Turner und Alpenverein feiern ihre Jubiläen

Turnen und Bergsport verbindet vielerlei: In diesem Jahr feiert der Deutsche Alpenverein sein 150. Jubiläum, der Deutsche Turner-Bund wird sogar 175 Jahre alt.

Das Naturerlebnis verbindet Turner und Bergsportler. Foto: picture-alliance
Das Naturerlebnis verbindet Turner und Bergsportler. Foto: picture-alliance

In diesen Tagen fanden in Tokio die Weltmeisterschaften im Klettern statt. Die deutschen Athleten sind überraschend erfolgreich; einer von ihnen hat sich gar direkt für den olympischen Kombinations-Wettbewerb  bei den Spielen 2020 am selben Ort qualifiziert – erstmals  ist diese Sportart dann bei dem Weltfest des Sports dabei. In wenigen Wochen werden in Stuttgart die Weltmeisterschaften im Turnen stattfinden – eine der Kernsportarten, die seit den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit zum Programm gehören. Klettern und Kunstturnen faszinieren die Zuschauer durch Athletik und Artistik, Kühnheit und Körperbeherrschung. Highlights der Spiele 2020.

Organisationsgeschichtlich verbindet beide Sportarten vielerlei, es ist die Erzählung von Bergfesten und Bergsteigen, Passion und Politik, Selbstorganisation und Solidarität, Naturerlebnis und natürlichem Leben, Wandern und Wundern. Sie beginnt um die Mitte des 19. Jahrhunderts und feiert ein doppeltes Jubiläum. Der Deutsche Alpenverein (DAV) blickt auf 150 Jahre Bestehen und fast 1,3 Millionen Mitglieder; die Turnbewegung feiert seit 175 Jahren ihre Bergturnfeste und zählt 5 Millionen Mitglieder.

Letztere haben ihre Wurzeln bis hin zum Turnplatz in der Hasenheide im Jahre 1811, den der junge Hilfslehrer Jahn – später als „Turnvater“ gehuldigt – errichtete. Von dort wurden Wanderungen und Fahrten in die Natur unternommen, nicht zuletzt um das große Ganze der deutschen Lande den Bewohnern der zahlreichen Kleinstaaten bewusst zu machen. Auch um Politik ging es, denn 1814 fand auf dem hessischen Feldberg (er gehörte drei Staaten) mit einer Rede von Ernst Moriz Arndt und Begeisterung des Dichters Freiligrath eine Feier zum Gedenken an den Sieg der Völkerschlacht statt, von dem ein Freudenfeuer weit ins Land kündete. Und Sehnsucht nach einer demokratischen Nation.

Turnerische Fest in besonders schöner Landschaft

Erst nach Ende der Turnsperre durch Metternichs Restauration konnte 1844 ein Bergturnfest auf dem Feldberg stattfinden, das umliegende Vereine auf dem Hochplateau „open-air“ organisierten. Unter ihnen als Vorsitzende der Radikaldemokrat Ravenstein und der Revolutionär Schärttner. Doch es war mehr Lebensgefühl als Politik: „Abseits des hastenden Alltags und fern der oft aufputschenden Massenveranstaltungen und des Schaubetriebes sind sie wettkampfbetonte Feste volkstümlicher Art der turnerischen Gemeinschaft an landschaftlich besonders schönen oder geschichtlich bedeutsamen Stätten der Heimat“, so charakterisierte sie der Turnorganisator Beck 1968.

Sie bieten traditionelle Wurf- und Laufwettbewerbe wie neuerdings Orientierungslaufen und Geocaching, Neues wie Bewährtes findet einen originellen Rahmen. Noch heute sind es rund hundert ihrer Zahl, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfinden. Bereits jetzt wird in Freyburg, Jahns Verbannungsort bis zu seinem Lebensende 1852, am Fuß der Neuenburg das hundertste Turnfest mit Gerätübungen, Spielen und Läufen im Freien vorbereitet – im August diesen Jahres waren es 1200 Aktive. Dann wird auch das neue Jahn-Museum im Bau sein.

Der DAV entsteht 1859 zunächst mit ehrgeizigen jungen Alpinisten, die Mut und Muskeln an Berggipfeln erproben wollen. Es entstehen Seilschaften, die ein Leben lang halten. Bald werden sie ergänzt durch die aus grauer Städte Mauern und mehr Freizeit erwachsene Wanderslust – der Tourismus  in die Natur begann und gewann rasch Menschen und Mentalität.

Auf Berggipfeln über den Dingen zu stehen, ein Gefühl von Freiheit zu erfahren, das Große und Mächtige der Natur zu empfinden, die weithin sichtbare Landschaft als Einheit zu betrachten, verlieh dem Wandern in einem uneinheitlichen Land auch politische Symbolik. Einheit geht am besten in Vereinen. Volkstümlichkeit und Naturerlebnis bergen politische Gefahren. Bleiben sie romantische Empfindung, ist ihre unbewusste oder gewollte Vereinnahmung durch Militär oder Politik nicht fern. Turner wie Alpinisten haben das insbesondere in der NS-Zeit erfahren, teils auch mitgestaltet. Der sich ausbreitende Antisemitismus, aber auch „arischer“ Körperkult sind dunkle Kapitel ihrer Geschichte.

Vereinsleben erschöpft sich nicht in Empfindungen. Es drängt  zu Taten und Selbsthilfe. Turner wie Alpinisten bauten auf Bergen Hütten und Häuser, die Schutz und Schlaf boten, zum Teil auch Speisen – der DAV verweist auf über 320 solcher Unterkünfte. Und er schützt früh die Natur und sieht darin gerade heute eine seiner wichtigsten Aufgaben – den winterlichen Skitourismus begleitet er mit großer Skepsis. Auch dort trifft er auf die Turner, die nicht nur den Gesundheitssport im letzten Jahrzehnt erfolgreich forciert haben, sondern den „Verein als gesunden Lebensort“ sehen wollen.

In wachsenden Metropolen und wechselnden Arbeitszeiten ist es nicht leicht, Berge und Bewegung zu besuchen. Insbesondere Turnvereine haben folgerichtig Tausende von vereinseigenen Fitnessstudios – im Kern gut bedachte Turnplätze nach dem Vorbild von Jahn – gebaut. Der DAV betreibt mittlerweile über 200 gut besuchte Kletterhallen, die wesentlich zum Überschreiten der Million Mitglieder beigetragen haben. Beides sind Beispiele für Ideenreichtum und Anpassungsfähigkeit der Sportvereine an neue Bedürfnisse der Menschen in veränderten Umwelten.

Der Deutsche Turnerbund hat sich darauf besonnen und mit Parcour eine läuferische Ergänzung zum Bouldern in den Kletterhallen aufgenommen. Die wird mittlerweile mit „Ninja Warrior“ als Fernsehshow vor großem Publikum gesendet. Wenn im Sommer kommenden Jahres Kletterer und Kunstturner um Medaillen kämpfen, werden sie darauf gut vorbereitet sein. Lange genug haben sie geübt.

(Quelle: DOSB-Presse, Ausgabe 34/Prof. Hans-Jürgen Schulke)


  • Das Naturerlebnis verbindet Turner und Bergsportler. Foto: picture-alliance
    Das Naturerlebnis verbindet Turner und Bergsportler. Foto: picture-alliance

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