Hamburg 2024 schönstes Beispiel für vereintes Sportdeutschland

02.07.2015

DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat beim Parlamentarischen Abend des Sports in Berlin die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele 2024 in Hamburg „das schönste Beispiel für das vereinte Sportdeutschland“ genannt.

Hörmann blickte in seiner Rede auf 25 Jahre gemeinsamer Sportgeschichte in Ost und West zurück.

Kramp-Karrenbauer erinnerte zur Begrüßung an „die eigene olympische Geschichte“ des Saarlandes.

Auch Innenminister de Maizière sprach zu den Gästen des Parlamentarischen Abends.

Hörmann, Kramp-Karrenbauer und LSVS-Präsident Meiser vor Ausstellungsexponaten deutscher Sportgeschichte; Alle Fotos: Camera4

Zur Veranstaltung am Mittwoch (1. Juli) in der Vertretung des Saarlands, die unter dem Motto „25 Jahre Wiedervereinigung“ stand, konnte Hörmann rund 250 Gäste insbesondere aus Sport, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien begrüßen, darunter neben der Gastgeberin, der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und dem Präsidenten des Landessportverbandes für das Saarland (LSVS), Klaus Meiser, auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière sowie zahlreiche Bundestagsabgeordnete und Vertreter der Länder.

Die olympische Geschichte des Saarlands

Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer erinnerte zur Begrüßung an „die eigene olympische Geschichte“ des Saarlandes. Es sei „das einzige Bundesland, das von sich sagen kann, selbst einmal eine Olympiamannschaft gestellt zu haben“, erzählte sie. „Das können nicht einmal die Bayern von sich sagen.“ Ebenso erinnerte sie an die Volksbefragung zum Saarstatut vor 60 Jahren, die schließlich 1957 zum Beitritt des Landes zur Bundesrebublik führte. Ein Schritt, der im übrigen 1990 zum Vorbild für die verfassungsrechtliche Gestaltung der deutschen Wiedervereinigung wurde.

25-Jahre-Formel für Sportdeutschland

Hörmann blickte auf 25 Jahre gemeinsame Sportgeschichte zurück, die er, wie er sagte, „trotz aller Herausforderungen, die Sportdeutschland bis heute zu meistern hatte und noch zu meistern hat“, als großes Geschenk empfinde. Dabei seien auch Narben geblieben, die bis heute sichtbar und schmerzhaft seien. „Wir müssen uns zu Recht fragen lassen, wie mancher Erfolg in Ost und West zustande gekommen ist“, sagte Hörmann. „Und auch die Frage immer wieder diskutieren, ob wir noch mehr Verantwortung für Vergangenes übernehmen müssen.“ Er fasste das zu einer „25-Jahre-Formel für Sportdeutschland“ zusammen: „Aus dem Leid der Teilung und der Freude über den Fall der Mauer resultiert die Verantwortung für die gemeinsame Zukunft.“

Das schönste Beispiel dafür sei die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele 2024. Der gesamte deutsche Sport habe sich gemeinsam hinter Hamburg versammelt, wo tags zuvor die Bewerbungsgesellschaft gegründet wurde. Hörmann begrüßte deshalb besonders Staatsrat Christoph Holstein sowie Nikolas Hill als Geschäftsführer und Bernhard Schwank als seinen Stellvertreter und wünschte im Namen aller „Erfolg bei der nun anstehenden Mission“.

De Maizière: Aufbruchstimmung nutzen

Auch Bundesinnenminister de Maizière nahm den Faden „25 Jahre Wiedervereinigung“ auf. Auch er erinnerte an Beispiele aus der Sportgeschichte, die zu diesem Prozess beigetragen hatten. Und er wünsche sich, „dass wenigstens die Hälfte der Aufbruchstimmung von damals“ erhalten bliebe, um die Chancen für die Sportnation, aber auch über den Sport hinaus zu nutzen.

Die Rede von DOSB-Präsident Alfons Hörmann im Wortlaut:

Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages,
lieber Herr Minister de Maizière,
sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer, liebe Saarländerinnen und Saarländer,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, Sie heute, stellvertretend für das gesamte DOSB-Team, trotz dieser sommerlichen Atmosphäre so zahlreich zu unserem Parlamentarischen Abend begrüßen zu können.

Vor nicht einmal einer Woche sind in Baku die ersten Europaspiele zu Ende gegangen, die vor allem in Deutschland und Großbritannien aufgrund der besorgniserregenden Menschenrechtslage und der unzureichenden Pressefreiheit in Aserbaidschan vielfach kritisiert worden sind.

„Sport hat die Macht, Menschen zu inspirieren und zusammenzuführen“, wie Nelson Mandela gesagt hat.

Vielleicht ist es bei allen Problemen durch die Europaspiele in Baku doch auch gelungen, das Interesse der internationalen Medien auf das Land zu lenken und damit ein wenig zur Öffnung beizutragen.

