Bereicherung, Anpassung, Verdrängung, Aufklärung (Teil 2)

30 Jahre Mauerfall bedeuten auch 30 Jahre wiedervereinigtes Sportdeutschland. In einer dreiteiligen Serie gibt Autor Günter Deister einen Überblick.

Kanutin Birgit Fischer war sowohl für die DDR als auch für das wiedervereinigte Deutschland sportlich erfolgreich. Foto: picture-alliance
Kanutin Birgit Fischer war sowohl für die DDR als auch für das wiedervereinigte Deutschland sportlich erfolgreich. Foto: picture-alliance

Zum Beispiel Dr. med. Thomas Lange (55), geboren am am 27. Februar 1964 in der Lutherstadt Eisleben.

Bei seinem Heimatverein SC Chemie Halle wird das große Talent zum Weltklasse-Ruderer hochtrainiert. 1988 triumphiert Lange im spannenden olympischen Einer-Finale in Seoul gegen seinen westdeutschen Rivale Peter-Michael Kolbe. Die DDR zeichnet ihn für seine Großtat im Kampf gegen einen Vertreter aus dem kapitalistischen Westdeutschland mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold und dem Stern der Völkerfreundschaft in Gold aus. „Ich war da bloß nicht nur so drin“, bekennt er. Vier Jahre später wiederholt er seinen olympischen Triumph. Da sitzt er bei den Vereinigungsspielen in Barcelona bereits im schwarz-rot-goldenen Boot. 1990, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, hat sich sein Vater, ein Stasi-Generalmajor im Bezirk Suhl, erschossen. Heute arbeitet Thomas Lange als Dr. med. in seiner neuen Heimat Ratzeburg. Vor drei Jahren wählten sie ihn, den ruhmreichen Ruderer aus DDR-Zeiten, zum Vorsitzenden des ruhmreichen westdeutschen  Ruderclubs, den Ratzeburger RC.

Es sind auch solche Geschichten, die über 30 Jahre Sportvereinigung erzählen. Sie sind bedrückend und bereichernd zugleich. Bedrückend, weil sie immer auch verbunden sind mit Zwangsherrschaft und Gehorsam. Bereichernd, weil das vereinte Deutschland mit dem Fall der Mauer eine Athleten-Generationen aus dem Osten geerbt hat, aus der viele auf die unterschiedlichste Weise angekommen sind. Durch Anpassung und Verdrängung, aber auch durch Überzeugung und hoch motiviert, sich auch unter den Bedingungen des vereinten Deutschlands behaupten und neu einrichten und ausrichten zu wollen.

So wie ganz besonders Katarina Witt und Henry Maske als die beiden hervorragenden Nutznießer der Wende. Die zweimal olympisch gekrönte und in der DDR gehätschelte, mit dem Vaterländischen Orden ausgezeichnete Eiskunstlauf-Königin als erfolgreiche Vermarkterin ihres Glamours mit Bambi-Auszeichnung, Botschafterin Münchens für die Bewerbung der bayerischen Metropole um Winterspiele. Und der Box-Olympiasieger für die DDR, der sich nach der Vereinigung als Profi-Weltmeister und „Sir Henry“ zum Mehrfachmillionär durchschlug.

Aber es gibt auch ganz andere Geschichten, manchmal sogar durch den Abschied aus diesem neuen Deutschland auch aus Enttäuschung.

Davon erzählt das Leben der Magdeburgerin Antje Harvey (52). Es geht um Widerstand und Konsequenz. Vater Henner Misersky, bis 1985 Langlauftrainer der DDR, verhindert, das seine junge Tochter in das Doping-System der DDR integriert wird. Ihm selbst kostet das den Job. Antje wird aus der Kinder- und Jugendsportschule im thüringischen Oberhof entfernt und in der Vorwendezeit 1989 erst wieder gefragt, als ein starkes Frauen-Biathlon entwickelt werden soll. Das Talent blüht auf. Zu voller Entfaltung kommt es bei den ersten olympischen Vereinigungsspielen 1992 mit dem Gewinn der Goldmedaille über 15 Kilometer in Albertville. Ein Jahr später heiratet Antje den amerikanischen Biathleten Ian Harvey, macht 1995 Schluss mit dem Wettkampfsport und lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Heber City (Utah), seit 2002 als Mormonin. Viele ihrer Äußerungen lesen sich als grundsätzliche Kritik: Am überzüchteten Leistungssport auch im Westen, an Rücksichtslosigkeit. Ihren Platz in der deutschen Hall of Fame, zusammen mit ihrem Vater, hat sie sich wohl verdient.

