Ausschuss-Hearing: Alltagsbewegung junger Leute stärken

Mehr Sport- und Bewegungsmöglichkeiten in der Schule und im öffentlichen Raum und eine intensivere Aufklärung über gesunde Ernährung können das bei jungen Leuten verstärkt zu beobachtende Phänomen des Übergewichts und der Fettsucht eindämmen.

Bewegung im Freien macht Kindern Spaß. Copyright: picture-alliance
Bewegung im Freien macht Kindern Spaß. Copyright: picture-alliance

Diese konsensfähige allgemeine Forderung erhoben Sachverständige bei einer Anhörung des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Deutschen Bundestages, die einige neue Akzente setzte.  

Dritte Sportstunde allein löst nicht das Problem

Neuere Datensätze wurden bei dem Hearing nicht vorgestellt: Allerdings wies Gerhard Rechkammer von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel darauf hin, das Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen sei massiv verbreitet. Ein Vertreter einer Spezialklinik in Bad Orb berichtete, bundesweit gebe es jährlich etwa 15.000 neue Fälle von Fettsucht bei Jugendlichen. Wie bekannt sind nach Erhebungen des Robert-Koch-Instituts hierzulande 15 Prozent der Drei- bis 17-jährigen als übergewichtig zu bezeichnen. Die Bundesregierung hatte erst im Frühsommer in einer Regierungserklärung die Kosten des Gesundheitssystems für die Behandlung der Folgen von Übergewicht und Fehlernährung auf mehr als 70 Milliarden Euro und somit auf 30 Prozent aller Gesundheitsaufwendungen beziffert.  

Prof. Erik Harms von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin unterstrich, eigentliches Ziel der Präventionsanstrengungen müsse es sein, die Heranwachsenden zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit Ernährung und Bewegung zu befähigen. „Bewegung ist traditionell im Sportunterricht beheimatet“, schrieb der Wissenschaftler in einer Vorlage. „Hier ist allerdings zu berücksichtigen, dass nicht allein die Einführung einer dritten Sportstunde das Problem löst – zumal selbst in den Sportstunden der Bewegungsanteil oft zu gering ist. Vielmehr muss die Alltagsbewegung, zum Beispiel in den Pausen, auf dem Schulweg und im außerschulischen Bereich gestärkt werden. Im Rahmen der Ganztagsschulentwicklung entstehen hier neue Möglichkeiten für Angebote.“

Mehr Geld für primärpräventive Maßnahmen gefordert

Dr. Beate Zelazny vom hessischen Kultusministerium wies darauf hin, Prävention habe Vorrang und müsse so früh wie möglich ansetzen, dabei kontinuierlich sein: „Im Gesundheitswesen werden etwa 95 Prozent der Gelder für kurative Maßnahmen verwendet; sinnvoll und notwendig ist mehr Geld für primärpräventive Maßnahmen für Kinder und Jugendliche im jeweiligen Setting bereit zu stellen“ - damit also für Kindergarten, Schule, Sportverein und Stadtteilarbeit.

Gesundheitsforscherin Prof. Kirsten Schlegel-Matthies von der Universität Paderborn konstatierte, in den Bundesländern gebe es auf dem Sektor Ernährung und Bewegung „sehr unterschiedliche Aktivitäten“. Weiter machte sie deutlich: „Bewegung ist zumindest auf dem Papier für alle Schulformen und -stufen verbindlich durch das Fach Sport abgedeckt. An den einzelnen Schulen ist allerdings feststellbar, dass Sportunterricht in Klassenzimmern stattfindet bzw. als Theorieunterricht erfolgt. Auch sind wöchentlich zwei bis drei Stunden Schulsport nicht ausreichend, um Kindern und Jugendlichen langfristig einen gesundheitsförderlichen bewegungsorientierten Lebensstil nahe zu bringen.“ Überdies sollten Ernährung, Bewegung und Gesundheit in Schulprogramme und -profile integriert werden. 

Trimm-Dich-Aktion vorbildhaft

Von der Hochschule Magdeburg-Stendal forderte der für das Forschungsfeld „Kindliche Entwicklung und Gesundheit“ verantwortliche Dr. Raimund Geene eine „selbstbestimmte Bewegungsorientierung“: „Insbesondere Kinder haben einen spezifischen Bewegungsdrang, der sich an physiologischen und sozialen Anforderungen orientiert. Bewegungsorientierte Programme sollten diese Bedürfnisse alters- und zielgruppenspezifisch aufgreifen. Wichtige Rahmenbedingungen dafür sind freie Grünflächen, bespielbare Wiesen und Wälder als Räume zu einer so genannten freien Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, aber auch den Alltag unterstützende Bewegungsmöglichkeiten, wie beispielsweise das Fahrradfahren.“ 

Die aktuelle politische Diskussion werde durch eine „mediale Hysterisierung“ geprägt, die den massiven Anstieg von starkem Übergewicht nicht verhindern können, sondern die „steigende Prävalenz“ möglicherweise weiter begünstigen könnte. Dr. Geene empfahl eine Rahmenkampagne, die sich auf die Erfahrungen der Trimm-Dich-Aktion des deutschen Sports der siebziger und achtziger Jahre beziehen sollte; die „gesellschaftliche Mobilisierung“ für das „Trimmen“ könnte ein Anhaltspunkt sein.Unterstützung des Sports auch neue Initiativen anzustoßen. Neben wissenschaftlichen Vorträgen werden auch Best-Practice-Modelle unter der Zielsetzung vorgestellt, welchen Beitrag der Sport zur individuellen Entwicklungsförderung und sozialen Integration leisten kann. Deshalb sind engagierte Personen aus den Bereichen Kindergarten, Grundschule, Vereine und Verbände, Wissenschaft und Politik die Hauptadressaten.


  • Bewegung im Freien macht Kindern Spaß. Copyright: picture-alliance
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