Ein Verein ist für seine Mitglieder etwas besonderes, wenn ...

14.10.2013

Mitglieder gewinnen und binden: DOSB–Bundeskonferenz Sportentwicklung 2013 diskutierte in Berlin über Attraktivität und Strategien.

DOSB-Interimspräsident Hans-Peter Krämer.

Vizepräsident Breitensport/Sportentwicklung im DOSB Walter Schneeloch.

Karin Fehres, Direktorin für Sportentwicklung im DOSB.

Podiumsdiskussion auf der DOSB–Bundeskonferenz Sportentwicklung. Alle Fotos: DOSB

Der Verein ist nach wie vor die Keimzelle des organisierten deutschen Sports. Ein Bereich, „um den uns vor allem die angelsächsische  Welt beneidet“, wie der Interimspräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Hans-Peter-Krämer, betonte. „Lust auf Sport und Gemeinschaft - Mitgliederentwicklung im Sportverein“ war der Titel der vierten zweitägigen Bundeskonferenz Sportentwicklung in Berlin.

Doch auch der Verein bleibt von gesellschaftlichen Entwicklungen nicht unberührt, muss sich Problemen und der Konkurrenz stellen. Wie kann man das bewährte Modell weiter in der Erfolgsspur halten? Walter Schneeloch, Vizepräsident Breitensport/Sportentwicklung im DOSB, brachte den strategischen Ansatz auf die Formel: „ Welchen spezifischen Auftrag haben die Vereine, welchen haben sie nicht?“

Seit Jahren ist das DOSB-Team Breitensport dicht am Verein – mit seinem Sportentwicklungsbericht. Dort werden die Vereine in regelmäßigen Abständen befragt. Auf dieser Grundlage versuchen die DOSB-Verantwortlichen zum Beispiel herauszufinden, woran es liegt, dass in der Altersgruppe der 27- bis 40-jährigen in den letzten zehn Jahren etwa 1,6 Millionen Mitglieder verloren wurden, auch wenn das in der Relation zum Mitgliederverlust in anderen Organisationen wie Gewerkschaften, Parteien oder Kirchen wie ein Klacks erscheint. Die zuständige Direktorin für Sportentwicklung, Karin Fehres, nannte für diese „Abstimmung mit den Füßen“ einige Gründe: Ausbildung und Beruf, Familiengründung, andere Freizeitgestaltung füllen das enge Zeitfenster, und für Vereinsleben bleibt nichts mehr übrig.

Wie nun können Vereine und Verbände da gegensteuern?

Mit sechs Thesen versuchte Fehres, Antworten zu geben. Zunächst müssten sich Vereine und Verbände den Problemen auch stellen, die da auf sie zukommen. Momentan ist die Lage etwa in der Mitgliederentwicklung noch relativ stabil – aber nicht nur der demographische Faktor wird für die Vereine Folgen haben. Sie fordert deshalb mehr Analyse und Daten: „Das macht uns handlungsfähiger.“

Außerdem müssten Sportarten und Angebotsformen ständig weiterentwickelt werden, um sich auch im lokalen und regionalen Umfeld gegen die Konkurrenz durchsetzen zu können Wie und dass das geht, zeigen der Deutsche Ringerbund und die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft. Karl-Martin Dittmann schilderte, wie die Ringer durch den zwischenzeitlichen Rauswurf aus dem Olympischen Programm gezwungen waren, schnell und überzeugend ihre „angestaubte“ Sportart auf Vordermann zu bringen. Bei der DLRG, so Ludger Schulte-Hülsmann, war es ein langsamer Entwicklungsprozess, der erfolgreich war und für andere vor allem im Bezug auf die Kooperation zwischen „oben und unten“, also Verein und Verband, sicher beispielgebend sein kann. Um erfolgreich zu sein, muss das Angebot von qualifizierten Protagonisten, sprich Übungsleitern/innen und Trainern/innen in die Praxis umgesetzt werden. Mit ihnen steht und fällt das Angebot. Mit ihnen wirbt man Mitglieder oder schreckt sie ab.

