Aktionsbündnis für Bäder als Ausweg

Alljährlich, wenn die Temperaturen in Freibäder, an Seen und Strände locken, dann bricht die Zeit der traurigen Nachrichten an: Badeunfälle für Kinder und Jugendliche gehören als traurige Begleiter regelmäßig zur Sommersaison.

Viele Bäder müssen schließen. Copyright: picture-alliance
Viele Bäder müssen schließen. Copyright: picture-alliance

Im Vorjahr sind offiziell 484 Menschen ertrunken. Jede Tragödie ist eine zuviel und erinnert an eine der größten Schwachstellen sportlicher Betätigung zwischen Boden- und Nordsee. Wenn 33,9 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen nicht schwimmen könnten, dann sei dies ein „gesellschaftspolitischer Skandal“, kritisierte Rudolf Salmen, der Vizepräsident des Schwimmverbandes von Nordrhein-Westfalen, jüngst bei einem gemeinsam mit der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) veranstalten „Bäderforum“. Vize-Präsidentin Ilse Ridder-Melchers, die bei der Veranstaltung in Oberhausen den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) vertrat, stimmt die Situation sehr nachdenklich. Sie versprach den Teilnehmern, die vielen Anregungen des Forums mit ins DOSB-Präsidium zu nehmen. Eine der Kernfragen sei die Bädersituation: „Wir müssen beim Thema Sportstätten als DOSB vordenken und Konzepte entwickeln“, betonte Ridder-Melchers. 

Das Thema gehört weit oben auf die gesellschaftspolitische Tagesordnung, weiß auch DLRG-Sprecher Martin Janssen. Die Bemühungen, mehr Kindern frühzeitig das Schwimmen beizubringen, seien in der jüngeren Vergangenheit nicht vorangekommen. Im Gegenteil gebe es mit Blick auf den „Kristallisationspunkt Schwimmbäder“ sogar große Rückschritte zu beklagen. „Wir haben einen traurigen Status quo erreicht“, fasst Janssen als Stimme jener Organisation zusammen, die derzeit 562.000 Mitglieder zählt und den Schwimmmeistern in der Bundesrepublik pro Saison in besonders heißen Sommern über 60.000 Rettungsschwimmer zur Seite zu stellen vermag, um Badeunfällen vorzubeugen und das Schlimmste zu verhindern.  

Die Zahlen sind alarmierend, wenngleich ganz aktuelle und bundesweite Erhebungen über die Schwimmfähigkeit der Heranwachsenden nicht existieren. Unter den Fünftklässlern in Nordrhein-Westfalen, so eine Untersuchung von Dietrich Kurz unter 1.000 Kindern aus dem Jahre 2006, sind fast ein Drittel Nichtschwimmer.  Laut einer vor vier Jahren von der DLRG in Auftrag gegebenen Studie können von Kindern und Jugendlichen insgesamt 33,9 Prozent gar nicht oder nur schlecht schwimmen. Bei Menschen im Alter ab dem 14. Lebensjahr liegt dieser Wert bei 23,3 Prozent. Oder umgekehrt: Bei Kindern und Jugendlichen können gerade einmal 66,1 Prozent schwimmen, während es im Durchschnitt der erwachsenen Bevölkerung immerhin 76,7 Prozent sind. Damit hinken Kids in Deutschland, die sich doch normalerweise weitaus lieber und wie selbstver-ständlich sich im nassen Element tummeln sollten, dem Durchschnittswert bei der schwimmenden Bevölkerung um satte zehn Prozent hinterher. 

Grundschulen mit erheblichem Nachholbedarf 

Die Ursachen für diese bedenklichen Schwächen in einer der ältesten olympischen Sportarten sind relativ leicht auszumachen. Der Anteil der Schulen, sprich der Grundschulen, an der schwimmerischen Ausbildung der Kids liegt der vier Jahre alten Untersuchung zufolge bei gerade einmal bei 17,1 Prozent. Berücksichtigt wurden dabei sämtliche Formen vom regulären Sport-unterricht über Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag und Projekte bis hin zu Schulkooperationen mit Vereinen. Zwar erwerben daneben schon Kinder im Vorschulalter das „Seepferdchen“, doch nach dem Maßstab „Schwimmen können“ kann dies bestenfalls als eine Vorstufe angesehen werden und ist keine Schwimmprüfung im eigentlichen Sinne. „Die DLRG und Sportwissen-schaftler fordern einen frühzeitigen Beginn der schulischen Schwimmausbildung ab dem ersten Grundschuljahr und nicht erst, wie in vielen Bundesländern üblich, ab der dritten Klasse“, sagt Janssen und beklagt zugleich ein weiteres Versäumnis im schulischen Alltag. Es gebe zu wenige gut ausgebildete Spezialisten für den Schwimmunterricht in den insgesamt rund 18.000 bundesdeutschen Grundschulen.  

