Integration durch Sport: Vorspeise in Erlangen

24.12.2012

Warum fällt uns interkulturelle Kommunikation so schwer, selbst im Sport? Ein Seminarbesuch schafft Verständnis - nicht nur für andere.

Die Qualifizierung "Sport interkulturell" sensibilisiert für den Umgang mit kultureller Differenz im Sportalltag. (Foto: LSB NRW/Andrea Bowinkelmann)

Man ist darauf eingestellt, von Habib überrascht zu werden. Natürlich nutzt es nichts. „Was ist der größte Traum/Wunsch Deines(r) Partners(in)?“ lautet Frage Fünf auf dem Blatt, mit dem sich die Seminarteilnehmer paarweise bekannt machen sollen. Einiges ist schon bekannt: Habib ist 22, Afghane, vor anderthalb Jahren nach Deutschland gekommen; er spielt gern Volleyball und Fußball und lebt im Übergangswohnheim, wo er bald Sportkurse für Kinder geben könnte. Also: Bestimmt möchte er in Deutschland bleiben. Und vielleicht ersehnt er mittelfristig einen Studienplatz; mal überlegen... Elektrotechnik? Als der Moment des Abgleichs kommt, antwortet Habib. „Ich träume nicht. Ich warte ab, was passiert, dann entscheide ich.“

Ein Samstag im November, Turnhalle der Pestalozzischule zu Erlangen. Vor ein paar Minuten hat Mark Sauerborn, Regionalkoordinator Mittelfranken im Programm „Integration durch Sport“, die Teilnehmer an einem Tagesseminar über interkulturelle Verständigung um sich versammelt. Knapp 30 Menschen sitzen im Dreiviertelkreis auf Bänken, die Fragebögen vor sich. Manche schreiben, andere grübeln, zwei, drei brauchen Hilfe, kurze Übersetzung ins Englische, ins Persische. Wenn sie kommt, in Person von Sauerborn oder Rahmat, einem seiner vier Assistenten, knarzt der Holzfußboden schulturnhallengerecht. Ansonsten: ein Wechsel von Schweigen, Flüstern und dem Kommando „nicht reden!“. Es geht um ein stilles Kennenlernen: herzlich Willkommen in der Welt der eigenen Vorurteile.

15 Einheiten, 70 Referenten

Das Seminar „Sport interkulturell“ besteht aus 15 Lerneinheiten. Seit 2005 organisieren die Landeskoordinationen jährlich eine Veranstaltung – mindestens, muss man heute sagen: Niedersachen lud 2011 siebenmal zum Bildungswochenende, Nordrhein-Westfalen fünf-, Hessen zweimal; davon unabhängig laufen andere, kürzere Formen. Insgesamt mindestens 3500 Personen - Übungsleiter, Funktionäre, Ehrenamtliche vieler Art – dürften seit Beginn teilgenommen haben, im vergangenen Jahr waren es deutschlandweit 399. Der Pool aktiver Referenten umfasst rund 70 Namen. Die meisten sind Koordinatoren des Programms, sie werden von context durch eine etwa fünftägige Ausbildung sowie mindestens eine Hospitation qualifiziert.

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Vor knapp acht Jahren hat die Kölner Agentur context zusammen mit der Sportjugend NRW das Konzept „Sport Interkulturell“ entwickelt, im Auftrag des DOSB und des Programms „Integration durch Sport“ (IdS). Hier und heute ist ein Ausschnitt zu sehen, eine Vorspeisenportion des eigentlichen Seminars, das sich über 15 Lerneinheiten und ein Wochenende erstreckt. Dirk Adams, einer der Köpfe von context, vergleicht kulturelle Prägung mit Eisbergen: Das Meiste liege im Verborgenen (Opens external link in new windowsiehe Interview). Deshalb die Überraschungen. Ein Faible für „Liebesfilme mit Tiefgang“, schreibt eine Frau ihrer Mitspielerin zu. „Quizshows“, antwortet die.

Spielen, denken, toben

Mark Sauerborn hat den Tag zweigeteilt. Vormittags der Besuch von Vorstellungswelten, der eigenen und der der anderen – spielerisch hergestellte Irritation. Nachmittags wird „Praxis“ folgen: Demonstrationen und Übungen, die Ein- und Ausgrenzung thematisieren, auf mehr oder weniger sportliche Art. Das geht von der kleinen Übungseinheit auf Persisch – Rahmat als autoritärer Coach – über eine Art Mannschafts-Memory zu  leistungsbalancierenden Fußballvarianten: mit Augenbinde, mit Football et cetera. Zwischendurch zeigt Sauerborn, wie man Teams so bildet, dass sich niemand zurückgesetzt fühlen muss: drei Leute zu ihm, der erste soll gleichstarke Teams zusammenstellen. Die anderen suchen sich je eines aus, er selbst stößt zum dritten.

