„Meine Oma trug auch Kopftuch“

09.04.2012

Marlene Assmann, Co-Autorin des preisgekrönten Films „Football Under Cover“, befasst sich seit Jahren mit Frauenfußball, Kulturaustausch und dem Iran. Ein Gespräch über Schleier-Fragen.

Die Cutterin Marlene Assmann ist Mitbegründerin der Initiative "Discover Football". (Foto: privat)

Der Film „Football Under Cover“ kreist um ein Spiel Ihres Kreuzberger Teams von Al-Dersimspor gegen Irans Nationalmannschaft 2006 in Teheran. In einer Szene fragen sich die Iranerinnen, wie das  sein würde für die Deutschen, mit Kopftuch zu spielen. Wie war's also?

Natürlich sehr ungewohnt. Wir hatten vorher nur einmal mit Kopftuch trainiert und uns ein bisschen blöd angestellt: Das waren Schläuche, die man sich über den Kopf zieht, und wir haben sie zuerst nicht in den Trikotkragen gesteckt, sodass sie immer im Weg waren und wir den Ball nicht sehen konnten. Das haben uns dann erst die Iranerinnen gezeigt, vor dem Spiel. Die Sicht war dann kein Problem mehr, allerdings konnten wir uns schwer gegenseitig hören – wir trugen noch Stirnbänder, damit die Kopftücher richtig hielten. Die bedeckten die Ohren.

Das Problem haben iranische Spielerinnen nicht?

Normalerweise sitzt das Kopftuch nicht auf den Ohren, deshalb wird es dieses Problem nicht geben. Mit den Iranerinnen haben wir ehrlich gesagt nicht darüber gesprochen. Wobei die damals meistens ohne Kopftuch gespielt haben.

Die Teamspielerin

Marlene Assmann hat mit Ihrer Schwester Valerie den Film „Football Under Cover“ vorangetrieben, in dem sie auch eine Hauptrolle spielt. Die Dokumentation erzählt die Geschichte eines „Länderspiels“ im April 2006 zwischen dem von den Zwillingen mitbegründeten Team des BSV Al-Dersimspor und der bis dato öffentlich unsichtbar gebliebenen Nationalmannschaft Irans. Die Schwestern Assmann, Jahrgang 1981, steuerten mit zwei weiteren Geschwistern sowie dem iranischen Regisseur Ayat Najafi den Dreh. Filmfreak Marlene machte in der  Folge ein Studium in Montage (Schnitt), lernte Persisch und begann jährlich nach Teheran zu reisen.


Tatsächlich? Das ist doch staatlich vorgeschrieben. 

Die Vereine spielen nicht Fußball, sondern Futsal (Hallenfußball, d.Red.) – in Teheran gibt es soweit ich weiß gar keinen offenen Platz, auf dem Frauen trainieren. In der Halle durften sie damals mit normaler Sportkleidung spielen. Sie hatten erst kurz vorher zum ersten Mal Kopftuch getragen, bei der westasiatischen Meisterschaft in Jordanien, wohl eine Art Vorbereitung auf unser Spiel. Die Trainerin hat sie damals in der Kabine aufgefordert, sich mit Kopftuch im Spiegel zu betrachten und selbst auszulachen, damit sie das im Spiel gewohnt wären. Bei dem Turnier waren ausschließlich Teams aus islamisch geprägten Ländern am Start, aber nur für die Iranerinnen war das Kopftuch Pflicht. 

Und in der Halle war Kopftuch erlaubt, weil da keine Männer zuschauen? 

Ja, aber das hat sich verändert. Seit ungefähr zwei Jahren müssen sie auch in der Halle Kopftuch tragen. Männer sind immer noch verboten, aber angeblich könnten Fotografinnen kommen und Bilder machen, wobei meine Bekannten sagen, dass noch nie eine da war. Es ist also unklar, warum die Regeln geändert wurden, einige empfinden es als Schikane. Das größte praktische Problem ist die Hitze. 

Haben Sie seit der Fifa-Entscheidung zur Aufhebung des Kopftuchverbots mit Fußballerinnen dort gesprochen? Die zielt ja unter anderem darauf ab, Irans Verband entgegenzukommen. 

Ja, ich habe mit drei Freundinnen gesprochen, sie wussten von der Entscheidung – wobei das ja erst mal eine Vorentscheidung ist: für eine Testphase bis Juli. 

An der Umsetzung scheint es aber wenig Zweifel zu geben. 

Ich war zunächst auch optimistisch. Es hat mich dann ziemlich überrascht, dass die Rückmeldungen im Iran nicht so positiv waren. Meine drei Freundinnen sehen das alle skeptisch.

Warum? 

Die Befürchtung liegt darin, dass es nun, wo sie von der Fifa aus mit Kopftuch spielen dürfen, stattdessen nationale Beschränkungen durch die Regierung geben könnte und sich die Situation sogar noch verschlechtert. Wobei da bestimmt die politischen Erfahrungen der letzten fünf Jahre reinspielen: Jede Veränderung, auch die Aufstände, liefen letztlich darauf hinaus, dass der Spielraum enger wurde. Vielleicht sind meine Bekannten dadurch jetzt zu skeptisch. 

