„Wir wollen Diskussionen anregen“

20.08.2015

Wissenschaftlicher Begleiter: Der Berliner Sportsoziologe Sebastian Braun nimmt mit einer Arbeitsgruppe an der Humboldt-Uni die Arbeit von IdS unter die Lupe. Ein Gespräch über erste Daten – und wozu das Ganze gut ist.

Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter der Abteilung "Integration, Sport und Fußball" und Professor für Sportsoziologie an der HU Berlin, Foto: Alexander Sell

Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter der Abteilung "Integration, Sport und Fußball" und Professor für Sportsoziologie an der HU Berlin, Foto: Alexander Sell

Sie haben mit Ihrem Team empirische Daten zur Situation an den IdS-Stützpunkten erhoben, etwa zum quantitativen Verhältnis der Kulturen in diesen Vereinen. Welche Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht?

Überraschung ist in diesem Zusammenhang kein so passender Begriff. Aber es ist sicherlich bemerkenswert, dass nach Auskunft der befragten Vereinsvertreterinnen und -vertreter der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund in den Stützpunkten deutlich höher liegt, als es den Sportentwicklungsberichten zufolge in anderen Sportvereinen der Fall ist. Das hat sicher mit der Auswahl der Stützpunkte zu tun, bei der unter anderem der Anteil an Migrantinnen respektive Migranten als Kriterium herangezogen wird – er soll relativ hoch sein, möglichst unter den Mitgliedern, zumindest aber im sozialen Umfeld. Gleichwohl: Die Gewinnung der Zielgruppen scheint IdS zu gelingen.

Kann man daraus schließen, dass sich diese Vereine nachhaltig interkulturell geöffnet haben?

Daraus allein nur sehr bedingt. Allerdings liegt auch der Anteil der freiwillig Engagierten mit Migrationshintergrund relativ hoch, und sehr viele der befragten Vereinsvertreterinnen und -vertreter betonen ihr Interesse daran, Personen mit Migrationshintergrund für die Übungsleitung zu gewinnen. Insofern kann man schon argumentieren, dass sich interkulturelle Öffnungsprozesse in den Stützpunkten vollziehen. Zumindest und vor allem auf personaler Ebene.

Und auf welcher Ebene vollziehen sie sich nicht oder langsamer?

Interkulturelle Öffnung von Vereinen ist auf der strukturellen Ebene immer eine besonders komplexe Aufgabe.  Wobei man sagen muss: Der Anteil derjenigen Stützpunkte, die  Integrationsbeauftragte implementiert haben, ist unseren Daten nach durchaus beachtlich (61 Prozent, d. Red.). Und wenn, wie die Angaben der Befragten erkennen lassen, jeder dritte Verein das Thema Integration in seiner Satzung verankert hat, wäre das auch kein schlechtes Ergebnis im Sinne des Programms. Die Satzung zu verändern, ist ja ein Schritt mit Symbolkraft und eine wegweisende Entscheidung.

Vom Kicktalent zum Vereinsexperten

Sebastian Braun, Jahrgang 1971, ist Universitätsprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Er ist dort Professor für Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft und leitet zudem die Abteilung „Integration, Sport und Fußball“ im 2014 von ihm mitgegründeten Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)der HU. Braun, in der Jugend ein richtig guter Kicker (Deutscher B-Jugend-Meister 1988 mit Hertha 03 Zehlendorf), gehört verschiedenen Forschungszentren an und berät als Mitglied von Kommissionen, Expertengremien oder Beiräten auch Politik und Verbände, unter anderem in Fragen der Integration und Migration. Seine Arbeitsgruppe begleitet das Programm IdS seit 2014 wissenschaftlich.

Sie haben eben Ihre Daten mit Sportentwicklungsberichten des DOSB verglichen, die sich auf die Gesamtheit der Sportvereine beziehen. Wie ergiebig ist dieser Vergleich?

Die Sportentwicklungsberichte ermöglichen es, unsere Ergebnisse zu den IdS-Stützpunkten in einen breiteren Kontext zu stellen, also besser einordnen und interpretieren zu können. Insofern sind sie natürlich hilfreich – auch wenn man diese Vergleiche immer mit dem Vorbehalt versehen muss, dass sich die Untersuchungsdesigns unterscheiden.

Die Sportentwicklungsberichte liefern schon deshalb keine wirklich harten Daten zur Repräsentanz von Migranten in Sportvereinen, weil sie an dieser Stelle auf Schätzungen beruhen - die Vereine fragen ja nicht nach der Herkunft ihrer Mitglieder. Gilt Letzteres auch für die IdS-Stützpunkte?

Ja. Und die Befragung von Vereinsvertrerinnen und -vertretern kann immer auch Unschärfen in den Ergebnissen mit sich bringen. Das wurde ja nicht zuletzt in den Sportentwicklungsberichten wiederholt systematisch beschrieben: Einschätzungen ausgewählter Expertinnen und Experten zu bestimmten Themenfeldern – im vorliegenden Kontext die sozialkulturelle Zusammensetzung von Vereinsmitgliedern und Engagierten – bleiben auch bei noch so guter Kenntnis einer Organisation subjektive Einschätzungen und Bewertungen. Um entsprechende Daten auf der Personenebene zu gewinnen, müsste man die Aktiven direkt befragen. Dazu bedürfte es allerdings eines anderen Forschungsaufwands.

Wozu sind die Befragungen dann konkret gut, was fangen Sie damit an?

Unsere Aufgabe als wissenschaftliche Begleitung liegt darin, den IdS-Verantwortlichen praxisbezogene Entscheidungshilfen zur Verfügung zu stellen, die die Steuerung und Weiterentwicklung des Programms ermöglichen. Um solche Entscheidungshilfen zu entwickeln, führen wir diese empirischen Analysen durch, die auf jährlichen programminternen Berichten basieren. Anschließend betrachten wir die Ergebnisse im Kontext der Ziele des Programms und können darauf aufbauend Konzeption, Ausgestaltung und Umsetzung der Maßnahmen bewerten.

Das Ganze dient aber nicht nur programminternen Zwecken, sonst gäbe es weder das aktuelle Thema des Monats noch dieses Interview.

Richtig. Die Daten und ihre Interpretation können dazu dienen, die Öffentlichkeit stärker auf das Projekt aufmerksam zu machen. Geplant ist eine kontinuierliche Berichterstattung. Wir haben eine Roadmap mit thematischen Schwerpunkten erarbeitet, die den geplanten Zeitraum der wissenschaftlichen Begleitung abdeckt (2015 bis 2017, d. Red.). Auf diese Weise wollen wir Ergebnisse zur Diskussion stellen, nach innen wie nach außen.

Wie meinen Sie das? Wer genau soll was diskutieren?

Für uns ist der Dialog wichtig. Mit den gesammelten Daten wollen wir den fortlaufenden Austausch zwischen den IdS-Akteuren unterstützen, insbesondere den Programmverantwortlichen auf Bundes- und Landesebene. Die Befunde und ihre Interpretationen sollen Anlass geben, die Arbeit von IdS und deren Ergebnisse immer wieder zu reflektieren, und so gemeinsame Lernprozesse zu befördern. Indem wir Ergebnisse auch öffentlich sichtbar machen, wollen wir das   Programm noch stärker an den politischen und gesellschaftlichen Diskurs über Migration und Integration anschließen, in der Hoffnung, so Anregungen zu geben, aber auch erhalten zu können.

(Quelle: DOSB / Fragen: Nicolas Richter)


 
 

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