Zu denen, die den Fall der Berliner Mauer aus nächster Nähe erlebt haben, zählt Professor Dr. Dr. Karin Büttner-Janz (67). Sie hätte die dramatischen Ereignisse an der Mauer sogar aus dem Fenster der Charité verfolgen können, dem berühmten Krankenhaus in Berlin Mitte, an dem sie im revolutionären Jahr als Oberärztin der Orthopädie wirkt. Als Karin Janz wird sie mit 17 internationalen Medaillen, darunter zwei Goldene bei den Olympischen Spielen 1972 in München, zur erfolgreichsten deutschen Turnerin. Zum Vaterländischen Verdienstorden der DDR gesellt sich die Vereinnahmung auch durch die Sowjetunion, die sie mit dem „Verdienten Meister der UdSSR“ auszeichnet. Mit Doping, sagt sie in einem Interview, sei sie „glücklicher Weise“ nicht konfrontiert worden. Dafür hat die Wissenschaftlerin und spätere Klinikchefin in Berlin als Erfinderin der weltweit ersten Prothese für den Komplettersatz der Bandscheibe segensreich gewirkt.

Die Brandenburgerin Birgit Fischer (57) ist auf andere Weise außerordentlich und einmalig. Zwischen den Olympischen Spielen in Moskau 1980 und Athen 2004 sammelt die Kanutin acht Goldmedaillen, und zwar für „Niemanden, nur für mich. Es geht immer nur um mich“. Als eine Künstlerin der Anpassung wechselt Birgit Fischer bei der Wende als Berufsoffizierin der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR mit dem Dienstgrad Major in das Fach einer Diplomsportlehrerin, Tourismus-Managerin, Unternehmerin. FDP-nah verpasst sie knapp einen Sitz im Europäischen Parlament. Den Job als Fahnenträgerin der deutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney nimmt sie sehr gern an, ebenfalls die vielen Verdienstorden und Auszeichnungen in Ost und West. Irgendwie ist ihr erfolgreiches Leben in zwei unterschiedlichsten Systemen vor allem auch Marketing, Selbstmarketing.

Das kann man von Hans-Georg Aschenbach (68), der sein aufregendes Leben 2012 unter dem Titel „Euer Held. Euer Verräter“ publiziert, auch sagen, nur unter ganz anderen Umständen. Seine sportlichen Meriten holt sich der Thüringer als hervorragender Skispringer seiner Zeit, 1976 bringt es ihm in Innsbruck eine olympische Goldmedaille ein. Dem Sportlehrer-Diplom fügt er eine Militärarzt-Ausbildung an. Als  Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee wird er Chefarzt der Elitespringer im thüringischen Wintersportzentrum Oberhof. Im August 1988 nutzt Aschenbach ein internationales Mattenspringen in Hinterzarten zur Flucht und macht sich anschließend zum öffentlichen Ankläger gegen das Zwangsdoping im Leistungssport der DDR. Kurz vor dem Fall der Mauer darf seine Familie durch Vermittlung der UNO ausreisen. Seit 1993 arbeitet Aschenbach als Arzt in Freiburg.

Zahlreiche Elitesportler haben nach der Wende den Wechsel von Ost nach West vollzogen, wie Kristin Otto aus Leipzig, die mit ihren sechs Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul zur erfolgreichsten Schwimmerin weltweit aufstieg. Unterlagen bezeugen, dass Otto Teil des Dopingsystems der DDR gewesen sein muss. Sie bestreitet wissentliches Doping und wird damit zu einem Paradebeispiel für ein Dilemma: Einerseits ein dokumentierter Beweis, andererseits eine behauptete persönliche Unkenntnis. Jedenfalls hat sich die Stiftung Deutsche Sporthilfe bisher nicht getraut, Kristin Otto in ihre Hall of Fame aufzunehmen. Ihren Job als  Redakteurin und Reporterin beim ZDF durfte sie behalten. Kristin Otto gehört zu jener Kategorie  herausragender Athleten, die beim Mauerfall ihre Karriere bereits abgeschlossen hatten, wie der viermalige Schwimm-Olympiasieger Roland Matthes aus Erfurt. Er hat sich nach der Wende als Orthopäde in Marktheidenfeld bei Würzburg niedergelassen.

Mit der Kanutin Birgit Fischer gehören Heike Drechsler, Jochen Schümann, Ralf Schumann und Jens Weißflog zu jenen Athleten, die ihre herausragenden Erfolge in der DDR im vereinten Deutschland fortzusetzen vermochten.

Die Geraerin Drechsler hatte neben ihrer olympischen Goldmedaille im Weitsprung 1988 in Seoul schon diverse Titel bei Europa- und Weltmeisterschaften gewonnen, auch im Sprint, bevor ihr bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona und 2000 in Sydney auch im Team Deutschland goldene Sprünge gelangen.

Der Berliner Jochen Schümann ersegelte sich 1976, 1988 und 1996 drei Goldmedaillen, was ihm den Titel „Weltsegler des Jahres“ einbrachte. 2003 gewann der zwanzig Jahre zuvor von der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig zum Diplom-Sportlehrer ausgebildete Schümann als Sportdirektor des Schweizer Teams Alinghi den Amerika`s-Cup, die Krone des Profi-Segeln.

Jens Weißflog, der kleine, große Überflieger aus dem Fichtelgebirge, gewann 1984 und 1994 drei olympische Goldmedaillen und beendete 1996 seine Skisprungkarriere mit dem vierten Sieg bei der Vier-Schanzen-Tournee.

