Wie die Bindungskräfte wirken

22.09.2015

Der Kinder- und Jugendsportbericht gibt Verbänden und Vereinen Aufschluss über die Folgen gesellschaftlichen Wandels - und Hinweise, wie sich damit umgehen lässt, auch in der Integrationsarbeit.

Sport, das zeigt der Bericht, ist präsent wie nie in Kinder- und Jugendeinrichtungen aller Art. (Foto: LSB NRW/Bowinkelmann)

Sport, das zeigt der Bericht, ist präsent wie nie in Kinder- und Jugendeinrichtungen aller Art. (Foto: LSB NRW/Bowinkelmann)

Nein, der Sinn dieser 640 Seiten liegt nicht darin, neueste Neuigkeiten zu verbreiten. Statt bisher unveröffentlichte Befunde zu liefern, gibt der kürzlich vorgestellte Dritte Kinder- und Jugendsportbericht einen Überblick über den Forschungsstand, wie er aus vorliegenden Studien resultiert. Was nichts daran ändert, dass der Bericht mit dem Untertitel „Kinder- und Jugendsport im Umbruch“, den 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Initiative der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung erarbeitet haben, reichlich Aussagen enthält, die Fachfremde überraschen werden.

Das betrifft auch den Bereich Integration durch Sport; das Thema wird in dem Bericht oft berührt und in einem der 26 Kapitel ausdrücklich behandelt. Dort zitieren Michael Mutz von der Universität Göttingen und Ulrike Burmann von der TU Dortmund zum Beispiel eine 2009 vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge herausgegebene Studie („Muslimisches Leben in Deutschland“), nach der 99,9 Prozent der muslimischen Schülerinnen und Schüler hierzulande am Sportunterricht teilnehmen und selbst 99 Prozent am Schwimmen – manch öffentliche Debatte suggeriert anderes. Derweil blickt Renate Zimmer von der Uni Osnabrück, Verfasserin des Kapitels „Frühkindliche Bildung und Sport“, speziell auf Kinder mit Deutsch als Zweitsprache, wenn sie festhält: „Bewegung bietet eine ganzheitliche Alternative zu bisherigen Sprachförderprogrammen.“ Sport löst die Zunge – und lehrt sie, womöglich schneller als etwa Deutschkurse. 

Anregung für Integrationsarbeit – und Bestätigung

Auch jenseits solch bemerkenswerter Details ist der Kinder- und Jugendsportbericht aus interkultureller Sicht hochinteressant für den DOSB. Mutz und Burmann fassen vorliegende Erkenntnisse kompakt wie differenziert zusammen, analysieren sie und zeigen zugleich Forschungslücken auf. Im Ganzen bestätigen sie dabei „die langjährigen Erfahrungen, die wir im Programm ,Integration durch Sport' gemacht haben“, wie DOSB-Präsident Alfons Hörmann sagt. So schreiben die Sportsoziologen in ihrem Fazit, „dass die Bindungskräfte des Sports in der Gruppe der Migranten und Migrantinnen enorm sind“,  Integration durch Sport aber kein Automatismus sei – ergibt kombiniert die Ausgangsposition von IdS, siehe Programmkonzeption.

Auch andere Aussagen zum Thema sind von den Integrationsexperten der Sportverbände schon verinnerlicht. Zum Beispiel variiert das Bewegungsverhalten junger Menschen mit Migrationsbiografie je nach Alter, Herkunft und, vor allem, Geschlecht: Heranwachsende Mädchen, speziell solche türkischer und südeuropäischer Herkunft, treiben im Vergleich ziemlich selten (Vereins-)Sport, während ihre männlichen Pendants teilweise aktiver sind als deutschstämmige Jungs. Ein Umstand, auf den etwa viele IdS-Stützpunkte und das 2007 vom LSB Nordrhein-Westfalen gestartete Projekt „spin – sport interkulturell“ reagiert haben: mit gezielter Ansprache junger  Migrantinnen.

Einige der im Bericht gegebenen Hinweise an den Sport wurden gar im Sport gewonnen, durch IdS, „spin“ und co respektive ihre Evaluation. So verweisen Mutz und Burmann auf das „umfangreiche Erfahrungswissen bei Expert(en)/innen der Sportpraxis“, dem nach Vereine im Bemühen um „Interkulturell anschlussfähige“ Angebote verstärkt mit  Migrantenorganisationen kooperieren und Zugewanderte für die Übungsleitung ausbilden sollten.

