„Wir zeigen den Kindern unser Gesicht“

15.04.2015

Das Gemeinschaftserlebnis Sport (GES) erreicht junge Menschen, die Gefahr laufen, durchs Raster zu fallen. Programmleiter Thomas Krombacher über Vertrauen, Vereinskooperation und den Gewinn des DFB-Integrationspreises.

Das „Gemeinschaftserlebnis Sport“ bietet seit 1995 Sport für alle an, ohne Kosten, ohne Mitgliedschaft (Foto: GES)

Das „Gemeinschaftserlebnis Sport“ bietet seit 1995 Sport für alle an, ohne Kosten, ohne Mitgliedschaft (Foto: GES)

Programmleiter Thomas Krombacher (3. v.l.) und das GES-Team bei der Preisverleihung des DFB-Integrationspreises im März (Foto: DFB/GES Sportfoto)

Programmleiter Thomas Krombacher (3. v.l.) und das GES-Team bei der Preisverleihung des DFB-Integrationspreises im März (Foto: DFB/GES Sportfoto)

Sie haben jüngst den DFB-Integrationspreis und einen Mercedes Vito gewonnen. Was machen Sie damit? Sie bewegen jährlich 30.000 Kinder, ein Kleinbus hat aber nur 8 Plätze.

Wir werden damit weniger die Kinder als unsere Übungsleiter bewegen. Wir sind sehr oft im Stadtgebiet unterwegs und müssen viel Sportgerät transportieren, da verschafft uns der Vito mehr Flexibilät. Außerdem spielen wir ja Kleinfeldfußballturniere mit unseren Teams, etwa im Rahmen von „Kick mit“ (eine Serie der GES und der Stuttgarter Jugendhaus-GmbH, d. Red.), aber auch in anderen Städten, und diese Teams haben nur fünf Teilnehmer. Wir werden sicher mal mit einer Mannschaft von uns zu einem Turnier beispielsweise in Hamburg fahren.

Das GES bietet seit 1995 Sport für alle an, ohne Kosten, ohne Mitgliedschaft. Ist das eine Idealform von Opens external link in new windowWillkommenskultur?

Ich glaube, dass kommt der Idealform tatsächlich nahe, weil jegliche Zugangsbarrieren abgebaut werden. Wir sehen in der Zusammensetzung unserer Sportgruppen vor Ort, dass sich die Schulen und Freundeskreise, die Kulturen und sozialen Herkünfte vermischen. Die Teilnehmer erschließen neue persönliche Netzwerke, die noch bunter sind als die, aus denen sie stammen.

Sie arbeiten viel mit Neuankömmlingen in Deutschland. Wie erreichen Sie solche Kinder?

Wir sind an allen neuralgischen Punkten der Stadt präsent. Deshalb landen zum Beispiel die unbegleiteten Minderjährigen in den Flüchtlingsheimen zum Beispiel oft schon bei uns, bevor sie die Sprache lernen. Viele von ihnen gehen in internationale Vorbereitungsklassen, um Deutsch zu lernen und sich einzugewöhnen, besuchen die Schule aber noch nicht regelmäßig. Für diese Kinder machen wir ein spezielles Vormittagsangebot. Wir nehmen sie gemeinsam mit den Schulen auf, wobei wir die schulische Infrastruktur nutzen und die Betreuer von uns kommen. Dieses Angebot bringt die Kinder in Erstkontakt zu uns.

Was folgt auf diesen Erstkontakt?

Die Kinder kommen aus unterschiedlichen Stadtteilen an diese Schulen, das erleichtert die weiteren Schritte. Wenn sie spüren, sie sind gut aufgehoben, vermitteln wir sie unter Ausschöpfung aller sprachlichen Möglichkeiten (lacht) weiter, an andere Angebote von uns oder an Sportvereine in ihrer Nähe. Wobei wir nicht nur ein Gemeinschaftserlebnis Sport schaffen wollen. Unser eigentliches Ziel liegt darin, die Kinder und Jugendlichen ins gesellschaftliche Leben einzubinden, ob über den Sportverein, das Jugendhaus oder andere Partner - wir sind Teil eines großen sozialen Netzwerks. Die Kinder kommen mehr oder weniger traumatisiert hierher, sie sprechen die Sprache nicht und haben ganz wenig. Wir wollen ihnen Türen und Tore öffnen, damit sie diese Situation möglichst schnell hinter sich lassen und im Alltag ankommen.

Wie gewinnen Sie das Vertrauen dieser Kinder?

Es ist für uns elementar, dass die Kinder wissen: Wir und die Flüchtlingsheime arbeiten zusammen. Deshalb sind die dortigen Mitarbeiter bei unseren Sportangeboten dabei, sie kicken mit oder sind Schiedsrichter. Die Kinder kommen auch nicht zu uns, sondern wir holen sie ab, nach dem Taxifahrerprinzip. Am Anfang, bei einer ganz neuen Konstruktion, gehen wir mit unseren Übungsleitern oder Hauptamtlichen in die Flüchtlingsheime, sprechen mit den Mitarbeitern, zeigen den Kindern unser Gesicht, nehmen vielleicht mal einen Ball mit, um zu zeigen, worum es uns geht. Die Kinder kriegen mit: Diese Person kümmert sich um Euch, zusammen mit den Mitarbeitern des Flüchtlingsheims. Wir wollen zeigen, dass wir beim Sporttreiben ein großes Team sind, in dem die Rollen durchaus wechseln können.

