Grenzen sind längst überschritten

Ein Kommentar zur Diskurskultur im Fall der Modernen Fünfkämpferin Annika Schleu.

Annika Schleu (r.) und Bundestrainerin Kim Raisner beim Wettkampf in Tokio. Foto: picture-alliance
Annika Schleu (r.) und Bundestrainerin Kim Raisner beim Wettkampf in Tokio. Foto: picture-alliance

Selten hat ein olympisches Ereignis der letzten Jahre eine so massive öffentliche Reaktion hervorgerufen, wie der Auftritt unseres Team D-Mitglieds Annika Schleu beim Reitwettbewerb des Modernen Fünfkampfs auf dem ihr zugelosten Pferd Saint Boy in Tokio. Wenige Sekunden nach der Ausstrahlung der Bilder der überforderten Reiter-Pferd-Kombination, setzte ein „Sturm“ über die sozialen Medien ein, der seitdem vorrangig über die Athletin hinwegzieht und mit seinen Kollateralschäden sowie der persönlichen Traumatisierung längst alle Grenzen überschritten hat.        

Woher kommt diese Lust zahlreicher Menschen Kübel mit Häme und Spott über eine ihnen völlig fremde Person zu schütten? Von selbsternannten Pferdeflüsterern über Tierschutzvereine auf der Suche nach öffentlicher Aufmerksamkeit bis zu sich bürgerlich gebenden Eiferern reicht die umfangreiche Empörungsgemeinde. Die Zahl der differenzierten Wortmeldungen zu einem zweifelsohne kritikwürdigen Sportwettkampf bleibt überschaubar. Auch der DOSB hat nach dem Wettkampf und selbstverständlich nach einer Anhörung der Athletin sowie der Bundestrainerin Kim Raisner den Vorfall kritisch bewertet und den Weltverband zur Anpassung der Regularien aufgefordert.

Das nun in einem Rechtsstaat wie der Bundesrepublik Deutschland auch Klagen nach dem Tierschutzgesetz gegen die beteiligten Personen eingegangen sind, muss man aushalten und durch die Staatsanwaltschaft bewerten lassen. Für uns ist hier jedoch leitend, dass Pferdefachleute das Geschehen in Tokio eindeutig nicht als Tierquälerei eingestuft haben. Beim Blick auf den gesamten Wettkampf muss man jedoch die Zulosung von Pferden, die Schwere des Parcours und das Regelwerk kritisieren. Inakzeptabel ist und bleibt aber, dass der persönliche Schmerz von Annika Schleu über das sportliche Scheitern in der mutmaßlich größten Stunde ihrer sportlichen Karriere durch gewissenlose Trittbrettfahrer*innen potenziert wird.

Der DOSB wird im engen Kontakt mit dem Verband für Modernen Fünfkampf die Aufarbeitung der Wettkampfszenen vorantreiben. Wir werden uns hier nicht wegducken, um uns dann in drei Jahren in Paris von ähnlichen Bildern überraschen zu lassen. Gleichzeitig stellen wir uns aber auch schützend vor unsere Team D-Mitglieder Annika Schleu und Kim Raisner. Das anhaltende Social-Media-Tribunal ist schäbig und menschenverachtend. Für einen fairen Diskurs zu werben mag zwar „old school“ sein, aber dadurch nicht weniger nötig!  

(Autor: Christian Sachs, Leiter des DOSB-Hauptstadtbüros)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Annika Schleu (r.) und Bundestrainerin Kim Raisner beim Wettkampf in Tokio. Foto: picture-alliance
    Trainerin Kim Raisner und eine weinende Annika Schleu stehen nebeneinander Foto: picture-alliance

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