Der Dritte und Kinder- und Jugendsportbericht – die Vorgänger erschienen 2008 beziehungsweise 2003 –  richtet sich eben an ein breites Publikum: an Fachleute, aber auch an Medien und Öffentlichkeit und an Entscheider in Sport und Sozialarbeit, Bildungswesen oder Politik. Worin liegt der der erwähnte Umbruch im Kinder- und Jugendsport und wie ist darauf zu reagieren? Darum geht es.

Ein Schlüssel liegt in der Schule

So werden der organisierte Sport und seine Basis aufgefordert zu kooperieren: Mit Migrantenorganisationen, aber etwa auch mit der Kinder- und Jugendhilfe. Beide Akteure sollten gemeinsam „wohnortnahe Bewegungsangebote insbesondere für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche erarbeiten, um der Verstetigung sozialer Ungleichheiten entgegenzuwirken“. So heißt es in einer der elf „Handlungsempfehlungen“, die der Bericht gibt. Es ist eine jener Stellen, an denen die Autoren um den Leiter des Herausgebergremiums Werner Schmidt die interkulturelle Frage indirekt berühren.

Denn Menschen mit Migrationsgeschichte  besitzen – bei aller diesbezüglichen Vielfalt, klar – im Schnitt eher wenig Bildung und Einkommen. Schmidt rät, „die positive Wirkung von Sport für den Abbau sozialer Ungleichheiten“ bestenfalls schon im Vorschulalter zu nutzen. Der Leiter des Instituts für Sport- und Bewegungswissenschaften an der Uni Duisburg-Essen schlägt dabei ebenso die Brücke zum Spracherwerb wie der DOSB-Präsident. Alfons Hörmann sieht „möglichst früh und niedrigschwellig ansetzende Bewegungsangebote in Sportvereinen als einen passenden Schlüssel, damit auch die Kinder frühzeitig Deutsch lernen, bei denen die Eltern zuhause ihre Heimatsprache sprechen.“ Ein zentraler Hinweis, zumal Vorschulkinder mit Migrationsgeschichte laut Mutz/Burmann relativ selten an organisierten Bewegungsangeboten teilnehmen.

Sport, das zeigt der Bericht, ist präsent wie nie in Kinder- und Jugendeinrichtungen aller Art. Die lange Verweildauer der Mädchen und Jungs etwa in Kitas und Schulen - Kernelement des besagten Umbruchs – hat Sport-AGs dort zum Standard gemacht. Das birgt für Sportvereine Gefahr wie Chance, auch mit Blick auf Kids mit Migrationsgeschichte. Sie nehmen auffallend oft an den AGs teil, und zwar über Geschlechter- und Kulturgrenzen hinweg – logisch gewissermaßen: keine Mitgliedschaft, keine Kosten, keine Anfahrt, vertrautes Umfeld und Personal. Mutz und Burmann halten fest: „Offenbar gelingt es unter den Rahmenbedingungen der Schule genau jene Einwanderergruppen zu erreichen, die in den Sportvereinen am deutlichsten unterrepräsentiert sind.“ Also müssen Vereine noch mehr in Schulen gehen, um diese Gruppen abzuholen.

Es ist die indirekte Bestätigung für eine Handlungsempfehlung, die der Bericht ebenso gibt wie der Gesundheitsexperte Stefan Bräunling (siehe Interview): Schulen, Sportvereine und Kommunen sollen sich zusammentun, um Bewegung und Spiel in den Alltag junger Menschen zu integrieren. Zudem ergeht im Bericht die Aufforderung, beispielhafte Kooperationen zwischen Bildungseinrichtung und Vereinen bekannter zu machen. Ein weiterer Hinweis darauf, dass der organisierte Sport mit IdS oder Projekten wie „spin“ auf dem richtigen Weg ist: Beide haben Austausch und Kooperation vor Ort zum Prinzip erhoben, beide haben Best-Practice-Beispiele in Reihe dokumentiert.

(Autor: Nicolas Richter)


 
 

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