Sport, Spiel und Bewegung für Kinder

2009 will die Deutsche Sportjugend (dsj) den Sport und seine Bedeutung für Schule, Erziehung und Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen verstärkt in den Vordergrund rücken, gab der dsj-Geschäftsführer Martin Schönwandt bekannt.

Die Deutsche Sportjugend setzt sich für den Schulsport ein. Copyright: picture-alliance
Die Deutsche Sportjugend setzt sich für den Schulsport ein. Copyright: picture-alliance

Lange bevor die Kultusminister der Länder Mitte Oktober beschlossen, den qualifizierten Sportunterricht in den Grundschulen gemeinsam mit den Bildungsinhalten Kunst und Musik in einem Studienbereich „Ästhetische Bildung“ aufgehen zu lassen, hat sich die dsj des Themas angenommen. Mit der  verhängnisvollen bildungspolitischen Botschaft aus der Vorweihnachtszeit sei noch einmal erhärtet worden, wie wichtig und zeitgemäß es ist, „gerade dieses Thema und sein Potential im Neuen Jahr mehr nach vorn und in die Öffentlichkeit zu schieben“, so Schönwandt.

Welchen Stellenwert Sport, Spiel und Bewegung derzeit im Bildungssystem genießen, diese Frage wird am 19. und 20. März zunächst in einer Experten-Anhörung in Münster im Mittelpunkt stehen. Der Disput soll dann im Rahmen des Hochschultages der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (DVS), der vom 16. bis 18. September ebenfalls in Münster abgehalten wird, fortgeführt werden. „Wir müssen Anlässe schaffen, um die Potentiale des Sports gerade für Kinder und Jugendliche deutlich zu machen und diese Werte zu artikulieren“, unterstreicht Schönwandt. „Ansonsten laufen wir Gefahr, dass Sport bildungspolitisch unterschätzt und dass Sport zunehmend zur Seite geschoben wird und ins Abseits gerät.“ 

Fatale analytische Unterlassungen 

Wie berechtigt diese Sorge ist, das zeigt sich allein im jüngst veröffentlichten Zweiten Kinder- und Jugendsportbericht, der von einem Wissenschaftlerteam der Universität Duisburg-Essen erstellt wurde. Unter der Überschrift „Mangelnde Berücksichtigung von Bewegung und Sport“ weist Professor Werner Schmidt darauf hin, dass selbst vom Bund in Auftrag gegebene zentrale Studien den Sport und seine Bedeutung für die Heranwachsenden geflissentlich ausblenden. Beispielsweise berücksichtige der 12. Kinder- und Jugendbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2005 weder in seinem theoretischen Teil noch im Teil seiner empirischen Untersuchungen „die psychomotorische Frühförderung, die informellen Bewegungs-, Spiel und Sportangebote und erst recht nicht den Sportverein“.  

Darüber hinaus werde in dem Bericht glatt die Erkenntnis ausgespart, dass die allermeisten Nachmittagstermine von Kindern im Alter zwischen 4 und 12 Jahren allein auf den Sport entfallen. Bei 69 Prozent dieser Kids sei dies der Fall, während Freizeitbeschäftigungen wie Musik (11,9 Prozent), Kunst (2,7 Prozent) oder kirchliche Aktivitäten (6,4 Prozent) weit dahinter rangieren. Für die allermeisten Kids - manche Studien besagen, für 80 Prozent von ihnen - sind alle Aktivitäten mit und um den Sport herum die absoluten Favoriten des Alltags. Spätestens seit den 90er Jahren ist dies als Binsenweisheit bekannt. Obwohl Sport bezogene Hobbys und aktives Sporttreiben erwiesenermaßen sogar als das wesentliche Erkennungszeichen für die Phase der Kindheit gelten, existiert laut Schmidt dessen ungeachtet eine „nicht nachvollziehbare Unkenntnis der Bedeutung von Bewegung und Sport“. Ein bizarrer gesellschaftlicher Widerspruch ist dies. Ein Paradoxon geradezu, das in den Schlussfolgerungen des neuesten Kinder- und Jugendsport-berichts sein adäquates Abbild findet. „6! Setzen!“, so lautet hier - salopp formuliert - das gleichermaßen grundlegende wie bedenkliche Fazit. Sämtliche Untersuchungen zeigten einerseits die herausragende Bedeutung von Bewegung, Sport und Spiel. Andererseits würden diese Effekte weder anerkannt noch fänden sie in praktischen Maßnahmen Berücksichtigung. 

