„Frau Dienstl ist die Beste!“

Die Grande Dame des deutschen Sports, Erika Dienstl, wird am 1. Februar 2020 90 Jahre alt.

Erika Dienstl 2018 während der Mitgliederversammlung des DOSB in Düsseldorf. Foto: picture-alliance
Erika Dienstl 2018 während der Mitgliederversammlung des DOSB in Düsseldorf. Foto: picture-alliance

Immer wenn Erika Dienstl sich bereit macht, vor die Haustür im heimatlichen Stolberg bei Aachen zu treten, grüßen die Säbelweltmeister von 2014. Nicolas Limbach, Max Hartung, Matyas Szabo und Benedikt Wagner schmücken mit Foto und Widmung die Wand des Hausflurs. Die erfolgreichen Fechter reihen sich ein in die Riege der Großen aus Weltsport und Politik, die hier, abgelichtet und gerahmt, der Seele des deutschen Fechtsports ihre Referenz erweisen. Am Samstag (1. Februar) feiert Erika Dienstl ihren 90. Geburtstag.

Viel mehr als nur Sport

Das Nebeneinander von Sport und Politik auf den erwähnten Erinnerungsfotos ist kein Zufall, sondern der rote Faden, der das Lebenswerk von Erika Dienstl durchzieht. Das Fechten speiste zwar als primäre Quelle die Begeisterung, ohne die eine erfolgreiche Laufbahn als Sportfunktionärin nicht denkbar ist. Was Erika Dienstl dann jedoch in vier Jahrzehnten daraus machte und wie sie es tat, war im Kern zutiefst politisch. Man oder frau nehme nur die Themenfelder und Schwerpunkte, die Dienstl in den Sport trug und die sie im Deutschen Fechter-Bund, im Deutschen Sportbund und im IOC vertrat, oder besser, durchsetzen half: Sport und Umwelt (DSB), Internationales, Integration ausländischer Mitbürger, Sport im Strafvollzug, Betreuung von Behinderten, Deutsch-Französische Jugendarbeit. Man addiere die Themen Gender und Emanzipation, denn Erika Dienstl bleibt für immer das Verdienst, als erste Frau den Chefsessel eines deutschen Sportverbandes erklommen zu haben. Die Themenliste könnte geeignet sein, das Grundgerüst eines aktuellen deutschen Parteiprogramms bauen zu helfen. Tatsächlich sind sie der langjährige Leistungsnachweis einer fröhlichen, ausdauernden und durchsetzungsfähigen Dame, die ihrer Zeit offensichtlich immer wieder einmal voraus war.

Ein Leben mit dem und für den Sport

Die ungewöhnliche Karriere begann am 1. Februar 1930, als Erika Dienstl als einzige Tochter des Prokuristen Heinrich May und dessen Ehefrau Maria in Aachen geboren wurde. In den Folgejahren durchlief sie die Volksschule und Gymnasium und absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Ihre berufliche Laufbahn führte sie bis zur Position der stellvertretenden Einkaufsleiterin eines Chemieunternehmens.

Das Fechten begeisterte Erika Dienstl ab 1952, seit 1963 weitete sich ihr Blickfeld auf die Sportpolitik. Die ersten Sporen wurden im Rheinischen Fechterbund verdient, im Deutschen Fechter-Bund lockte das Amt der Jugendwartin, sie wurde Vizepräsidentin und 1986 als erste Frau eines deutschen Sportverbandes überhaupt auch Präsidentin. Es lässt sich nicht oft genug erwähnen. Erst im Jahr 2000 gab Erika Dienstl das Präsidentenamt an Gordon Rapp als ihren Nachfolger ab.

Sportliche Höhepunkte ihrer Präsidentschaft bildeten vor allem die Olympischen Spiele 1988 in Seoul und die Weltmeisterschaften 1993 in Essen, sportpolitisches Highlight jener Zeit war auch die gelungene Vereinigung mit dem Deutschen Fecht-Verband (DFV) der ehemaligen DDR im Dezember 1990. In der Gesamtschau wählten die Delegierten des Deutschen Fechter-Bundes Erika Dienstl zur Ehrenpräsidentin mit Sitz und Stimme im Hauptausschuss.

Höchste Ehrungen, rund um den Globus

Für ihre Verdienste um den deutschen und internationalen Sport wurde Erika Dienstl mit höchsten Ehren ausgezeichnet. 1977 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht, 1984 folgte das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 1996 das Große Bundesverdienstkreuz. Sie erhielt den Ehrenbrief des Deutschen Turnerbundes und 1997 den Olympischen Orden des IOC, die höchste internationale Sportauszeichnung. Vor zehn Jahren zeichnete sie der Europäische Fechtverband mit seinem Ehrensäbel aus.

Nicht nur im Sport hierzulande, so DOSB-Präsident Alfons Hörmann, habe Erika Dienstl ihre Spuren hinterlassen. Sie war Vorsitzende der Deutschen Sportjugend, bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe, seit 30 Jahren als Vorsitzende des Empfehlungsausschusses für die Sportplakette des Bundespräsidenten, als Vizepräsidentin des Deutschen Sportbundes, als Präsidentin des Deutschen Fechterbundes und auch als „engagierte Außenministerin des deutschen Sports“, wie es zu seinen Lebzeiten Manfred von Richthofen, der DOSB-Ehrenpräsident, formulierte, beispielsweise im Kuratorium des Deutsch-Französischen Jugendwerks oder als Mitglied der Kommission Sport und Umwelt des Internationalen Olympischen Komitees.

Das charmanteste Prädikat jedoch borgt sich der DOSB-Präsident gern und aus Überzeugung beim früheren IOC-Präsidenten Jacques Rogge: „Eine große Dame in der Welt des Sports“ sei Dienstl, und sein Nachfolger Thomas Bach ergänzt aus olympischer Perspektive: „Ihre Leistungen und Verdienste sind faszinierend und dauernd – wie echtes Gold.“

Erika Dienstl charakterisiert auch, wie sie selbst auf ihr Wirken zurückblickt, es überwiegt Dankbarkeit. Für sie sei es eine menschliche Bereicherung gewesen, das Amt inne gehabt zu haben. Besonders die Zuneigung der Fechter habe ihr sehr viel bedeutet. Sie habe vieles gelernt und natürlich auch einige Blessuren abbekommen, aber das müsse man wegstecken. Und erst, wenn man dies weiß, erschließen sich Ehrenplatz und Widmung des Fotos der jungen Fechter im Stolberger Hausflur vollständig.

(Quelle: DOSB)


  • Erika Dienstl 2018 während der Mitgliederversammlung des DOSB in Düsseldorf. Foto: picture-alliance
    Erika Dienstl 2018 während der Mitgliederversammlung des DOSB in Düsseldorf. Foto: picture-alliance

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