Diese Bemerkung korrespondiert mit Erkenntnissen von Jürgen Brettschneider (Universität Paderborn), dem Verfasser der im Sommer 2005 vorgelegten „Sprint-Studie“ zur Situation des Sport-Unterrichts. Zwei Drittel aller Grundschüler werde zwar im Verlaufe der Klassenstufen eins bis vier ein Schwimm-Unterricht zuteil. Dies bedeute aber keineswegs, so  Brettschneider, dass die Schüler anschließend tatsächlich schwimmen können. Gründe dafür seien, dass oft genug lediglich in spielerischer Form geplanscht und sich im Wasser bewegt werde statt stilsischer Kraulen, Brust- oder Rückenschwimmen zu lehren bzw. zu erlernen. Nur etwa 50 Prozent des eingesetzten Personals in den Schulen könnten Janssen zufolge den Ansprüchen genügen, die Kinder so auszubilden, wie es die vor 30 Jahren von der DLRG erarbeitete und 2002/2003 modernisierte „Prüfungsordnung Schwimmen, Retten, Tauchen“ für diese Altersstufe vorschreibt.  

Ohne Mama, Papa und Vereine geht gar nichts 

Während die Schulen die schwimmerischen Fähigkeiten des Nachwuchses quantitativ viel zu wenig befördern und zudem qualitative Lücken beim ausbildenden Personal aufweisen, vertraut die Mehrheit der Kinder bzw. deren Eltern auf alternativen Schwimmunterricht. In erster Linie scheint das Schwimmen hierzulande unter Aufsicht der Eltern und in der Obhut von Vereinen erlernt zu werden. In den Vereinen erlernen 25 Prozent aller Kinder das Schwimmen, 26 Prozent verdanken ihre Ausbildung „Privattrainern“ namens Mama oder Papa. Ein knappes Drittel der Befragten machte der Erhebung von 2004 zufolge leider keinerlei Angaben darüber, wo und auf welche Weise der schwimmerische Erfolg zustande kam. So sehr die individuellen Bemühungen von Eltern grundsätzlich begrüßt werden können, dem Familiennachwuchs höchst persönlich beizubringen, wie man sich buchstäblich über Wasser halten kann, so groß sind andererseits die Tücken der individuellen familiären Ausbildungsvariante. Bei dieser Form fehle allzu häufig der amtliche Nachweis für die Behauptung, dass die Kinder anschließend tatsächlich schwimmen können, wendet Janssen ein. Auch vor diesem Hintergrund verweist der DLRG-Sprecher einmal mehr auf die objektiven Bewertungskriterien der zentralen „Prüfungsordnung“. Neben den Schulen haben sich auch der Deutsche Schwimmverband (DSV), die Wasserwacht, das Deutsche Rote Kreuz (DRK), der Deutsche Turner-Bund (DTB), der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und der Bundesverband Deutscher Schwimmmeister auf diese Normen verständigt und legen sie jeweils ihrer eigenen schwimmerischen Ausbildung zugrunde. Das Qualitätskriterium für sicher schwimmfähige Kids ist anhand dieser von allen Seiten akzeptierten und allgemein gültigen Vorgaben leicht zur Hand: Kinder, die meinen, schwimmen zu können, sollten mindestens über das Jugend-Schwimmabzeichen verfügen. Noch besser wäre Silber. 