Sportstunden als latente Ungleichung 

Ein Bild sei „16fach gebrochen“, berichtet Martin Schönwandt in Anspielung auf die unterschiedlichen Ausprägungen staatlicher Schulsportangebote in jedem einzelnen Bundesland und die föderale Komponente des bundesdeutschen Bildungssystems. Sport ist leider keines der PISA-Fächer und befindet sich in steter Konkurrenz zu anderen Fächern. Zu einem seiner großen Nachteile - leider auch aus Sicht vieler Eltern - gereicht diesem Fach laut Schönwandt, dass, anders als beim Diktat, einer gelösten Matheaufgabe oder einer hübsch gemalten Landkarte, bei den Leibesübungen oft genug ihr bleibender Wert entweder übersehen oder gering geschätzt wird. Wenig glücklich wirkt aktuell zudem, dass mehr als die Hälfte der Sportstunden von Lehrern betreut werden, die in diesem Metier nicht ausgebildet und Amateure statt professionelle Sport-pädagogen sind. Haushaltstechnisch scheint es für die Landespolitiker vor diesem Hintergrund die einfachste Lösung, die Sportstunden dem begrenzten Personal anzupassen als anders herum dafür sorgen, angemessen viele Lehrer so gut auszubilden, dass drei Stunden Unterricht pro Woche in jeder Altersklasse und überall zum Standard werden könnten. Hinsichtlich der „Bewegungslehre“ beim Nachwuchs im Kindergarten- und schulpflichtigen Alter gehört Deutschland im Vergleich mit Skandinavien inzwischen zu den Entwicklungsländern, so haben Wissenschaftler festgestellt.  

Pausenlos und laut Alarm schlagen 

Offensichtlich lässt sich der große Widerspruch zwischen Wert und Wirklichkeit in diesem Fach so einfach nicht aus der Welt schaffen. Nach Lage der Dinge jedoch bleibt dem Dachverband und allen anderen Freunden und Förderern kindlichen Bewegungsdrangs nichts anderes übrig, als andauernd auf die Dringlichkeit des Themas hinzuweisen und pausenlos und lauter als bisher Alarm zu schlagen. Dabei gilt es nicht nur, die rein körperlichen Komponenten zu betonen und darauf hinzuweisen, dass regelmäßige körperliche Ertüchtigung Kids und Heranwachsende aktiv, gesund und belastbar macht. Zugleich sind die sozialen Nebenwirkungen und die Effekte für die etwa zum Teamwork gehörenden Charaktereigenschaften nicht zu unterschätzen.  

Überdies hat ein adäquates Sportangebot an Kindergärten und Schulen jedweden Typs auch etwas mit gelebter Demokratie zu tun. Wie man spätestens seit der so genannten Sprint-Studie aus dem Jahr 2006 zur Situation des Sportunterrichts an Grundschulen weiß, schätzen die überwiegende Zahl der Mädchen und Jungen dieses Alters den Sportunterricht. Der Nachwuchs fühlt sich dabei äußerst wohl. Ein kindlicher Tenor, den die schulpolitische Elite mit ihrer Absage an qualifizierte Sportstunden ebenso ignoriert wie Warnungen von Medizinern. Mehr als 50 Studien aus den Jahren 2002 bis 2006 bezeugen den Rückgang motorischer Fähigkeiten bei Kindern. Bei den 6- bis 10-Jährigen - der Generation des so genannten „goldenen Lernalters“ also - stagniert in dieser Phase die Leistungsfähigkeit in Relation zum Körpergewicht. Ein Phänomen, das zwei Ursachen hat. Bewegungsmangel und die Neigung zu Übergewicht. Ein natürliches Geschwisterpaar, das keine Altersklasse zu verschonen scheint. 

Für eine „Allianz zwischen Politik, Schule, Eltern und Sport“ 

Trotz aller Kritik an den derzeit objektiv unbefriedigenden Zuständen hält Schönwandt nichts davon, das Schulsystem als Gegner des organisierten Sports zu definieren. Der zukunftsfähigere Weg besteht für den 55 Jahre alten Diplom-Pädagogen vielmehr in einer „Allianz zwischen Politik, Schule, Eltern und Sport“. Wobei die Sportvereine allerdings weder in der Lage seien noch in die Situation gebracht werden dürften, als „Ausputzer“ für die Versäumnisse des Sportunterrichts herzuhalten. „Wir müssen mit unseren Argumenten stärker wuchern als bisher. Wir müssen in die Offensive kommen und vehementer fordern, mehr qualifizierten Sportunterricht anzubieten. Dasselbe gilt für den Kindergarten“, erklärt Schönwandt den Sinn und Zweck der Bildungs-offensive 2009. Flankierend wirken Instrumente wie der Deutsche Schulsportpreis, der im Jahr 2010 das nächste Mal verliehen wird, oder der alljährliche ausgelobte dsj-Zukunftspreis „Kinder und Bewegung“. Schließlich führen positive Beispiele am authentischsten und überzeugendsten vor Augen, dass es auch anders geht


  • Die Deutsche Sportjugend setzt sich für den Schulsport ein. Copyright: picture-alliance
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