In Baku wohnten Ukrainer und Russen, Aserbaidschaner und Armenier, Kosovaren und Serben in einem Athletendorf, haben gemeinsam in einer Mensa gegessen und ihren sportlichen Wettkampf nach den gleichen Regeln bestritten. Das ist aus unserer Sicht in einer von Konflikten geprägten Welt ein hohes Gut.

Auf dem Weg zu einer zweiten Auflage werden wir aber dennoch noch einmal intensiv über das Konzept sprechen müssen. Was konkret wollen wir mit den Europaspielen erreichen? Diese Frage ist auch nach Baku noch nicht geklärt.

Sportlich – auch das sei an dieser Stelle gesagt – haben wir viele schöne Momente erlebt und insbesondere in den Sportarten Kanu, Turnen, Tischtennis und Judo einen großen Schub für Rio mitgenommen. Herzlichen Glückwunsch dem Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig und seiner Mannschaft.

Nach den Spielen ist bekanntlich vor den Spielen: In gut einem Jahr beginnen in Rio de Janeiro die Olympischen und Paralympischen Spiele. 25 Jahre nach der Einheit ist das aus dem Zusammenwachsen beider Sportsysteme resultierende, positive Erbe erkennbar leider teilweise aufgebraucht.

Nach zuletzt rückläufigen Erfolgen deutscher Olympiamannschaften bei Olympischen und Paralympischen Spielen ist es unser erklärtes Ziel, diesen Trend zu stoppen und uns mittel- und langfristig wieder stärker auf den internationalen Podien zu positionieren. Dies gilt genauso selbstverständlich für die Paralympics. Dabei wollen wir gleichzeitig unsere strikte Null-Toleranz-Politik gegen Doping und Manipulation im Sport fortführen und weiterentwickeln.

Daran arbeiten wir gemeinsam mit unseren Mitgliedsorganisationen und mit Ihnen und Ihrem Team, lieber Herr Minister de Maizière. Morgen treffen wir uns hier in Berlin im BMI zur zweiten Sitzung unseres Beratungsgremiums zur Reform unseres Leistungssportsystems. Wir alle wissen: Auch und gerade eine Generation nach der Wiedervereinigung gibt es viel zu tun! Und bei allen unterschiedlichen Interessen muss das letzte Ziel eines erfolgreichen Sportdeutschland die gemeinsame Leitlinie für das Projekt sein.

Doch ohne eine solide Finanzierung, meine Kolleginnen und Kollegen aus den 98 Mitgliedsorganisationen des DOSB, ist es unmöglich, so ambitionierte Ziele zu erreichen. Unser herzlicher Dank gilt daher Ihnen, liebe Abgeordnete des Haushalts- und des Sportausschusses, und Ihnen Herr Minister de Maizier und ihrem Team für Ihre wertvolle Finanzierungshilfe in den vergangenen zwölf Monaten und die enge Begleitung.

Der heutige Abend steht unter dem Motto „25 Jahre Wiedervereinigung“.

Viele von uns hätten vor 25 Jahren schlichtweg nicht hier sein können, denn Berlin war eine geteilte Stadt. Dass wir heute an dieser Stelle auf 25 Jahre gemeinsame Sportgeschichte zurückblicken können, empfinde ich trotz aller Herausforderungen, die Sportdeutschland bis heute zu meistern hatte und noch zu meistern hat, als großes Geschenk.

Lassen Sie mich das mit einem schönen Bild vom 1. September 1990 portraitieren:

Bei der Schlussfeier der Leichtathletik-Europameisterschaften gehen der Ost-Berliner Kugelstoßer Ulf Timmermann und die Hürdenläuferin Gabi Lippe aus Mannheim Arm in Arm. Er trägt die Flagge der DDR, sie das Schwarz-Rot-Gold der Bundesrepublik. Und dahinter buntgemischt die Mannschaften aus beiden Teilen Deutschlands.

Das war spontan und doch von prägender Symbolkraft.

Hier waren die Athletinnen und Athleten – man könnte ironisch sagen – noch ein wenig schneller als die ohnehin schon schnelle große Politik und auch die Sportfunktionäre, die die Einheit einen Monat später dann offiziell vollzogen.

Trotz der spontanen Begegnungen: Wie Politik und Wirtschaft war der Sport im geteilten Deutschland schlichtweg nicht auf die Einheit vorbereitet. Obwohl beiderseits der Grenze ein gutes Wissen übereinander existierte, lagen nirgendwo Konzepte oder Rezepte in den Schubladen.

Eine herausragende Rolle spielten und spielen bis zum heutigen Tag deshalb Vereine und Verbände. In gewisser Weise trieb die Basis die Sportpolitik vor sich her. Die meisten Verbände vollzogen die Einheit bis zum Jahresende 1991.

Und doch, meine lieben Sportfreundinnen und Sportfreunde, lief nicht alles reibungslos: Brüche und problematische Systemzwänge waren längst spürbar.

Es gab falsche Erwartungen, so zum Beispiel dass sich zwei Medaillenbilanzen einfach addieren ließen. Das war oberflächlich. Diese Erwartungen berücksichtigten weder, dass hier zwei höchst unterschiedliche Systeme zusammengeführt werden mussten, noch dass sich ja die Zahl der Startplätze oftmals und in vielen Fällen halbierte, oder dass die internationale Konkurrenz zweifellos in den meisten Sportarten stärker geworden ist.

