Zum 85. Geburtstag der Rodellegende Sepp Lenz

Sepp Lenz, eine deutsche Rodellegende, feiert am 8.Februar seinen 85. Geburtstag. Die Kunsteisbahn in Königssee trägt seine Handschrift.

Sepp Lenz hat noch oft Sehnsucht nach der Rodlbahn. Foto: picture-alliance
Sepp Lenz hat noch oft Sehnsucht nach der Rodlbahn. Foto: picture-alliance

Der Schlittenpionier vom Königssee ist mittlerweile Ur-Opa, aber noch immer vital: fast täglich mit Ehefrau Annelies „auf Wanderschaft“ und in der kalten Jahreszeit, auch fast täglich, „um nach dem Eis zu schau'n“ - an der ersten Kunsteis-Bob-und-Rodelbahn der Welt, die zwar nicht seinen Namen trägt, jedoch seit 60 Jahren unverkennbar seine Handschrift.

Denn bereits zehn Jahre vor dem Bau des 1969 eingeweihten modernen Kunsteiskanals war Sepp Lenz zusammen mit seinem Vater Lorenz einer der Motoren und Architekten für eine erste Rennrodelbahn am Nordufer des Königssees gewesen.

12 (!) Landwirte und eine Hoteliersfamilie, Eigentümer des Terrains, mussten dafür unter einen Hut gebracht werden; ihnen die Zustimmung abgerungen, den bis dahin Naturbahnrodlern ein Stück Wald oder Wiese für eine moderne Sportstätte zu überlassen. Die Bedingung der Besitzer: Kein einziger Baum durfte gefällt werden. „Deshalb“, erinnert sich Lenz, „hat die Bahn als einzige der Welt auch eine krumme Gerade. Weil sie den Bäumen ausweicht!“

20.000 D-Mark waren 1959 das Startkapital, das der Landkreis für den Rodelbahnbau bei-steuerte, für Trasse und Betonkurven. Alles weitere nahmen die Rodler selbst in die Hand. Vor allem den alljährlichen Aufbau, Anfang Dezember, mit mehreren tausend Eisziegeln. Die wurden aus dem Aschauer Weiher und dem Hintersee gesägt. Damals gab es ja noch Winter, auf die ein Vierteljahr (fast immer) Verlass war.

Lenz' erfolgreiche Karriere (u.a. 1962 Europa- und je zweimal Deutscher Einsitzer - und Doppelmeister) war damals, zehn Monate zuvor, bereits jäh gestoppt worden: durch einen kapitalen Sturz mit seinem Doppelpartner Josef Fleischmann, im Februar 1964 beim Auftakttraining der Olympischen Winterspiele in Innsbruck. Eine Armversteifung blieb zurück; beim Rodelgefährten irreparable jahrelange Kopfschmerzen, die zu dessen tragischen Tod führten.

Hinfallen und aufstehen - dieses Leitmotiv für alle Sportler, hat für Sepp Lenz eine ganz besondere Bedeutung. Nach dem schmerzvollen Ende seiner aktiven Laufbahn ist er „aufgestanden“ als Trainer.

Sein ehemaliger Königsseer Schuldirektor Richard Hartmann (1914-1984), Rodel-Visionär und dynamischer Praktiker, entdeckte in seinem Schüler „Sepperl“ das Sportlehrertalent und machte Lenz ohne besondere Examen 1966 sogar zum ersten deutschen Rodel-Bundestrainer. Auf Honorarbasis. Hauptberuflich war der 31-Jährige zunächst noch Sattler bei der Königssee-Schifffahrt, Bootsführer und, unvergessen für viele Touristen, Bläser auch des romantischen 'Echo vom Königssee'.

Der Nachhall aber, den Lenz als Trainer hinterließ, war imponierend: 96 internationale Medaillen, davon 31 goldene, eroberten seine Rodler. In einer Ägide, die 29 Jahre lang dauerte; in der Lenz nach der deutschen Wende auch die Rennschlittensportler aus Ost und West erfolgreich zusammenführte.

Untrennbar mit seinem Namen verbunden ist vor allen anderen (wie Leo Nagenrauft, Christa Schmuck, Josef Fendt, die Doppel Schwab/Staudinger, Brandner/Schwarm und Stanggassinger/Wembacher) natürlich „der Hackl Schorsch“, die deutsche Rodel-Symbolfigur, sein Meisterschüler.

Auch der Trainer Sepp Lenz wurde eine Symbolfigur: als Ratgeber, Schlittenbauer und Eismeister. Ein Lenz, der im Winter aus dem Eis „lesen“ konnte. Und es selbst vortrefflich präparierte. Symbolfigur war dieser stets unaufgeregte Trainer auch für Journalisten: jederzeit freundlich, gesprächsbereit, originell.

Symbolisch für das zitierte Motto „hinfallen und aufstehen“ war, ein zweites Mal, der 16.Dezember 1993. Als der Bundestrainer Sepp Lenz in Winterberg in einer Trainingspause mithalf, den Eiskanal auszubessern und darüber das Kommando „die Bahn verlassen“ überhörte; ebenso eine heranrasende Rodlerin aus Amerika. Deren Schlitten trennte ihm mit Tempo 110 km/h den linken Unterschenkel ab...

Doch auch ein zweites Mal stand Lenz wieder auf. Nur acht Wochen später coachte er, auf Krücken gestützt, an der Olympiabahn von Lillehammer sein Team. Schon dort assistiert von Thomas Schwab, der an der Sporthochschule Köln ein prämiertes Trainerexamen hingelegt hatte und 1995 schließlich in die Spur von Sepp Lenz ging. Sie wurde genauso erfolgreich wie die seines Lehrmeisters und Freundes.

Stehaufmann Sepp Lenz meistert sein Leben nun schon seit 26 Jahren mit einer Beinprothese. Einem Handicap, das ihm kaum einer anmerkte. Er brachte damit seinen Enkeln am Jenner das Skifahren bei, fuhr sogar Mountainbike. Und fast täglich ging er mit seiner Ehefrau Annelies wandern. Früher „am Berg“, heute tut`s eine flache Runde um den „Hintersee“. Zudem lassen ihn die Augen ein bisschen im Stich, weswegen er sein Auto in den Ruhestand versetzt hat.

Wenn ihn aber die Sehnsucht nach seiner Rodelbahn packt, und das geschieht sehr oft - bringt ihn ein Familientaxi dahin, „damit der Opa nach dem Eis schauen kann“, und seinen Nachfolgern hin und wieder einen Ratschlag geben. Dafür übernehmen die Bahnarbeiter dann gerne den Heimtransport.

Dieser Sepp Lenz vom Königssee - Rodelmeister, Erfolgstrainer, Schicksalsbezwinger; beliebt, bescheiden, vielfach geehrt, wird an seinen „85.“ gewiss die Glückwünsche vom Bürgermeister der Schönau, vom Landrat des Berchtesgadener Landes, von seinem WSV Königssee und vom Deutschen Bob- und Schlittensportverband empfangen. Eine große Feier aber will er nicht, sondern nur seine Familie um sich haben, die ihn liebt und verehrt - in einem Berggasthof, hoch über dem schönen Berchtesgadener Land. Für das hat der Jubilar Sportgeschichte geschrieben. 

(Quelle: DOSB/Klaus Angermann)

 

 

 


  • Sepp Lenz hat noch oft Sehnsucht nach der Rodlbahn. Foto: picture-alliance
    Porträt von Sepp Lenz Foto: picture-alliance

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