Frauen im Sport - nach 25 Jahren Abschied vom Lila-Latzhosen-Laden

 

Auf zu neuen Ufern: Christa Thiel und Ursula Voigt

 

"Neue Wege in der Sportpolitik" will der Bundesausschuss Frauen im Deutschen Sportbund

vom 4. bis 6. Oktober bei seiner Vollversammlung in Potsdam einschlagen. Aber nicht deshalb ist ein Personalwechsel angesagt: Nach vier erfolgreichen Jahren, vor allem auf internationaler Ebene, kandidiert die bisherige Vorsitzende Dr. Christa Thiel nicht mehr für den Ausschuss-Vorsitz. Die Wiesbadener Rechtsanwältin, deren Sport-Karriere mit dem Präsidenten-Amt im Deutschen Schwimmverband und Aufgaben im internationalen Frauenbereich und in der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) bisher steil nach oben führt, strebt nun einen anderen Stuhl im DSB-Präsidium an: Sie möchte gern für die scheidende Vizepräsidentin Erika Dienstl als eine Stellvertreterin Manfred von Richthofens am Präsidiumstisch Platz nehmen. Christa Thiels Verzicht bedauern viele, "weil sie auch für engagierte und powervolle Frauenarbeit stand". Andere fühlen sich im Stich gelassen.

Rechtzeitig hatte die Hessin ihren Verzicht den Frauen mitgeteilt, und nun haben zwei Kandidatinnen ihren Anspruch auf die Nachfolge angekündigt: Die ehemalige Ministerin für Gleichstellung von Frauen und Männern im Kabinett von Johannes Rau in Nordrhein-Westfalen, Ilse Ridder-Melchers, die heute im Deutschen Turner-Bund als Vizepräsidentin wirkt, und die Bremer Bankkauffrau und Landesausschussvorsitzende für Frauen im Sport, Ingeborg Sieling.

Während es zwischen beiden Anwärterinnen sicher eine Reihe von inhaltlichen Unterschieden gibt, so sind sie sich doch in einem einig: Neue Wege für die Frauen im Sport sind nur dann zu erreichen, wenn man ein ordentliches Netzwerk als Kommunikations- und Kooperationsmittel zur Verfügung hat. Und wenn die Strategie des Gender Mainstreaming, nachdem bei allen Vorhaben und Maßnahmen die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von Beginn an in die Entscheidungsfindung einzubeziehen sind, auch im Sport als Grundlage für eine chancengleiche und erfolgreiche Arbeit umgesetzt wird. Über diese neue Weichenstellung soll in Potsdam abgestimmt werden.

Eine Befürworterin dieser Strategie wird der neugewählten Vorsitzenden dann allerdings nicht mehr zur Seite stehen: Nach 25 Jahren geht Ursula Voigt, Abteilungsleiterin Frauen im Sport, in den Ruhestand. "Mit ihrem Abschied geht eine Ära historischer Frauenpolitik im deutschen Sport zu Ende, die sie maßgeblich mitgeprägt hat," sagt Christa Thiel über ihre hauptamtliche Mitarbeiterin, die ihren Bereich fast im Alleingang und nur mit Unterstützung von Sekretärin Ingrid Neuhaus über ein Vierteljahrhundert bewältigen musste.

Im Haus des deutschen Sports in Frankfurt am Main hatte Ursula Voigt nie einen leichten Stand. Frauenpolitik im Sport nahmen die Herrenrunden selten ernst. Süffisant wurde über die Frauenabteilung als Lila-Latzhosen-Laden, Emanzen-Etage oder Weiber-WG gesprochen. Vielleicht liegt es an ihrem Geburtsort Eisenach, dass Ursula Voigt sich eisern und beharrlich diesen und anderen Vorurteilen widersetzte, versuchte, durch ihre Arbeit zu überzeugen.

Ulrike Kraus, eine langjährige Wegbegleiterin im Frauenausschuss, wundert sich wie manch andere, dass "Ursel das so lange ausgehalten hat". Sie bewundere nicht nur die Zähigkeit Ursula Voigts. "Sie hat es verstanden, mit ihrer Kreativität und ihrem Engagement zu leiten, zu motivieren und den Blick auch für fraueneigene Themen zu schärfen." Einer, den die Frauen mit Anträgen zu Quotenregelungen oder ihrem Anspruch an Führungsämter nervten, war der ehemalige DSB-Generalsekretär Karl-Heinz Gieseler. Dennoch empfand der mächtige General und Taktiker am Ende doch immer Sympathie für die "Mitarbeiterin Voigt" die die Strategie und den Willen, an der Macht teilzuhaben, quasi qua Amt verkörperte.

Ursula Voigt hatte all die Jahre Hardlinerinnen und Gemäßigte in Sachen Frauenpolitik zusammengehalten. Dem Frauenausschuss wurde und wird nicht nur von Funktionären, sondern auch von Frauen vorgehalten, sich zu viel mit Organisation und Strategien anstatt mit Inhalten zu beschäftigen. "Ohne Frauen an der richtigen Stelle kommen wir auch inhaltlich nicht weiter", erkannte Ursula Voigt schon nach einem Jahr ihrer Arbeit im organisierten Sport.

Das Durchhaltevermögen - manche Männer nennen es Sturheit - bei ihren "Reformvorhaben" zeigt seit Jahren Wirkung: Frauen stürmen in die 88.000 Vereine der Republik - im letzten Jahr wurden 106.000 neue weibliche Mitglieder begrüßt, aber nur 17.000 Männer. Mittlerweile sind 10,5 Millionen Mädchen und Frauen im DSB organisiert und sitzen immer häufiger in Führungspositionen. Ein Erfolg, der auch Ursula Voigt zu verdanken ist. So kann sie sich in ihrem französischen Domizil beruhigt neuen Aufgaben zuwenden: Der Gartenarbeit oder dem Kunsthandwerk. Und wenn es ihre Zeit zulässt, dann erinnert sie sich vielleicht ab und zu gerne an die Sturm- und Drangzeiten der sportlichen Mütter und später der Töchter. Und an die lila Latzhosen, die sie nie - schon gar nicht mental - getragen hat. Au revoir et bonne chance!

Bianka Schreiber-Rietig



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