Wie stellt man sich das vor?

Um beim omnipräsenten Thema Fußball zu bleiben: Nicht jeder unserer Mitarbeiter ist da firm. Wenn man sieht, einer der Flüchtlinge versteht mehr davon – warum soll der nicht mal eine kleine Einheit leiten? Das ist etwas aufwändiger, wegen der Sprache, aber es funktioniert, und sei es mit Händen und Füßen. Die Flüchtlinge machen das gern, sie fühlen sich wertgeschätzt und ernstgenommen.

Erlebnisse für die schwer Erreichbaren

Das „Gemeinschaftserlebnis Sport“ (GES) wurde 1995 vom Sportkreis Stuttgart (der die Geschäfte führt) und der baden-württembergischen Landeshauptstadt ins Leben gerufen und ist Stützpunkt des Programms „Integration durch Sport“. Thomas Krombacher, 41-jähriger Diplomsportpädagoge, hat das Programm fast von Beginn an begleitet, erst als Honorarkraft, dann als hauptamtlicher Mitarbeiter, inzwischen als Leiter. Das GES will Kindern und Jugendlichen Spaß an Bewegung und Spiel vermitteln und arbeitet laut Selbstbeschreibung „an der Schnittstelle zwischen Sport, Schule und Sozialem“. Ein Mitternachtssportangebot („Nachtaktiv“) und eine niedrigschwellige Fußballturnierserie („Kick mit“) sind Beispiele dieses Bildungsansatzes, der vor allem Kids aus sozial schwierigen, bildungsschwachen Verhältnissen erreicht. Fußball spielt eine große Rolle beim GES, und so gewann das Programm Ende März den Integrationspreis des DFB und von Mercedes Benz in der Kategorie freie und kommunale Träger.

Neben den Vereinen, mit den Vereinen

Ihre Mitarbeiter sind in der Regel deutscher Herkunft. Erschwert das den Zugang zu den Kindern nicht?

Ich bin selber deutscher Herkunft und habe den Zugang noch nie als Problem empfunden. Es wird oft gesagt, es sei leichter, wenn man eine Zuwanderungsgeschichte und am besten den gleichen kulturellen Hintergrund habe, aber als grundlegend erachte ich das nicht. Ich glaube, es geht weit mehr darum, welche Haltung ich dem Leben und fremden Menschen gegenüber einnehme, was ich als Person einbringe, um diese Menschen willkommen zu heißen. Da findet man immer Mittel und Wege. Bei uns geht es nicht um Nationalität oder Herkunft oder – um mal vom Migrationshintergrund wegzugehen – um Sozialprognose. Wenn jemand Sorgen und Probleme hat und überall ausgeschlossen ist, nehmen wir ihn trotzdem an.  

Sie vermitteln Kinder an Sportvereine weiter. Machen Sie den Vereinen nicht auch Konkurrenz?

Das war in den ersten Jahren tatsächlich ab und zu ein Thema, das sich aber relativ schnell erledigt hat. Wir sprechen eine Klientel an, das aus unterschiedlichen Gründen – sei es die finanzielle Lage, soziale Inkompetenz, Unkenntnis oder Angst – nicht im organisierten Sport landet. Wir haben von Anfang an mit Vereinen kooperiert, weil es immer wieder echte Talente unter unseren Teilnehmern gab. Leider bedurften diese Jungs und Mädels oft erhöhter Interventionen durch die Übungsleiter, das überforderte viele Ehrenamtliche. Sie haben gesagt, ich würde ja gern – und sie wollten wirklich –, aber das Kind sprengt mir die Gruppe, ich kann nicht 90 Prozent meines Engagements einem Einzelnen widmen.

Was geschieht mit so einem Kind?

Das GES wurde ja unter anderem geschaffen, um Jungen und Mädchen, die im Verein nicht klar kommen, trotzdem die sozialerzieherischen Benefits des Sports wie Teamplay, Verarbeitung von Frust und Erfolgserlebnisse zukommen zu lassen. In der Praxis sozialisieren wir die Kinder vor, damit sie den Weg in einen der etwa 25 bis 30 Vereine finden, mit denen wir kooperieren. Aber viele Kinder gewöhnen sich schwer an die Regelmäßigkeit und die Verpflichtungen: Training, Spiele, beim Sportfest helfen, obwohl man keine Lust hat. Manche lernen das auch nie. Allerdings ergänzen sich unser System und das der Vereine inzwischen.

Wie sieht das aus? Starten Sie mit den besagten Kindern später einen zweiten Versuch?

Vielleicht auch einen dritten oder vierten. Manchmal liegt es ja nicht am Kind, sondern daran, dass es nicht zu diesem einen Verein passt. Dann geht es für uns darum, unser Netzwerk und etwa die Unterstützung der Kinder- und Jugendhilfe zu nutzen, um einen anderen Verein zu finden. Wir hatten schon große Erfolge damit, dass sich engagierte Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe mit Kindern ins Vereinstraining gehen. Vor Kurzem ging das sogar so weit, dass nicht nur das Kind in der Mannschaft angekommen ist, sondern sich der Betreuer jetzt als Trainer betätigt. Der Verein hat also zwei Mitglieder gewonnen.

(Quelle: DOSB / Das Interview führte Nicolas Richter)


 
 

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