Gastgeber in der Olympischen Bewegung

Die Olympischen Idee lebt, sie muss allerdings frei gelegt werden. Vielleicht 2023 mit den Special Olympics in Berlin und 2025 an Rhein und Ruhr mit den Weltspielen der Studierenden.

2023 finden die Special Olympics für Menschen mit geistiger Einschränkung in Berlin statt. Foto: SOD/Juri Reetz
2023 finden die Special Olympics für Menschen mit geistiger Einschränkung in Berlin statt. Foto: SOD/Juri Reetz

Die Olympischen Winterspiele 2022 haben wie vorgesehen begonnen. Jetzt fesseln gut organisierte Wettkämpfe mit ihrer Dramatik, den Leistungen wie Fairness der Athleten und der olympischen Architektur ein breites Publikum, sind Quotenbringer für Medien. Das ist angesichts der wintersportlichen Diaspora von Peking, mehr noch der weltweiten Corona-Pandemie nicht selbstverständlich. Vor allem nicht, weil die Welt unfriedlicher wird - die politische Tektonik der Weltmächte verschiebt sich, reichere und arme Nationen driften auseinander, Hunger und Flüchtlinge nehmen zu, Kriege und Kriegsdrohungen auch. Boykotte jeder Art haben Konjunktur.

In dieser Gemengelage Winterspiele in der aufstrebenden Weltmacht China, ließ die Kontroverse über Meinungsfreiheit und Menschenrechte sowie Olympischer Charta aufbrechen. Wie kann sie ausgetragen werden, ohne dieses große Fest der Menschheit und die Aktiven zu gefährden? Denn wer will und darf angesichts gegenseitiger apodiktischer Kritik noch Ausrichter werden?

Kern Olympischer Spiele ist das Treffen der Jugend der Welt, die mit allem persönlichen Einsatz für sich und ihr Land um den Sieg kämpft, ohne dabei Respekt vor Regeln und Rivalen zu verlieren - Fairness als grundlegende Haltung. Um das zu leben, benötigt man Gast-Geber. Für seinen hohen Aufwand verdienen das gastgebende Land und die ausrichtende Stadt Respekt der Gäste. Zum Geben für Gäste gehört das Be-Nehmen der Eingeladenen. Denn nicht zuletzt haben diese durch die Gremien des IOC den Austragungsort gewählt, setzen Olympic Rules ihm den Rahmen. Bleibt Respekt aus, verliert das Fest Sinn und Halt. Er ist Voraussetzung für den offen-kritischen Dialog auch über Menschenrechte. Nur sollte er vor der Entscheidung beginnen.

Betrachtet man die Olympische Bewegung als Ganzes und fixiert nicht nur aktuelles Geschehen, so bleibt wenig Anlass für Endzeitstimmung. Das moderne Olympia gibt es seit über 125 Jahren und hat schwerste Stürme überstanden, die nächsten drei Olympischen Spiele haben festen Platz und Planung. Die Olympische Bewegung findet in kontinentalen und jugendlichen Festen ihre Breite, von Paralympics über Deaflympics bis zu Weltspielen nichtolympischer Sportarten, bei Betriebssportlern und den Makkabiaden ist der Olympische Virus willkommen. Meist ohne Medien und Mammon.

Die Verwirklichung der Olympischen Idee lebt hierzulande trotz zwei Ablehnungen durch seine Bürger, sie muß allerdings frei gelegt und ihre Werte offensiv vertreten werden. 2023 finden die Special Olympics für Menschen mit geistiger Einschränkung in Berlin statt, 2025 an Rhein und Ruhr die Weltspiele der Studierenden (früher Universiaden). Beiden ist gemein, dass sie sich mit Bodenhaftung aus den Kommunen heraus entwickeln, die Menschen von dort mitnehmen wollen. Sie werden zugleich Gast-Geber und Teil-Nehmer. Die einen an den Universitätsstandorten, die anderen im Lebensalltag vor Ort. Sie können zur Erneuerung und Anerkennung Olympias beitragen.

Welche Potentiale frei gesetzt werden, wird schon jetzt bei den Special Olympics deutlich. Über 250 Kommunen aus ganz Deutschland haben sich beworben, um als Gast-Geber fröhliche Aktive aus bis zu 190 Ländern vier Tage unmittelbar vor ihren Olympischen Spielen zu betreuen: Land und Leute, Sport und Speisen, Bildung und Bekanntschaften, Feiern und Fröhlichkeit werden erfahren. Schon Monate vorher werden Kontakte und Kennenlernen initiiert, gemeinsam der Ablauf im Host Town geplant, danach geht es gemeinsam mit den Gastgebern nach Berlin. Alle Beteiligten nehmen einmalige Erfahrungen und Freundschaften mit zu den Weltspielen und ins Leben.

Auch stabile Strukturen. Die vor Ort engagierten Gast-Geber wollen auch nach den Spielen Gas geben, nehmen ihre schon bei der Bewerbung vorgestellten Konzepte ernst und entwickeln sie gemeinsam mit Behinderteneinrichtungen, Schulen, Vereinen, Kirchen weiter. Es ist faszinierend, wie viele originelle, gleichwohl umsetzbare Ideen sich selbst in kleinen Gemeinden entwickelt haben, aus denen Mut und Lebenserfahrung spricht. Die einen wollen Boßeln und Kletterwände vorstellen, andere Videofilme drehen, Rezepte werden gemeinsam ausprobiert und gemeinsames Tanzen ausgeübt, Vereine als neue Heimat identifiziert. Ganz Deutschland wird zum inklusiven Lebensort mit und durch Sport. Nachhaltigkeit wird so organisatorisch gelebt.

Ob das die große Politik verändern wird, bleibt offen. Den Sport schon. 2010 sagte Thomas Bach bei den Nationalen Spielen in Bremen: „Wer den wahren Wert des Sports erkennen will, muß zu den Special Olympics gehen!“

(Autor: Prof. Dr. Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


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    Fackelläuferinnen und -läufer von Special Olympics in Berlin Foto: SOD/Juri Reetz

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