Die Fifa erlaubt nur einen „Hijab“ mit Klettverschluss, als Sicherheitskompromiss. Könnte das auch ein Problem sein? 

Das weiß ich nicht. Aber bisher haben Iranerinnen mit Kopftüchern ohne Klettverschluss gespielt, und ich könnte mir vorstellen, dass es aus iranischer Sicht schlimmer ist, wenn eine Spielerin ihre Kopfbedeckung verliert, als wenn sich jemand daran verletzt. 

Das Thema ist ein Politikum, überall. Wie verhalten Sie sich dazu, bei Ihrem Verein Al-Dersimspor und in der Organisation der Turniere von „Discover Football“?

Kopftuch auf dem Spielfeld wird oft unter drei  Aspekten diskutiert. Am häufigsten wird es als ein religiöses Statement gesehen. Der zweite Aspekt ist der der Sicherheit. Für uns war, jedenfalls beim Spiel im Iran, der dritte Aspekt der wichtigste, der leider oft übersehen wird: die Selbstverwirklichung der Frau.

Discover Football, entdecke Austausch

Cutterin Marlene und Grafikerin Valerie Assmann sind die festen Größen des Vereins Fußball und Begegnung, der im Umfeld von Al-Dersimspor entstanden ist. Sein Schlüsselprojekt „Discover Football“ bezeichnet unter anderem ein Turnier (plus Kulturfestival) für sozial engagierte Fußballerinnen aus aller Welt. Die Generalprobe fand 2010 statt, zur Frauen-WM 2011 in Deutschland stieg die Premiere. Für 2013 ist eine neue Auflage allein für Teams aus Nordafrika geplant, die eine kürzlich begonnene Discover-Football-Kampagne zur Lage arabischer Frauen beenden wird. (Weitere Informationen in der aktuelle Ausgabe des DOSB-Magazins „Faktor Sport“ und auf www.discoverfootball.de.) 


Manche sehen das Kopftuch gerade als Symbol für deren Beschränkung.

Das Ganze ist natürlich kompliziert und von Fall zu Fall verschieden. Aber wenn es wegen des Umfelds nun mal nicht ohne Kopftuch geht, dann muss es mit Kopftuch gehen, damit die Frau  nicht ausgeschlossen wird ... 

… und so zusätzlich benachteiligt. 

Genau. Das ist dann wichtiger als Sicherheit, wobei ich dieses Problem sowieso nicht sehe. Und das mit dem Statement hat keine Kraft in einem Land, in dem das Tragen eines Kopftuchs selbstverständlich ist – selbstverständlich im Übrigen ja nicht immer wegen der Religion, sondern teils aus Tradition. Wobei mir einfällt, dass meine Oma, eine Theologin, früher auch immer Kopftuch getragen hat. Diese Tradition ist also nicht speziell muslimisch. 

Bei den bisher zwei Ausgaben von „Discover Football“ hatten Sie auch muslimische Spielerinnen eingeladen. 

Ja, die meisten waren Palästinenserinnen. Die konnten so antreten, wie Sie wollten, das Fifa-Verbot hat uns nicht berührt, das betrifft praktisch ja nur den Spitzenfußball. 

Seine Aufhebung auch? 

Verbot oder nicht, ich glaube, im deutschen Umfeld macht das keinen großen Unterschied. Ich habe nie davon gehört, dass ein Schiedsrichter jemandem das Tragen des Kopftuchs verboten hätte. Wir hatten mal eine Spielerin in der Mannschaft mit Kopftuch, es gab nie ein Problem. 

Das vorgesehene Rückspiel gegen Iran wurde kurzfristig abgesagt. Hätte Ihre Mannschaft in Deutschland auch bedeckt gespielt? 

Da mussten wir uns eingestehen, dass wir nicht mit Kopftuch spielen können, ohne ein Statement abzugeben. Das war unglücklich, weil es uns ja auch um Solidarität und um Chancengleichheit im Spiel ging, aber der Statement-Aspekt wog schwerer. Wir haben dann mit der iranischen Botschaft gesprochen und die waren einverstanden, dass wir ohne spielen und die Iranerinnen mit. Es kann sein, dass das zur Absage des Spiels beigetragen hat, das haben wir nicht herausgefunden. 

Nochmal nach Teheran: Im Film sieht man eine Spielerin, ihre Freundin Niloofar, als Jungen verkleidet spielen. Wie ist Ihre Lage heute? 

Niloofar und Narmila, die im Film die iranischen Hauptrollen besetzen, spielen nicht mehr in der Nationalmannschaft. Sie waren schon 2007 für das geplante Rückspiel nicht mehr auf der Liste der Spielerinnen, die wir von iranischer Seite bekommen hatten. Heute spielen beide bei iranischen Spitzenteams – aber im Futsal.

(Quelle: DOSB / Das Interview führte Nicolas Richter)

 

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