Ralf Schumann aus Meißen erzielte mit der Luftpistole dreimal Gold und zweimal Silber. Der gläubige Christ bezeichnete seinen letzten Olympiasieg 2004 in Athen „als Beweis, dass es Gott gibt“. Der 57-Jährige lebt als Trainer in Süddeutschland.

Die dritte Kategorie der vom vereinten Deutschland geerbter Athleten besteht aus Sportlern, deren Grundausbildung in der DDR erfolgte und erstmals 1992 zu olympischer Blüte kam.

Die Berlinerin Claudia Pechstein (47), kampferprobte Evergreen des Eisschnelllaufens noch heute als einzige unter ehemaligen DDR-Athletin aktiv im Hochleistungssport, sammelte bis 2006 in Turin fünf olympischen Goldmedaillen. Auf jeweils vier Olympiasiege brachten es seit den Lillehammer-Spielen die Biathleten Rico Groß und Sven Fischer, der Bobpilot André Lange und die Ruderin Kathrin Boron. Die Kufenflitzerin Gunda Niemann fügte ihrem ersten Olympiasieg 1992 noch zwei weitere hinzu. Mit den Jahren nahm der Anteil ostdeutscher Athleten am internationalen Erfolg stark ab. Man kann es eine Normalität nennen oder auch eine Angleichung an ein Sportsystems, das bei all seinen Mängeln und unausgeschöpften Möglichkeiten in beträchtlichem Abstand lebt zu der Verirrung, durch sportliche Erfolge gesellschaftliche Überlegenheit demonstrieren zu wollen.

In jedem Fall gehört Ines Greipel zum wichtigsten Erbe, den der vereinte deutsche Sport aus seiner tragisch geteilten, Problem belasteten Vergangenheit gewonnen hat. Als Ines Schmidt gehörte sie Anfang der 80er Jahre der Leichtathletik-Nationalmannschaft der DDR an. Sie war Mitglied jenes Jenaer Staffel-Quartetts, das 1984 mit 42,20 Sekunden einen noch heute bestehenden Weltrekord für eine Vereins-Sprintstaffel aufgestellt hat. Ihren Namen hat sie, die Schriftstellerin und Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin, aus der Rekordliste tilgen lassen. Dort steht für sie nun nur noch ein Sternchen.

Von 2013 bis Ende 2018 war Ines Geipel Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe. Als wortgewaltige, unerbittliche Anklägerin eines totalitären Systems mit tausendfachem Zwangsdoping hat sie erfolgreich und manchmal auch über die Maßen um Entschädigung gekämpft, verbunden mit Beratung. Das macht sie, die man eine Mutter Courage der besonderen Art nennen könnte, so einzigartig im Heer der geerbten DDR-Sportler.

In gewisser Weise ist Gustav-Adolf Schur (88), im Osten geliebt und verehrt als „Täve“, ein Antipode. Der Straßenradfahrer Schur aus Bederitz bei Magdeburg wurde zweimal Amateur-Welt-meister und Sieger der „Internationalen Friedensfahrt“, damals einer Tour des France des Ostens. In den gesamtdeutschen Olympiamannschaften 1956 und 1960 gewann er in Teamwettbewerben Silber und Bronze. Seine Fairness und sein bescheidenes Auftreten machten ihn zum populärsten Sportler Ostdeutschlands. Neunmal wurde er in der DDR zum Sportler des Jahres gewählt. Schriftsteller Uwe Johnson gab ihm 1961 ein verschlungene Rolle im „Das dritte Buch über Achim“. Die Machthaber nutzten seine Popularität, indem sie ihm bis zur Wende einen Sitz in der Volkskammer verschafften.

Von 1998 bis 2002 war Schur gewähltes Mitglied des Bundestages für die SED-Nachfolger Partei PDS, die sich zur Partei der Linken wandelte. Als solcher stimmte Schur gegen das Dopingopfer-Hilfsgesetz, was ihm von Ines Geipel den Vorwurf einbrachte, als „notorischer Geschichtsverleugner das missbräuchliche Tun im DDR-Sport banalisiert und die Opfer kalt diskreditiert“ zu haben.

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe verteidigte Schur als einen Kandidaten für ihre Hall of Fame mit der Aussage, es existierten „nach heutigem Kenntnisstand keine personifizierten, justiziablen Belege für Verfehlungen, die einer Kandidatur widersprochen hätten“. Vor einer Aufnahme in die Ruhmeshalle schreckte sie zurück – eine ganz besondere, verschlungene Geschichte des deutschen Sports 30 Jahre nach dem Fall der Mauer.

(Quelle: DOSB/Günter Deister)


  • Kanutin Birgit Fischer war sowohl für die DDR als auch für das wiedervereinigte Deutschland sportlich erfolgreich. Foto: picture-alliance
    Birgit Fischer sitz mit einem Paddel in den Händen im Kanu. Foto: picture-alliance

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