Sport der Zukunft: Schalke 04 oder Schalke 4.0?

30.11.2016

Wird es bald zwei getrennte Sportwelten geben – eine reale und eine digitale? Die Digitalisierung macht auch vor den Vereinen nicht halt, stellt Autor Hans-Jürgen Schulke fest.

E-Games werden immer beliebter. Turniere werden in großen Hallen mit tausenden von Zuschauern ausgetragen. Foto: picture-alliance

Schalke 04 ist nach 0 Siegen und 4 Niederlagen zu Beginn der Bundesligasaison wieder im Aufwind. Der Club aus dem Ruhrpott, Mythos und Heimat einer ganzen Region, ist nach tiefer Leidenschaft wieder im euphorischen Aufschwung. Bei Bier und Würstchen, mit blauweißen Schals und tiefblauen Trikots wird jeder erfolgreiche Torschuss, jede Spielszene wortreich nacherlebt. Wenn allerdings angesichts der aktuellen Siegesserie von einer Umbenennung in Schalke Vier zu Null die Rede ist, dann besteht ein Missverständnis.

Schalke 4.0 ist kein leibhaftiges Fußballspiel voller Dramatik, Schweiß und körperlichen Gefährdungen, sondern eine neue Abteilung im Verein mit E-Games -  „Virtual Reality“. Vor zehntausenden Besuchern in großen Hallen kämpfen kleine Teams in strategischen Computerspielen wie „League of Legends“ oder „FIFA“ um den Sieg in ihrer Champions-League, werden beim Einlaufen als Stars gefeiert, erhalten reale Millionenprämien, haben per Livestream ein Millionenpublikum. Die Branche hat mit 4.5 Milliarden Euro ähnliche Umsätze wie die Fußballbundesliga.

Es geht um die E-Games, die zunehmend auch Sportspiele wie Fußball, Tennis und Basketball anbieten. Sie sprechen vor allem junge Leute an, die sich in digitalen Netzwerken zu Spitzenleistungen mentaler, feinmotorischer und durchaus auch physischer Qualität aufschwingen – Spitzenspieler bei E-Games haben trotz sitzender Haltung den Puls von Marathonläufern. Der Verein Schalke 04 hat das als einer der ersten Vereine erkannt, eine Abteilung E-Games eingerichtet und coacht diese nun mit allen Erfahrungen, die er bei der Teamführung und Vermarktung seiner realen Fußballer gewonnen hat. Schalke 4.0 eben. Wolfsburg und Bayern München spielen auch mit, zahlreiche europäische Spitzenklubs sowieso.

Wird es bald zwei getrennte Sportwelten geben – eine reale und eine digitale? Oder ist das Beispiel Schalke 04/Schalke 4.0 Vorreiter für zwei Sports, der unter dem Dach eines Vereins stattfinden kann? In der Tat befindet sich die Welt längst auf dem Weg zur Arbeits- und Lebenswelt 4.0. – der nächsten Stufe der Arbeitsentwicklung nach (1) Dampfmaschine um 1830, (2) Elektrifizierung und Chemikalisierung um 1880, (3) Digitalisierung vor gut 25 Jahren. Die dynamische Entwicklung in der Kommunikationstechnologie forciert die Robotisierung komplexer Produktionsprozesse, traditionelle Sprachgrenzen verschwinden, pflegerische und medizinische Dienstleistungen werden automatisiert wie anonymisiert, der individuelle Transsport erfolgt selbstgesteuert durch dichtesten Verkehr, von Hochschulen wird ohne Hörsaal und Lehrkraft unterrichtet – Nachfragen erledigt ein Computer. Die Möglichkeiten künstlicher  Intelligenz für Innovationen in der Produktion werden ebenso kontrovers diskutiert wie die künftige Arbeitsorganisation – wird es mehr Freiheiten bei flachen Hirarchien in prozessbegleitenden Arbeitsgruppen geben oder den anonymen alles steuernden „Big Brother“ Orwellscher Vorhersage?

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat bis Ende 2016 einen umfassenden Dialog über die Arbeitswelt 4.0 initiiert. Der wird Ende des Jahres noch nicht zu Ende sein. Er verdient ebenso Aufmerksamkeit wie die überbordende wissenschaftliche Literatur zu dem Thema. Das betrifft auch unerwartete politische Verwerfungen auf die grenzenlose „augmented reality“. Das Internet ermöglicht eine verantwortungslose Meinungsbildung mit Allen und Jedem, den Einblick in intime Kaufmotive und körperliche Befindlichkeiten, Hackerangriffe auf politisch brisante Datenbanken oder Kreation bislang unerhörter Kunstwerke.

