Die Wiederentdeckung der Vereine

Es liegt am organisierten Sport, seine Potenziale und Aktivität für mehr Demokratie zu verdeutlichen. Dafür sind 90.000 Vereine bestens geeignet, sagt Autor Hans-Jürgen Schulke.

Im Sportverein wird nicht nach Herkunft, Stand, Beruf, Bildung, Religion, Alter und Einkommen unterschieden. Foto: LSB NRW
Im Sportverein wird nicht nach Herkunft, Stand, Beruf, Bildung, Religion, Alter und Einkommen unterschieden. Foto: LSB NRW

Die Integrationsbeauftragte des Bundes, Annette Widmann-Mauz, rief nach dem Anschlag in Hanau zu stärkerem Zusammenhalt in der Gesellschaft auf. „Es braucht ein Klima in unserem Land, das zu einem gemeinsamen „Wir“ kommt und nicht Menschen gegeneinanderstellt“, sagte die CDU-Politikerin im ARD-Morgenmagazin“. Man dürfe im Alltag nicht hinnehmen, dass Menschen herabgewürdigt würden, nur weil sie anderen Glaubens wären oder aus einem anderen Land stammten. „Dagegen müssen wir aufstehen, im ganz persönlichen Umfeld am Stammtisch, Arbeitsplatz, in der Schule.“ Die Sportvereine fehlten in der Aufzählung persönlicher Umfelder.

Das war auch eine Woche vorher so, als die renommierte „Frankfurter Rundschau“ in einem mehrseitigen Bericht untersuchte, wie weit in heimatlichen Landen – Hort für mehr als 600.000 Vereine – diese urdeutsche Erfindung von populistischen Parteien, Personen und Pamphleten unterwandert würde. Heimat- und Gesangsvereine, solche für Brauchtum und Volksfeste gerieten in den journalistischen Fokus, manch subtile Unterwanderung wurde entdeckt. Sportvereine wurden auch hier nicht nominiert.

Sind die mehr als 90 000 Turn- und Sportvereine in aktiver Resistenz gegen die (un)heimlichen Umarmungen, sind sie strukturell ungeeignet für politische Vereinnahmungen, sind sie nur noch moderne Dienstleister für individuelle Bewegungsübungen, haben sie – 75 Jahre nach Ende eines furchtbaren Krieges und der nationalsozialistischen Führerschaft im Sport – aus der Geschichte gelernt? Vermutlich von allem etwas. Aber ist das angesichts der politischen Verwerfungen, die seit den Wahlen in Thüringen überall zu verspüren sind, genug? Hat die Tatsache, dass ausgrenzende und abwertende Botschaften aus den Netzen in die Parlamente gewandert sind, dass hinter Einzeltätern vibrierende Netzwerke stehen, etwas mit ihnen zu tun? Ist mehr Wachsamkeit und Aktivität gefragt? Denn Sportvereine sind ja nicht aus dem Blick von Populisten und politischen Rattenfängern - zu attraktiv ist der Stellenwert der Vereine im dörflichen oder städtischen Umfeld, zu häufig waren in der Vergangenheit Unterwanderungsversuche zu vermelden.

Diese Fragen wurden lange nicht explizit an Vereine gestellt. Als das Erstarken antidemokrati­scher Kräfte nicht nur im Osten Deutschlands klarer wurde, hat man aufklärende Initiativen gestartet und finanziert. Der Erfolg hielt sich zählbar in Grenzen, mitunter wurde mehr untereinander selbstreferentiell kommuniziert. Der persönliche Alltag der Anderen blieb vor der Tür. Politischer Bildung drohte Aktionismus, politisches Sein geriet zum Design auf Shirts und Buttons. Um Haltungen zu erreichen und um sie zu ringen, muss man tiefer in die persönlichen Alltage eindringen. Das heißt auch und gerade in die Sportvereine. Dort treffen sich Menschen Auge in Auge, zeigen Emotionen und entblößte Körper, schwitzen und eifern um die Wette, beraten bei Bier und Brezel nur scheinbar Belangloses. Sportlicher Alltag löst Zungen und eröffnet Zuwendung.

Das alles findet in einem Rahmen statt, der über 200 Jahre gewachsen ist und selten politisch bewusst wahrgenommener, umso wichtiger, weil selbstverständlicher Teil unserer Alltagskultur geworden ist. Die eine Seite des Rahmens ist die Turnbewegung. Als 1811 der Turnvater Jahn inmitten einer streng hierarchischen Ordnung, bestimmt durch Adel und Militär, in Berlin einen für alle offenen Turnplatz baute, auf dem jeder mit seiner Stimme gleichberechtigt einen fröhlichen Übungskanon mitgestalten sollte und der eine dem anderen Hilfestellung gab, war ein neues Konzept für spielerisches Bewegen gefunden worden. Spiel und Solidarität wuchsen zusammen.