Ja, es war eine historische Herausforderung, zwei Sportsysteme mit so unterschiedlichen Stärken und Schwächen, aber auch mit großen Problemen wie dem Doping in Ost und West oder dem Einfluss der Staatssicherheit zusammenzufügen. Es ging darum, die regionalen Sportstrukturen auf- und auszubauen, die Vereine zu entwickeln, die Landessportbünde und ihre Mitglieder zu finanzieren und die regionalen und örtlichen Sportanlagen für den Sportbetrieb zu erhalten.

Strukturelle, organisatorische und personelle Weichen mussten neu gestellt werden. Zugegeben, das ist nicht immer gelungen und das wirkt sich zuweilen noch bis heute aus. Und es fällt manchmal noch heute schwer, die jeweils wechselseitigen Biographien ganzheitlich zu verstehen und vollumfänglich zu akzeptieren.

Meine Damen und Herren, nach der Wiedervereinigung sind somit auch Narben geblieben, die bis heute sichtbar und schmerzhaft sind. Die Dopingopfer, für die der DOSB im Jahr 2006 eine einmalige Entschädigungszahlung erreicht hat, mahnen uns, beim Kampf gegen Doping nicht nachzulassen. Wir müssen uns zu Recht fragen lassen, wie mancher Erfolg in Ost und West zustande gekommen ist. Und auch die Frage immer wieder diskutieren, ob wir noch mehr Verantwortung für Vergangenes übernehmen müssen.

Lassen Sie es mich auf eine 25-Jahr-Formel für Sportdeutschland bringen: Aus dem Leid der Teilung und der Freude über den Fall der Mauer resultiert die Verantwortung für die gemeinsame Zukunft…

All die positiven Aspekte für Sportdeutschland möchte ich in drei Fragen bündeln:

1. Wie viel haben wir in den vergangenen 25 Jahren voneinander gelernt und so wertvoll miteinander entwickelt?

2. Was wäre Sportdeutschland ohne die gemeinsamen Erfolge – gerade auch die gemischten Staffeln und die Teams aus Ost und West in den verschiedensten Disziplinen?

3. Wie viele Freunde aus dem anderen Teil Deutschlands hat jeder von uns, die er sonst nicht einmal kennen würde?

Wäre es für jeden von uns nicht einmal sinnvoll, seine ganz persönliche Bilanz dieser 25 Jahre zu ziehen? Ich bin überzeugt: Erstaunliche Erkenntnisse sind für diesen Fall für jeden einzelnen von uns gesichert…

Meine Damen und Herren, in meinen ersten eineinhalb Jahren als DOSB-Präsident habe ich die Einheit des deutschen Sports aus nächster Nähe studieren können. In vielen Treffen und persönlichen Gesprächen in allen Teilen des Landes.

Daraus leite ich für die Zukunft zu diesem Thema drei wichtige Aufgaben ab:

1. An dieser Einheit des Sports, am Zusammenhalt von Sportdeutschland, am wechselseitigen Verständnis für Biographien, Sichtweisen und Gefühle müssen wir auch heute noch aktiv und konsequent arbeiten. Es ist kein Selbstläufer.

2. Es gibt, so müssen wir leider feststellen, neue Grenzen im Denken und Handeln. Sie verlaufen vielleicht anders, aber sie teilen ebenfalls. Wir alle gemeinsam haben die Aufgabe, solche Grenzen im Denken und Handeln zu beseitigen.

3. Die elementare Voraussetzung dafür ist eine funktionierende Kommunikation. Wir müssen auch und gerade im Sport im Gespräch miteinander bleiben. Wir müssen Schwächen erkennen, Stärken besser nutzen und dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich abschließend zum vielleicht schönsten Beispiel für das vereinte Sportdeutschland kommen: Unsere Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele 2024. Nach der Entscheidung in einem fairen Wettbewerb zwischen Hamburg und Berlin haben wir uns nun gemeinsam hinter Hamburg versammelt und gerade gestern die Bewerbungsgesellschaft gegründet. Ein herzliches Willkommen deshalb an Staatsrat Holstein sowie Nikolas Hill als Geschäftsführer und Bernhard Schwank als seinen Stellvertreter. Viel, viel Erfolg bei der nun anstehenden Mission.

Wir alle im DOSB-Team sind fest davon überzeugt, dass die Bewerbung Hamburgs um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 uns dabei hilft, der vereinten Sportnation einen besonderen Ausdruck zu verleihen.

Denn ob Ost/West/Nord oder Süd – ganz Sportdeutschland hat Hamburg am 21. März 2015 in der Paulskirche einstimmig die Fahne übergeben. Dies mag symbolisch dafür stehen, was wir in der Lage sind zu leisten, wenn es zählt. Packen wir es mit vereinten – im doppeldeutigen Sinne – Kräften an!

(Quelle: DOSB)


 
 

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