Tipp des Monats: "Gesunde Schule" - Bewegung in Unterrichtsfächern

22.05.2013

In der Ausgabe Mai/Juni 2013 zeigt "Gesund + fit" Möglichkeiten, wie Bewegung im Unterricht möglich ist.

Bewegtes Lernen und Lehren im Unterricht; (c) LSB NRW/Foto: Andrea Bowinkelmann

Bewegung in der Schule ist ganz besonders auch außerhalb des Sportunterrichts wichtig, denn dadurch kann die Lern- und Konzentrationsfähigkeit der Kinder in allen Fächern positiv beeinflusst werden. Im letzten Tipp des Monats März/April 2013 wurde bereits gezeigt, wie der Schulweg "bewegt" gestaltet werden kann. Nun wird dargestellt, warum es sinnvoll ist, neben dem Sportunterricht auch andere Unterrichtsfächer bewegt zu gestalten und wie dies in der Praxis umgesetzt werden kann.

Schüler sollen sich im Sportunterricht bewegen und in den übrigen Unterrichtsstunden möglichst ruhig, still und bewegungslos dasitzen - so ist die noch immer weitverbreitete Idealvorstellung vieler Lehrer, aber vermutlich auch zahlreicher Eltern.
Der Sportunterricht wird nach wie vor oft auf seine "Ausgleichsfunktion" zu den anderen Schulfächern reduziert und in Folge dessen nicht so wichtig und auch nicht ernst genommen. Die Forderung nach einer täglichen Sportstunde oder Vorschläge, Bewegung auch jenseits der Sportstunden vermehrt in den Schulalltag zu integrieren, scheitern nicht selten daran, dass die Kritiker darin lediglich die Ausweitung des Sportunterrichts durch die Hintertür sehen und dafür plädieren, die wertvolle Zeit für die "Kernfächer" zu verwenden.
Bewegung und Sport haben in der Schule jedoch noch ganz andere Funktionen, als lediglich für Entspannung und Ausgleich zu sorgen und auf ein möglichst lebenslanges Sporttreiben vorzubereiten. Verfechter der "bewegten Schule" fordern immer wieder ein handlungsorientiertes, "bewegtes" Lernen und Lehren als festen Bestandteil in möglichst vielen Unterrichtsveranstaltungen und auch außerhalb des festen Unterrichts, weil durch Bewegung sowohl kognitive, motorische als auch soziale Fähigkeiten und Fertigkeiten erschlossen und vertieft werden.
In diesem Artikel soll nicht das komplexe Konzept der Bewegten Schule thematisiert werden. Vielmehr geht es darum, aufzuzeigen warum es sinnvoll ist, auch den Unterricht der anderen Unterrichtsfächer bewegt zu gestalten und wie dies in der Praxis umgesetzt werden kann. Das heißt, es geht um bewegten Unterricht und somit nur um einen Teilaspekt der bewegten Schule.

Der Vorteil von bewegtem Unterricht

Ein wichtiger Grund für einen bewegten Unterricht leitet sich aus der entwicklungspsychologischen Erkenntnis ab, dass Bewegen, Fühlen und Denken untrennbar miteinander verbunden sind und deshalb gerade Kinder die Welt über Bewegung im wahrsten Sinne des Wortes "begreifen". Deshalb lernen Kinder besser, wenn man dieser explorativen Funktion von Bewegung Rechnung trägt, indem man den Unterricht und den Lernprozess ganzheitlich gestaltet und neben den visuellen und akustischen Aspekten auch die Propriozeption mit einbezieht. Über Rezeptoren, die in den Muskeln, Bändern, Sehnen und Gelenken liegen, vermittelt dieses System (zusammen mit dem Gleichgewichtsinn) fortwährend und meist unbewusst Informationen über die Lage des Körpers im Raum, die Qualität von Bewegungen, den Spannungsgrad der Muskulatur etc. Je mehr Sinne im Lernprozess angesprochen werden, desto besser können Informationen aufgenommen, verarbeitet und gespeichert werden. Beim "bewegten Unterricht" geht es deshalb natürlich nicht um Sport im engeren Sinne, sondern um einen weitgefassten Bewegungsbegriff, der alle Formen der Beteiligung motorischer Systeme umfasst und insofern eine Vielzahl an kreativen Möglichkeiten für die Umsetzung bietet.
Aus der Neurodidaktik weiß man mittlerweile, dass eine hohe Handlungsorientierung, also "selbst machen", nachweislich bedeutungsvolle hirnphysiologische Veränderungen nach sich zieht, weshalb "bewegtes Lernen" und "Lernen mit allen Sinnen" einen hohen Stellenwert hat bzw. haben sollte.
Bei aller Vorsicht, die bei einer Interpretation neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse und ihrer Übersetzung in die Gestaltung von Unterricht und Lernarrangements geboten ist, so wird doch immer deutlicher, dass Bewegung direkt und indirekt großen Einfluss auf Lern- und Erinnerungsprozesse hat.