Schwimmbad-Misere als Dreh- und Angelpunkt  

Dreh- und Angelpunk für die „Generation Nichtschwimmer“ und für die völlig unbefriedigende Quote von Kindern und Jugendlichen, die sich dem nassen Element unbeschwert nähern dürfen, ist die allgemeine Schwimmbad-Misere. „Die Städte und Gemeinden haben es über Jahrzehnte versäumt, ihre Bäder auf einen modernen Stand zu bringen. Das Bad ist nun einmal die elemen-tare Voraussetzung, um das Schwimmen zu erlernen“, unterstreicht Martin Janssen. „Es kann in den Lehrplänen der Schulen stehen, was will. Wenn ich keine Bedingungen dafür habe, dann kann ich keinen Schwimmunterricht anbieten.“ Schon Brettschneiders „Sprint-Studie“ hatte vor drei Jahren vermerkt, dass rund einem Fünftel sämtlicher Grundschulen im Bundesgebiet der Zugang zu einem geeigneten Bad fehlt. Für fast drei Viertel der Schulen liege das nächste Schwimmbad zwischen drei und zehn Kilometern entfernt  – falls es überhaupt noch geöffnet ist. Die Auswertung regionaler und lokaler Medien von Seiten der DLRG lieferte in der jüngsten Vergangenheit ein ernüchterndes Bild.  Bundesweit wurden innerhalb von zehn Monaten bis April dieses Jahres mindestens 203 Hallen- bzw. Freibäder dichtgemacht. Dies ist zugleich mit Blick auf das Training und die Durchführung für die Prüfungen zum Deutschen Sportabzeichen eine verheerende Tendenz. Vor diesem Hintergrund gibt es bereits erste Vorschläge, angesichts der immer schlechter werdenden Voraussetzungen beim „Sportorden“ künftig auf das Schwimmen zu verzichten. Eine Entscheidung, die einer Kapitulation gleichkäme.  

Entsprechend eindeutig war auch der Tenor beim Bäderforum Mitte Mai in Oberhausen. Nicht die Maßstäbe sollten herunter geschraubt werden, so lautete die eindeutige Botschaft, sondern das Bedingungsgefüge zugunsten der Schwimmer und aller Menschen, die es erlernen wollen, müsse energisch verbessert werden.  „Wir brauchen zukünftig ein Aktionsbündnis für Bäder“, mahnte zum Beispiel DLRG-Vizepräsident Jochen Brünger als Veranstaltungsleiter. Rudolf Salmen, der „Vize“ des nordrhein-westfälischen Schwimmverbandes, fing den Wasserball sofort auf und warb bei dieser Gelegenheit für ein „proaktives Bündnis“ der Vereine mit den Bad-Betreibern. Mit dieser Kooperation müsse flächendeckend begonnen werden. Zugleich gelte es, gegen weit verbreitete Vorurteile anzugehen. „Die stereotyp vorgebrachte These hingegen, Vereine seien mit einem Bad überfordert, die muss weg.“ Rüdiger Steinmetz als Präsident des Bundesfachverbandes Öffent-liche Bäder (BoeB) forderte einen gesellschaftlichen Konsens für diese speziellen Sportstätten ein. „Bäder dürfen nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern müssen auch volkswirtschaftlich betrachtet werden.“

Ilse Ridder-Melchers indes gab zu Bedenken, dass es zu einfach sei, den Vereinen die Lasten kommunalpolitischer Versäumnisse aufzubürden. „Wir dürfen die Kommunen nicht aus der Verantwortung lassen“, betonte die DOSB-Vizepräsidentin. Der Sanierungsbedarf bei Freiluft- und Hallenbädern beläuft sich nach Schätzungen des DOSB auf insgesamt 14 Milliarden Euro. Andere Berechnungen gehen von etwa 8 Milliarden Euro aus. „Welche Zahl man auch zugrunde legt, in jedem Fall ist es eine gewaltige Summe, die die Misere eindrucksvoll beschreibt“, sagt der DLRG-Sprecher Martin Janssen. Die Konsequenz daraus könne nur lauten: Dieser Entwicklung muss ein Riegel vorgeschoben werden. Kommunen müssten im Verbund mit Sportverbänden und Vereinen vor Ort alles unternehmen, damit künftig kein Bad mehr schließt. „Wir brauchen ein breites Akti-onsbündnis, um jedes Bad zu erhalten, das es noch gibt. Denn jedes Bad, das verloren geht, fördert die Nichtschwimmer-Tendenz.“


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