Die andere Seite des Rahmens bildet das angelsächsische Konzept des Sports. Hier entwickelten sich Körperübungen in Konkurrenz, verstärkt durch das Wetten auf den Sieger. Der durch die Fairnessidee geregelte Wettkampfsport trat seine Erfolgsgeschichte an. Er überschritt die lokale Bühne, organisierte nationale und internationale Meisterschaften. Heute sind Olympische Spiele das größte Friedensfest der Weltgemeinschaft, bei dem sich Personen und Nationen statt mit Waffen mit Respekt begegnen.

Die organisatorische Basis beider Rahmenseiten ist der von Jahn geförderte Verein. Unbeschadet von Herkunft, Stand, Beruf, Bildung, Religion, Alter und Einkommen gestalten Menschen ihren bewegenden Alltag selbst. Gleichberechtigt, solidarisch, freiwillig, ideenreich – die DNA unseres demokratischen Staates. Hier finden sich die Wurzeln, die gegen Ausgrenzung und Hass immun machen können. Halten wir diese Wurzeln am Leben, pflegen wir sie? Seit 20 Jahren verschwinden sie hinter Formeln wie Professionalität, Dienstleistungsorientierung, neu Digitalisierung. Das ist Realität und wird Zukunft bleiben. Es gilt nicht, zum Turnplatz im Grünen zurückzukehren, Beschlüsse handschriftlich festzuhalten, Beiträge in die Hand zu zahlen. Aber darüber nachzudenken, wie für die heutige Zeit die demokratischen Wurzeln der Vereine erinnert und erneuert werden, moderne Technologien genutzt werden, um Halt und Haltung von unten zu erschließen.

Die Veränderung des politischen Klimas ist im Sport spürbar, er ist kein friedliches Biotop. Hopp und Hass, Rassismus und Randale, Sexismus und Schwulenfeindlichkeit verbal, körperlich Gewalt gegen Supporter und Schiedsrichter. Das sind noch Ausnahmen, mitunter in Medien überspitzt. Die wertschätzende Kultur in den Vereinen trägt weiter. Die Beispiele, wo Vereine und Sportler aktiv gegen Auswüchse und für die Stärkung einer demokratischen Alltagskultur eintreten, wird immer öfter dokumentiert. Dennoch wird die Spielfläche rissiger, kann sie sich irgendwann als Nährboden für Populismus öffnen oder ihn verstärken. Darin sind schon einmal Vereine versunken.

Vereinsleben ist nicht gleich große Politik, sondern auch immer Privatheit. Das haben radikale Kräfte entdeckt, die ihre Anhänger auffordern, dort aktiv zu werden, Ämter und Meinungen zu besetzen, gegebenenfalls selbst Vereine zu gründen. Und auch das ist Realität: Der Todesschütze von Hanau war engagierter Tischtennisspieler, Sportschütze und Autor von kruden Spielkonzepten im Fußball. Niemand hat etwas von seinen Plänen gemerkt. Fehlt uns der Verein als Familie und Heimat?

Der in 200 Jahren gewachsene Vereinssport zeigt sich, unterstützt von seinen Verbänden, gegen Versuche der Vereinnahmungen bisher immun. Damit das so bleibt, ist Aufmerksamkeit, Haltung und die Besinnung auf die eigene Geschichte hilfreich. Das hat auch die Politik wiederentdeckt, die neben freundlichen Sonntagsreden und Jubiläumsadressen real die Fördermittel für den Vereinssport im Bund und mehreren Ländern erkennbar aufgestockt hat. Integrative Programme etwa der Sportjugend und im Fußball werden unterstützt, auch solche gegen sexualisierte Gewalt, die großzügige Förderung der Weltspiele für Menschen mit geistiger Behinderung ist starkes Signal für Toleranz und für alle zur demokratischen Mitgestaltung. Die gerade beschlossene Stiftung zur Stärkung des Ehrenamts kann bundesweit die Strukturen an der Basis stärken. Es liegt am organisierten Sport, seine Potenziale und Aktivität für mehr Demokratie zu verdeutlichen, den bundesweiten Prozess mitzugestalten. Immerhin bringt er dafür ein flächendeckendes und alltägliches, an jedem Ort aktives urdemokratisches Element mit ein. Das sind seine 90.000 Vereine. Sie haben es verdient, wiederentdeckt zu werden.

(Autor: Prof. Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Im Sportverein wird nicht nach Herkunft, Stand, Beruf, Bildung, Religion, Alter und Einkommen unterschieden. Foto: LSB NRW
    Männer und Frauen unterschiedlichen Alters und Hautfarbe klatschen sich in einer Sporthalle ab. Foto: LSB NRW

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