Weltveranstaltungen mit regionaler Bodenhaftung

Die Special Olympics und die Universiade finden demnächst in Deutschland statt und teilen dabei die Leidenschaft für den Sport sowie das Ziel, Formen für nachhaltige Sportfeste zu finden.

2023 wird der Traum von Special Olympics World Games in Berlin wahr. Foto: SOD/Juri Reetz
2023 wird der Traum von Special Olympics World Games in Berlin wahr. Foto: SOD/Juri Reetz

Im Sport ist der Topos „Olympiabewerbung“ medial bestens geeignet, öffentliche Aufmerksamkeit wie zielgerichtete Tatkraft zu gewinnen. In Folge anderweitiger Festlegungen kommt frühestens 2036 in Frage - ein fragwürdiges Datum wegen den „Nazispielen“ von 1936 in Berlin. Der 15jährige Anlauf und sieben gescheiterte Olympiabewerbungen Deutschlands verweisen auf die Notwendigkeit der Nähe von Träumen und Taten.

Märchenhaft hat diesen Zusammenhang Hugo von Hofmannsthal verknappt: „Ein kleines Kind wurde gefragt, ob es nach den Sternen greifen wolle. Ja, sagte es und legte seine Hände auf die Erde.“

In festen Händen sind hierzulande zwei weltumspannende Sportfeste in Olympischen Dimensionen. 2023 die Weltspiele von Special Olympics in Berlin, 2025 die Weltspiele der Studierenden in der Region Rhein-Ruhr. Sie werden, wenn die Planungen gelingen, unser Land ein gutes Stück verändern und gleichzeitig bleibende Botschaften in alle Länder senden. In beiden kann der moderne Sport die ungebrochene Kraft zur gesellschaftlichen Entwicklung einbringen. Und beide haben Bodenhaftung.

Die Organisatoren der Weltspiele für Menschen mit geistiger und Mehrfachbehinderung - sie sind für die Aktiven „ihr“ Olympia, Thomas Bach entdeckt dort den „wahren Wert des Sports“ - haben nicht weniger als den nachhaltigen Anspruch, mit ihrem Fest flächendeckend die volle Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben zu fördern. Deutschland wird Dank des verbindenden Sports ein inklusives Land. Das ist 80 Jahre nach der mutigen Rede des Bischofs Galen gegen das Morden behinderter Menschen durch das NS-Regime ein starkes Bekenntnis. Eingelöst werden soll es nicht nur in Berlin, wo Besucher vor Ort leidenschaftlichen, respektvollen, begeisternden Sport mit überbordender Freude bei den Aktiven erleben können. Alles ohne Rekorde und ein „The winner takes it all“. Nirgends sonst ist das „Dabei sein“ so wichtig. Das gilt für die gesamte Republik.

Um das zu erreichen, hat das Organisationskomitee alle deutschen Kommunen eingeladen, sich als Standort für das „Host Town Program“ zu bewerben. Es wird mehrtägig unmittelbar vor den Spielen im Juni 2023 stattfinden. Mit ihm sollen Delegationen aus 198 Ländern Land und Leute im Gastgeberland, den Sport und Schulen, Werkstätten und Wohnen, Feiern und Förderung vor Ort erleben und verstehen. Viele neue Erfahrungen und Institutionen werden sie zu Hause prüfen.

Ideen werden vor Ort bleiben. Der Ehrgeiz, guter Gastgeber für Aktive aus aller Welt zu sein, bedeutet in jeder Region Bestandsaufnahme der vorhandenen Potentiale, gemeinsames Finden mitreißender Lösungen und neuer Ziele, vertrauensvolle Kooperationen, anhaltender Respekt und Freundschaften. Der vor und bei „ihrem“ Olympia gelebte inklusive Sport bleibt nicht Sternschnuppe, sondern wird Dauerbrenner. Schon jetzt stecken die vielseitigen Bewerbungen voller Kreativität und Tatendrang, wie das große Ziel „Teilhabe“ erreicht werden kann. Das bleibt auch nach 2023.

235 Kommunen, darunter fast alle Metropolen, auch Kreisstädte und ländliche Samtgemeinden sind Bewerber, bilden ein dichtes Netzwerk. Schon jetzt beginnt an vielen Orten gegenseitiger Austausch über die „Models of good Practice“. Wichtige Institutionen wie der Deutsche Städtetag und der Gemeindetag verbreiten das. Nicht alle können als Gastgeber nominiert werden. Die Berliner Zentrale und den beteiligten Landesverbänden wird es schwerfallen, eine Auswahl zu treffen. Bis Ende des Monats werden die Konzepte geprüft - nicht nominierte Bewerber werden dennoch selbstverständlich mit ihren Planungsgruppen nach Berlin eingeladen. Deutschland bewegt sich, wird von unten her inklusiv.

Schon wird deutlich, dass das Konzept Vorbild für weltweite Sportgroßveranstaltungen werden kann. Es erinnert an die Initiative zur Fußball-WM 2006, in möglichst vielen Wohngebieten für alle offene „Fußballkäfige“ zu errichten, die bis heute Resonanz bei Kids und Eltern finden. Sie sind oft ohne organisatorische Fortsetzung. Ein Schatz, der noch an vielen Orten von Vereinen zu heben ist. Das kommunale Konzept von Special Olympics verspricht dauerhafte Kooperationen mit Allen. Es erfüllt die von Bundesregierung, DOSB und BISP diskutierte Nachhaltigkeit von Sportgroßveranstaltungen.

Zwei Jahre später beginnt die Universiade. Auch sie begründet ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Nicht Teilhabe, denn Studierende sind Gestalter und Führungskräfte für Morgen. Ihr Auftrag ist die umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung um Werte und Wirken sportlicher Aktivität. Hier hat der immer wichtiger werdende Sport Defizite, wird von etablierten Disziplinen wie Medizin, Pädagogik, Geschichte, Ökonomie zwar mehr und dennoch zu wenig systematisch bzw. anwendungsorientiert erforscht. An vielen Standorten wird der Hochschulsport in seinen sozialen und präventiven Potentialen trotz vieler Initiativen des ADH nicht genügend abgerufen. Zu wenig jedenfalls für die Zukunft, bei der Bildung und Forschung längst Treiber der Entwicklung ist.

Mit der Regionalisierung der Universiade an Rhein und Ruhr werden zahlreiche Hochschulstandorte einbezogen, die Forschungsarbeiten und Lehrveranstaltungen, Kongresse und Publikationen, internationalen Austausch vor und bei dem sportlichen Weltereignis initiieren, nicht zuletzt den rund 7.000 Aktiven Campuskultur mit innovativen Veranstaltungen und Sportarten vermitteln. Auch das gilt es als Erbe nach innen zu verstärken und auch in sportlich wenig entwickelte Welten zu tragen.

Special Olympics steht mit „Sport für Alle“ für gegenseitige Empathie und Förderung auf Augenhöhe im Alltag, Universiade eher für Förderung wissensbasierter sportlicher Hochleistung in sozialer Verantwortung und internationale Verständigung. Die Leidenschaft für den Sport teilen beide. So wie das Ziel, Formen für nachhaltige Sportfeste zu finden. Das ist in den kommenden Jahren zu unterstützen, Olympia 2036 mag da noch etwas warten.

(Autor: Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • 2023 wird der Traum von Special Olympics World Games in Berlin wahr. Foto: SOD/Juri Reetz
    Sportler*innen stehen hinter einem Plakat mit der Aufschrift "Unser Traum: Special Olympics Weltspiele 2023 in Deutschland" Foto: SOD/Juri Reetz

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