Und der Sport – hat er auch ein Projekt „Sportwelt 4.0“ oder wähnen sich die Sportorganisationen in einer wichtiger werdenden Gegenwelt motorischer und mentaler Leibhaftigkeit?  Ist Schalke 4.0 nur eine Spielerei, die nichts mit dem sportlich-unterhaltsamen oder gesundheitsfördernden Kerngeschäft des Vereins und seinen sozialen wie pädagogischen Optionen zu tun hat? Wie so oft, ist die Konstellation komplexer als das eindeutige 4:0 im sportlichen Wettkampf.

Zum einen haben die Bundesligavereine längst die Digitalisierung aufgegriffen – nicht selten auf Wunsch ihrer Kunden. E-Games hat die FIFA schon 2006 zur WM initiiert, das Ticketing erfolgt von Kauf bis Einlass elektronisch wie der Kauf von Wurst und Bier, Emails mit Newslettern informieren die Fans täglich, Accessoirs werden im 3 D Drucker hergestellt, die realen Spiele von der Tribüne gleichzeitig auf dem Smartphone verfolgt einschließlich der Schiedsrichterentscheidungen. Die Torlinientechnik steht vor ihrer großflächigen Umsetzung, Videobeobachtung durch Schiedsrichter wie beim Länderspiel gegen Italien wirkt fast von gestern. Aktuell sind eher Drohnen und verkabelte Spieler, die das Schiedsrichtergespann ersetzen – Abseits und Foulspiel werden demnächst millimetergenau und schon im Ansatz der Muskelspannung identifiziert. Ein Roboter signalisiert in Nanosekunden die Vergeblichkeit eines Sprints zum Ball vor Überschreiten der Linie.

Längst werden die Akteure auf dem Rasen Schritt um Schritt elektronisch begleitet: Laufwege vermessen, Blickwinkel berechnet, ein Samsung-Wearable liefert permanent Daten mit dem „vielseitigsten Monitoring-Chip für Bioprozessoren“. Der Chip integriert Analog Front Ends (AFE), den Microcontroller (MCU), die Schaltkreise für die Stromversorgung (PMIC) sowie den digitalen Signalprozessor (DSP) und eFlash-Speicher. Der Wissensdurst der Menschen ist unstillbar und die Potenziale digitaler Technik undenkbar.

Das gilt prinzipiell für alle 90.200 Sportvereine, wo längst die meisten über eine eigene Homepage verfügen (oft liebevoll wie professionell erstellt), die Vereinszeitung elektronisch versendet wird, Mitgliedermeldung und Buchhaltung längst digitalisiert ist, Spielergebnisse mit Schlusspfiff im Netz stehen, Sportangebote und freie Plätze per Mausklick erkundet werden, Vorstandssitzungen per Skype laufen – erste Großvereine haben eine Partnerbörse eingerichtet. In den Akademien der Verbände wird längst an E-learning-Konzepten gearbeitet und ein Monitoring für Bildungskarrieren vorbereitet. Schon sehen Zukunftsforscher das Vereinsmitglied bei Eintritt in den Hallenvorraum im Körperscanner, 3 Schritte später teilt ein freundlich sprechender Roboter per Chip das befindlichkeitsgetreue Bewegungsprogramm aus und verweist auf das bereits eingestellte Fitnessgerät. Das wiederum dosiert sorgfältig die aktuell passende Belastung und begründet das verständlich im Kopfhörer. Zur gezielten Regeneration steht der spezifische Getränkemix bereit.

Traditionalisten mögen die komplette Individualisierung des Sports befürchten, Optimisten sehen neue Zugangsmöglichkeiten und Wahlentscheidungen für die gesamte Bevölkerung. In der Tat ist derzeit schwer vorherzusagen, ob es demnächst den Sport 4.0 (fast) ohne Vereine oder den Verein 4.0 als Initiator und Koordinator einer bewegungsreichen digitalen Welt geben wird. Bislang bieten  Vereine immer noch ein beeindruckend vielseitiges Angebot, haben sich seit 200 Jahren als hoch anpassungsfähig und zukunftsorientiert erwiesen, sind Orte vertrauensvollen persönlichen Austausches. Das alles könnte mit sinnvoll eingesetzten „Big Data-Netze“ gestärkt werden. Und nicht zuletzt trifft die von Organisationswissenschaftlern durch Robotereinsatz vorausgesagte Enthierarchisierung der Arbeit auf die Organisationsform Verein, wo es das – ebenfalls seit 200 Jahren – schon immer gab.

Wie wäre es mit einer interdisziplinären und –ministeriellen Zukunftskommission „Sportverein 4.0“? Fragen gibt es mehr als genug und technische Innovationen warten nicht.

(Autor: Prof. Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


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