Auf der Suche nach dem Wellenbrecher

Autor Andreas Höfer lässt das zweite Corona-Sportjahr Revue passieren und gibt gleichzeitig einen Ausblick auf 2022.

Kann nicht nur Wellen brechen: 2021 gewinnt Ricarda Funk im Kanu-Slalom die erste Goldmedaille für das Team Deutschland bei den Olympischen Spielen in Tokio. Foto: picture-alliance
Kann nicht nur Wellen brechen: 2021 gewinnt Ricarda Funk im Kanu-Slalom die erste Goldmedaille für das Team Deutschland bei den Olympischen Spielen in Tokio. Foto: picture-alliance

Ist in diesen Zeiten von „Wellen“ die Rede, denkt man wohl nicht zuvorderst an kollektive Begeisterungsstürme von Tifosi in europäischen Stadien oder an pazifische Naturgewalten, mit denen vor einer japanischen Küste Artisten auf Brettern erstmals auch olympisch in Berührung kamen. Weist unsere bevorzugte Anlaufstelle im weltweiten Netz für Wissensfragen aller Art unterschiedliche Varianten entsprechender Schwingungen und Störungen aus, so ist der in Rede stehende Begriff, den wir jenseits wissenschaftlicher Betrachtung gerne mit Sonne, Strand und Surfen assoziieren, gleichsam als „Krone“ allen Übels, das uns seit bald zwei Jahren auf den Körper und den Geist geht, seit geraumer Zeit eher mit unguten Konnotationen verbunden.

Schon von daher nimmt sich der jahresendzeitliche Blick zurück nach vorn wie ein Déjà-vu aus. Auf der Fahndungsliste ganz oben steht wieder und immer noch ein „Wellenbrecher“, womit das „Wort des Jahres“ ja bereits gefunden ist. Da ein solcher sich bisher allein verbal manifestiert und so mehr der Bedrohlichkeit als einer Entschärfung stets neuer Anbrandungen Ausdruck verliehen ist, könnte man geneigt sein, das zu Ende gehende Jahr aus den Annalen zu streichen oder einfach nur zu vergessen, wie man es am liebsten ja auch schon mit dem vorrangegangen getan hätte. Wenn da nicht die Hoffnung, vielleicht auch die Verpflichtung wäre, wenn nicht mehr, dann immerhin Erkenntnis mitzunehmen. Wobei eben dies auch die ohnehin tiefgreifende Sorge, nicht wenige würden eher von Frust sprechen, mehren könnte. Zumal ein Regierungswechsel oder die Wahl eines neuen Präsidiums allein noch keine Probleme löst oder Selbige in Luft auflösen lässt.

So gerne man sich Kurt Tucholskys genialen Gedanken zu Eigen machen möchte, dass die Basis jeder gesunden Ordnung ein großer Papierkorb darstellt, wird man sich mit amüsanten Bonmots nicht aus der Affäre ziehen können, vor allem wenn man „Affäre“ in einem wörtlichen Sinne versteht. Denn auch wenn sich „Delete“ in anderen Zusammenhängen vielfach als hilfreich, bisweilen als heilsam erweist, ist die Funktion auf der Tastatur von Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsgestaltung nur bedingt von Nutzen. Denn jenseits der an dieser Stelle vielleicht müßigen Frage, ob sich aus Geschichte lernen lässt, bleibt die Gewissheit, dass sich das Kommende von dem Gewesenen ableitet und dass der Lauf der Dinge nicht immer wieder neu bei „Null“ beginnt. Auch nicht im Sport, selbst wenn das nächste Spiel immer das schwerste sein mag. Dies gilt wohl auch für das demnächst beginnende Jahr, in das so manche Hypothek aus dem alten mitzunehmen ist. Leider, möchte man sagen, doch so ist es nun mal. Und wenn es einfach wäre, wäre es ja Fußball. Wobei uns die Erfahrung des Sommers mal wieder schmerzlich vor Augen geführt hat, dass selbst in solch vermeintlich simplem Kontext das Runde nicht wie von selbst seinen Weg ins Eckige findet. Auch Märchen wollen zumindest gut erzählt sein, wenn sie funktionieren sollen.