Und: Die Vereine brauchen mehr Sporträume, die besser ausgestattet sind und flexibel genutzt werden können, was angesichts der immer wiederkehrenden Verteilungskämpfe zwischen vielen Vereinen etwa um Belegungszeiten in kommunalen Hallen und Anlagen utopisch erscheint. Heinz Mörbe vom Württembergischen Landessportbund (WLSB) stellt sich da als Lösungsansatz u.a. Sportzentren vor, in denen ein Verein und seine Mitglieder eine „Heimat“ finden. Denn nicht jeder Verein dürfte in der Lage sein, eigene Sportanlagen aus dem Boden zu stampfen, zumal wegen des Sanierungsstaus für bestehende  Sportanlagen niemand auf öffentliche Unterstützung für vereinseigene Neubauten setzen kann.

Überhaupt hat der WLSB , wie einige andere Landessportbünde, schon ein überzeugendes Konzept ausgearbeitet, wie man Vereine attraktiver für Mitglieder machen und die Vereine unterstützen kann. Denn nicht immer ist ganz klar, wer was nun will und warum. Das formuliert Karin Fehres so: „Wir brauchen eine Verständigung über die Aufgabenstellung innerhalb und zwischen den Sportorganisationen.“ Dass es da manchmal ziemlich knirscht im Gebälk, liegt am „Eigensinn“ der beiden Parteien Verein und Verband. Das jedenfalls sieht Lutz Thieme so, Professor für Sportmanagement am RheinAhrCampus. Die Mitglieder eines Vereins müssten entscheiden, was sie wollen: Ob sie nun nur für ihre Mitglieder Sport anbieten, ob sie sich als Dienstleister für „private Kunden“ oder Kommunen öffnen. Die Fragen, die jeder Verein für sich beantworten muss: Was wollen wir für ein Verein sein? Können wir bestimmte Dinge leisten oder übernehmen wir uns? 

Zufriedene Mitglieder hat man, wenn man anbietet, was man leisten will, wenn die Interessen der Klientel verwirklicht werden. Und nicht dann, wenn „Besserwisser“ (Thieme) dem „Vereinsmeier“ (Thieme) sagen, wie es geht. Oder umgekehrt. Für Thieme sind steigende Mitgliedszahlen, die oft als verbandspolitisches Rechtfertigungs-Argument bei öffentlichen Mittelforderungen eingesetzt werden, auch kein Beleg dafür, ob ein Verein ein guter oder schlechter Verein ist. Sondern zufriedene Mitglieder sind die beste Werbung. Das bestätigte auch die aufwändige Umfrage, die Gabriele Freytag und Daniel Illmer von der Führungs-Akademie des DOSB präsentierten. Ob großer oder kleiner Verein, Einsparten- oder Mehrsparten-Club: Spaß, Geselligkeit und Gemeinschaft stehen für die Befragten im Vordergrund. Sich im Verein wieder zu finden, sich dort nicht nur beim Sport entfalten zu können, sich mit ihm zu identifizieren – das sind für alle die Gründe, warum sie in den Verein gehen und nicht zu einem kommerziellen Anbieter. Das heißt auch: Der Verein muss sein eigenes Image, seine eigene Philosophie sein eigenes Profil finden, um etwas besonderes für potentielle Mitglieder zu sein.

Wie findet man noch Mitglieder und sorgt für mehr Attraktivität?

Florian Krumrey, ehemaliger Tennisprofi und heute Geschäftsführer der Agentur Serviceplan, zeigte mit seinem Marketing-Ausflug in die Welt von Großunternehmen wie Coca Cola, Red Bull oder BMW „Marketing-Mechanismen“. Profiklubs sind auf dieser Marketing-Schiene schon unterwegs, kleinere Vereine ohne gewinnbringende Profiabteilungen müssen sich dagegen extra maßgeschneiderte, bescheidene „Werbe-Konzepte“ einfallen lassen. Und: Sie müssen in erster Linie die Mitglieder, weniger die Kunden oder den Fan im Blick haben.

Was beschäftigt nun die Basis im Verein und die Verbände besonders?

In fünf Foren wurden Erfahrungen und Gehörtes diskutiert. Auch hier wurde deutlich, dass viele Verantwortliche die Probleme erkannt haben und sich mit ihnen auseinandersetzten. Denjenigen, die sich verweigern, wird früher oder später die rote Karte von ihren Mitgliedern gezeigt. 

Patentlösungen gab es nicht, aber die Teilnehmer konnten mit eine Reihe von Anregungen und mit dem guten Gefühl nach Hause gehen, dass viele der 91 000 Vereine im Prinzip so bleiben könnten wie sie sind, aber noch besser werden können, wenn sie wollen.

 
 

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