Mit Sport haben alle was am Hut, die heute morgen ab 9.30 Uhr eintrafen. Mit Sport und  interkulturellem Dialog. Der 18-jährige Florian leitet in seinem Freiwilligen Sozialen Jahr beim Bayerischen Badminton-Verband ein Schulprojekt, er bringt Dritt- und Viertklässlern  das Rückschlagspiel bei, die Mehrheit mit Migrationsgeschichte. „Es ist nicht einfach mit so kleinen Kindern, ich hoffe das Seminar hilft mir“, sagt er. Ali Reza Azimi, früherer Leistungsringer aus dem Iran, leitet in Abstimmung mit dem Aktionskreis „Freund statt fremd“ das Sportangebot im Forchheimer Übergangswohnheim. Boxerin Tiffany kam 2011 aus Alaska nach Mittelfranken, wo ihr Mann Soldat ist, und hat dem Stützpunktverein TSV Bad Windsheim einen Bayerischen Meistertitel erkämpft. Sie spricht wenig Deutsch, aber ihr sprühendes Temperament versteht jeder. Abdul, Student der Entwicklungssoziologie, ist über die Sprachförderinitiative „Deutsch im Koffer“ hier. Er schiebt Integration auch andersrum an: Der 34-Jährige hat einen Lehrauftrag, um Deutschen, die nach Ghana reisen, seine Muttersprache Tvi zu lehren.

Ein bunter Haufen also, der am Vormittag immer wieder neu gemischt wird. So entstehen andere Begegnungen, neue Situationen, die vertiefen, was die Teilnehmer zu Beginn erfahren haben. „Vorurteile haben wir alle, sie sind unumgänglich, weil sie Orientierung geben“, hat Mark Sauerborn nach der ersten Übung erklärt. Es folgen weitere, die die Macht von Bildern und Worten, die Kluft zwischen Wahrnehmung und Wahrheit offenbaren. „Wir sollten uns die Chance lassen, unsere Vorurteile zu revidieren, darauf kommt es an“, sagt der Seminarleiter.

Die ganz persönliche Kultur

Revidieren setzt hinterfragen voraus, und hinterfragen lässt sich nur Bewusstes. Vor dem multikulturellen Mittagessen – die meisten haben etwas Herkunftstypisches mitgebracht –  steht die „Kulturrallye“ an: Vier Tische, an jedem wird dasselbe gespielt, Sauerborn und seine Helfer erklären die Regeln. Es geht vordergründig um Reaktionsschnelligkeit. Nach einer Runde gibt es Sieger und Verlierer, die auf- respektive absteigen und den Tisch wechseln. Reden? Verboten!

Julian ist jung, dynamisch und bei diesem Spiel schnell. Am Ende wird der Seriengewinner alle Tische durchlaufen und sich sowie einige andere aufgeregt haben. „Ihr spielt das falsch“, bemerkt er nach dem ersten Aufstieg. Der neue Tisch reagiert nicht recht, Julian passt sich an, leicht knirschend. Bis er am nächsten Tisch feststellt, dass auch dort „falsch“ gespielt wird – energischer Einspruch. Eine Mitspielerin widerspricht durchaus vehement, trotzdem übernimmt die Gruppe seine Vorgaben. „Ich wollte mich immer durchsetzen, weil ich einfach nicht darauf gekommen bin, dass die Regeln an jedem Tisch andere sind“, sagt Julian beim Resümee. Andere haben auf Tisch- und Regelwechsel mit Rückzug geantwortet, je nach Temperament und der Art, wie man sie empfing.

Weitere Rückmeldungen thematisieren, was nun offensichtlich scheint: Regeln erleichtern Zusammenleben – wenn man sie nicht mit „Wahrheit“ verwechselt. Wenn Regeln nicht offengelegt werden, kann Kultur-Shift zum Kulturschock werden, mit entsprechenden Reaktionen und Gegenreaktionen. Wenn Regeln der Sache und nicht sich selbst dienen sollen, „braucht es die Bereitschaft, sie zu öffnen“, wie Sauerborn sagt.

Ein tolles Spiel. Schon vorm Essen ist eine satte Zufriedenheit spürbar. Mit dem Eisberg scheint die Stimmung gehoben. Menschen haben etwas gemeinsam erfahren, über sich und andere und über interkulturelle Differenzen, die weiß Gott nicht erst an sprachlich-ethnischen Grenzen beginnen. Aber da werden sie oft sichtbar. Beim Mittagessen erzählt Tiffany von einem der „Adventures“, die sie in Deutschland erlebt hat (und in einem Blog beschreibt): Die Tochter einer Nachbarin hatte Geburtstag. Tiffany buk Cupcakes und brachte sie hinüber, als „gift“, wie sie dem Mädchen auf Englisch erklärte. Den erschrockenen Blick wird sie so schnell nicht vergessen.

(Quelle: DOSB, Text: Nicolas Richter)

 Kategorie: Breitensport & Sportentwicklung, Top News

 
 

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