nicolas Richter)


 
 

Sport für Alle Partner

Sport für Alle Partner