  1. Bewegung steigert die regionale Gehirndurchblutung und führt zu einem Anstieg von neurotrophen Wachstumsfaktoren, welche für die Neubildung und Vernetzung von Nervenzellen /Neuroplastizität) notwendig sind. Somit ist Bewegung ein wichtiger Stimulus für das Gehirn, sich Zeit seines Lebens den Anforderungen der Umwelt anzupassen.
  2. Bewegung erhöht die Konzentration verschiedener Neurotransmitter im Gehirn. Diese sind für die Kommunikation zwischen benachbarten Nervenzellen notwendig, da sie die Signale von einer Nervenzelle zur nächsten weitergeben. Dieser Austausch ist unerlässlich für die Handlungssteuerung, Gedächtnisleistungen, Emotionen etc.
  3. Bewegung fördert exekutive Funktionen. Diese steuern unser Denken und Verhalten, da sie uns ermöglichen, Entscheidungen zu treffen, planvoll und zielgerichtet zu handeln, aber auch das eigene Handeln zu reflektieren und zu korrigieren. Deshalb sind sie unerlässlich für konzentriertes und erfolgreiches Lernen. Da sie auch notwendig für eine gute Selbstregulation und -kontrolle sind, haben sie große Bedeutung für das menschliche Sozialverhalten.

Effektivitätssteigerung des Lernens durch:
Lesen: 10 %
Hören: 20 %
Sehen: 30 %
Hören und Sehen: 50 %
Selbst sagen: 70 %
Selbst tun: 90 %
Deshalb: Aufgaben sollten erlebt statt erledigt werden!

Die Lernpsychologie zeigt, dass Lernen stärker gedächtniswirksam wird, wenn auch emiotionale Lernchancen geboten und gute soziale Bedingungen gegeben sind. Diese Faktoren sind in Sport und Bewegung zwar keineswegs automatisch enthalten, jedoch lassen sich gerade durch Bewegungsarrangements positive, emotionale und soziale Erfahrungsräume gestalten. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass ein bewegter Unterricht die sozialen Kompetenzen (Kontaktbereitschaft, Abnahme von Aggressionen, gegenseitige Akzeptanz und Integration) fördert, Schulfreude und Lernbereitschaft sowie die Selbstständigkeit der Schüler zunehmen und die aktuellen Befindlichkeiten positiv beeinflusst werden.

Eine weitere Bedeutung erhält das Thema Bewegung im Unterricht, wenn man sich die Konzentrationsspannen von Kindern anschaut:
5 - 7 Jährige durchschnittlich 15 Minuten,
7 - 10 Jährige durchschnittlich 20 Minuten,
10 - 12 Jährige durchschnittlich 20 - 25 Minuten,
12 - 14 Jährige durchschnittlich 30 Minuten.
Deshalb besteht eine wichtige These für bewegten Unterricht darin, dass 30 Minuten Unterricht und 15 Minuten Bewegung mehr bringen als 45 Minuten Frontalunterricht. Hinsichtlich der Konzentrationsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen sind Sport und Bewegung wichtige Instrumente, um den Schultag oder auch die einzelnen Unterrichtseinheiten zu rhythmisieren.

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