So waren es, jedenfalls durch die nationale Brille betrachtet, beim europäischen Gipfel der Fußlümmelei zu wenig Tore, während es beim olympischen und paralympischen Stelldichein in Tokio, jedenfalls aus der Sicht notorischer Statistiker nicht genug Medaillen waren. Immerhin konnten beide Großfeste des Sports wenn auch, ein historisches Novum, mit veritabler Verspätung und dann im ersten Fall mit zu vielen und im zweiten mit zu wenig Zuschauern überhaupt stattfinden. Doch ist es schon in normalen Zeiten, was immer das sein mag, schwierig genug, die deutsche Seele wenigstens sportlich zufrieden zu stellen, schlagen uns außergewöhnliche Umstände umso mehr aufs Gemüt. Zuversicht und positives Denken sind im Kanon unserer archetypischen Befindlichkeiten wohl vergleichsweise unterbeleuchtet.

Dabei fällt es, zugegeben, gerade tatsächlich alles andere als leicht, mit ungetrübter Vor-Freude ins neue Sport-Jahr zu blicken. Wer möchte sich schon an Geister-Spielen delektieren? Etwa in der Bundesliga oder auch in Peking. Ohnehin fällt es schwer, sich die Stadt der Sommerspiele von 2008 als neues Mekka des Wintersports vorzustellen. Von den politischen Konnotationen zu schweigen. Doch in München und Umgebung, wenn wir uns erinnern wollen, wollte man mehrheitlich ja von einer Bewerbung um eben diese Spiele nichts wissen, nachdem man in einem ersten Anlauf gegenüber Pyeongchang den Kürzeren gezogen hatte. Ohne zynisch zu werden, könnte man freilich auch von einer glücklichen Fügung sprechen, denn wer möchte schon das globale Fest der Bewegung und Begegnung im Zeichen einer Pandemie organisieren und verantworten müssen. Die Frage allerdings bleibt, ob man in näherer oder fernerer Zukunft die Jugend der Welt auch wieder einmal hierzulande begrüßen oder sich auch weiterhin immer nur von anderen einladen lassen möchte. Wobei ein „Möchten“ allein, wie vielfach, zuletzt an Rhein und Ruhr erfahren, nur eine von vielen Voraussetzungen darstellt.

Im kommenden August wird es eine halbe Ewigkeit, nämlich ein halbes Jahrhundert her sein, dass die olympische Karawane auf deutschem Boden gastierte. Vielleicht werden die hohen Wellen des Erinnerns, die vor Ort mit großem Engagement und nicht geringem Budget in Aussicht genommen werden, dem Geist und der Idee der olympischen Sache zu einer alten neuen Bedeutsamkeit verhelfen. Wenn man nämlich jenseits von Medaillen und Rekorden die Werte des Sports, wie Fairness und Respekt, um nicht schlicht von Menschlichkeit zu sprechen, als den Kern desselben ausmacht und zur Geltung bringt, dann könnte eine Art Wellenbrecher ins Auge gefasst sein. Das Gute dabei wäre auch, dass wir uns nicht allein auf Regierungen oder Präsidien verlassen müssten, sondern unsere ureigenen Wellen selber brechen könnten.

(Autor: Andreas Höfer)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.

 

 

 

 


  • Kann nicht nur Wellen brechen: 2021 gewinnt Ricarda Funk im Kanu-Slalom die erste Goldmedaille für das Team Deutschland bei den Olympischen Spielen in Tokio. Foto: picture-alliance
    Slalom-Kanutin Ricarda Funk beim olympischen Wettkampf in Tokio Foto: picture-alliance

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