„ZurückGESCHRIEBEN“ – Michael Vesper zu Olympia in Berlin

15.09.2014

Im Berliner Tagesspiegel hat DOSB-Generaldirektor Michael Vesper am vergangenen Sonntag auf einen Leserbrief von Dieter W. Schneider zu einer Berliner Olympiabewerbung reagiert.

Im Berliner Tagesspiegel vom 14. September 2014 reagiert Michael Vesper auf einen Leserbrief vom 16. August 2014. Foto: DOSB

Wir dokumentieren den Brief aus der Rubrik „ZurückGESCHRIEBEN“ vom 14. September an dieser Stelle:

Wozu man in Berlin „schon wieder“ eine „große Geschichte“ brauche, fragt der Leser und spricht sich dafür aus, lieber das Bestehende zu konsolidieren. In der Tat, Olympia ist eine „große Geschichte“, nämlich das größte (Sport-) Ereignis weltweit. Es ist nicht zu vergleichen mit dem Bau eines Großflughafens oder eines Konzerthauses. Olympische Spiele umfassen die ganze Stadt. Es ist ein Wagnis, um sie zu werben. Aber es lohnt sich, dieses Wagnis einzugehen.

Olympische Spiele faszinieren wie nichts sonst die Jugend der Welt. Das zeigen etwa die Einschaltquoten, die von Mal zu Mal weiter steigen. Sportarten, die bei Olympia erfolgreich sind, schaffen Vorbilder und lösen gerade bei jungen Menschen Eintrittswellen in unsere Sportvereine aus.

Zugleich ist Olympia ein Fest der interkulturellen Begegnung. Nirgendwo sonst treffen junge Menschen aus mehr als 200 Nationen, mit unterschiedlichen Kulturen und Religionen aufeinander und leben in einem gemeinsamen Dorf zusammen. Da speist Dirk Nowitzki neben dem unbekannten Kanuten, Roger Federer tröstet den Läufer, der knapp eine Medaille verpasst hat, und die Hockeymannschaft legt nach dem Olympiasieg für eine Weile die Leinen los. Es ist dieses Miteinander von Megastar und „Randsportler“, von Turner und Triathlet, von Europäer und Indio, das die Faszination Olympischer Spiele ausmacht.

Olympische Spiele sind zwar ein Ereignis des Spitzensports, sie dienen aber ebenso der Sportentwicklung. Wir alle lieben den Fußball. Aber es muss auch Platz geben für die anderen Sportarten. Diesen Platz schafft Olympia. 44 Weltmeisterschaften in gut zwei Wochen: Wo sonst können sich Sportarten wie Rudern, Moderner Fünfkampf, Ringen, Fechten und Wasserball einem größeren Publikum zeigen und sich weiterentwickeln? Für Sportler, die in diesen Disziplinen jahrelang hart trainieren, ist eine olympische Medaille das Größte.

Das hat Auswirkungen bis in die letzten Winkel des Breitensports. Eine Stadt, ein Land, die Olympische Spiele ausrichten wollen, müssen mit ihrer Bewerbung zeigen, dass sie den ganzen Sport im Blick haben, die Basis, ohne die es Spitzensport gar nicht geben könnte. Wer sich um Olympia bewirbt, kann nicht die 3. Schulsportstunde streichen, die Infrastruktur des Breitensports verrotten lassen, die Vereine mit erhöhten Hallennutzungsgebühren traktieren. Olympische Spiele sind ein Konjunkturprogramm für den Sport im Ausrichterland. Und vor allem: Durch die Verhinderung Olympischer Spiele wird kein Schwimmbad saniert und kein einziges der gegenwärtige Probleme von Berlin gelöst.

Wer, wenn nicht Deutschland, wäre in der Lage, der Welt zu zeigen, wie man Olympische Spiele nachhaltig, klimafair und transparent austragen kann? Wir würden für Olympia keine „weißen Elefanten“ schaffen, sondern Sportanlagen, Wohnungen und Infrastruktur, die für die Menschen danach nützlich sind. Ohnehin sind bei uns viele Anlagen schon vorhanden. Olympische Spiele können, wenn man sie klug und bedarfsgerecht konzipiert, die städtische Entwicklung nachhaltig fördern, wie sie das 1972 in München und vierzig Jahre später in London getan haben.

Das IOC steht mitten in einem Reformprozess. Die Olympische Agenda 2020, von Thomas Bach angestoßen, wird aus manchen Fehlentwicklungen Konsequenzen ziehen. Diesen Prozess gilt es zu unterstützen, und zwar am besten durch eine Bewerbung, die mit den Grundsätzen von Transparenz und Glaubwürdigkeit, von Nachhaltigkeit und Nützlichkeit ernst macht.

Wie Olympische Spiele wirken können, kann man an London ablesen, einer Stadt, die es mit Berlin gewiss aufnehmen kann. Auch hier gab es vor den Spielen Skepsis, Kritik und Distanz. Aber dann haben die Menschen ein Riesenfest gefeiert – und einen ganz neuen Stadtteil erhalten. Der Olympiapark ist jetzt ein Naherholungsgebiet und eine grüne Lunge für diese Metropole. Die Stimmung in London, im ganzen Land, war einzigartig. Der Breiten- und Spitzensport haben seit der Bewerbungsphase einen riesigen Aufschwung erlebt. Und bei alldem hat London, was die Organisation der Spiele angeht, schwarze Zahlen geschrieben.

Kann man „konsolidieren“, ohne sich gleichzeitig neue Ziele zu setzen? Ich meine nein. Man wird nur dann die Kraft zu konsolidieren aufbringen können, wenn es Quellen gibt, aus denen man neue Kraft schöpfen kann. Olympia könnte eine solche Kraftquelle sein.

(Quelle: Berliner Tagesspiegel)


 
 

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