"Grundschullehrer brauchen bessere Aus- und Fortbildung in Richtung Sport"

Fachfremde Lehrkräfte erkennt Johanna Wanka, Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, im Interview mit der DSB PRESSE als Defizit im Sportunterricht an den Grundschulen.

Johanna Wanka, Vorsitzende der Kultusministerkonferenz
Johanna Wanka, Vorsitzende der Kultusministerkonferenz

DSB-Presse: Die Präsentation der DSB-SPRINT-Studie zur spezifischen Situation des Schulsports an deutschen Schulen liegt jetzt einige Monate zurück. Wie war aus Ihrer Einschätzung die deutschland-weite Resonanz auf die Studie?

 

Die Resonanz der Medien auf die im Dezember 2004 und im Juli 2005 veröffentlichten Ergebnisse der Schulsportstudie hat gezeigt, dass dem Schulsport in Deutschland ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. In vielen Zeitungen wurde über die Studie berichtet. Leider beschränkte sich die Berichterstattung jedoch fast ausschließlich auf die negativen Ergebnisse. Dagegen fanden positive Befunde wie die gute Bewertung des Sportunterrichts, die hohe außerunterrichtliche Verankerung des Sports an den Schulen oder die Akzeptanz der Sportlehrer kaum Beachtung.

Insofern war es gut, dass ich unter anderem am 21. August im „SPORTGESPRÄCH” des Deutschlandfunks die Gelegenheit hatte, die aus Sicht der Kultusministerkonferenz durchaus zufriedenstellenden Ergebnisse differenziert zu kommentieren.

 

 

 

DSB-Presse: Wie ist das weitere Vorgehen der KMK im Umgang mit der Studie?

 

Gleich nach Veröffentlichung der Studie habe ich in einem Schreiben an die für Schule zuständigen Mitglieder der Kultusministerkonferenz auf den Stellenwert der Studie hingewiesen. Dabei habe ich deutlich gemacht, dass ich als Präsidentin der KMK dankbar wäre, wenn die Ergebnisse der Studie bei den Planungen der Länder zum Sportunterricht berücksichtigt würden. Über den Umgang mit den Ergebnissen der Studie hat in unserem föderalen Schulsystem natürlich jedes Land selbst zu entscheiden.

In der Kommission „Sport“ der Kultusministerkonferenz, der die Schulsportreferenten aller Länder angehören, findet die fachliche Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Studie statt. In der von KMK und Deutschem Sportbund verabredeten gemeinsamen Fachtagung am 12./13. Dezember dieses Jahres in Karlsruhe sollen realistische Vorschläge zur weiteren Verbesserung des Schulsports aufgezeigt werden.

 

 

 

DSB-Presse: In dem Bericht wird von den Wissenschaftlern unter Federführung von Prof. Brettschneider auch auf einige Schwachpunkte des Schulsports in unserem Bildungssystem hingewiesen. Wie gehen die Kultusminister mit diesen Anmerkungen um?

 

Mit der Veröffentlichung der Studie wird eine differenzierte Betrachtung und Bewertung des Schulsports in Deutschland ermöglicht. Für unsere Fachleute in der Kommission „Sport“ waren die meisten Ergebnisse der Studie allerdings nicht überraschend. In den „Perspektiven des Schulsports vor dem Hintergrund der allgemeinen Schulentwicklung“, die im Herbst 2004 beschlossen wurden, wurden bereits vordringliche Arbeitsaufgaben für die Kultusministerkonferenz formuliert.

Gern hat die Kultusministerkonferenz zur Kenntnis genommen, dass nahezu alle Schulen „über den Sportunterricht hinaus sportbezogene Maßnahmen und Veranstaltungen“ anbieten und dass sich die programmatischen Grundlagen des Schulsports an der aktuellen fachdidaktischen Diskussion orientieren. Der gegenüber anderen Fächern oftmals erhöhte Ausfall des Sportunterrichts ist leider keine neue Erkenntnis. Zu den Gründen zählt nicht selten ein Mangel an Sportstätten in Schulnähe. Hier sind jedoch in erster Linie die kommunalen Schulträger in der Verantwortung.

 

Der Kritik am hohen Anteil so genannter „fachfremder“ Lehrkräfte vor allem in der Grundschule muss ich jedoch widersprechen. In den Ländern besteht ein ausreichendes Potenzial an fachlich ausgebildeten Sportlehrkräften. Allerdings unterrichten an Grundschulen wegen des Klassenlehrerprinzips aus pädagogischen Gründen oft auch Lehrkräfte ohne Sportfakultas das Fach Sport. Diese Tatsache muss durch verstärkte Lehreraus- und –fortbildungsmaßnahmen berücksichtigt werden. Denkbar wäre eine Zertifizierung solcher Fortbildungen, um erworbene Qualifikationen auch zu dokumentieren. Bis solche Rahmenbedingungen geändert sind und in den Schulen wirksam werden, bedarf es leider eines längeren Prozesses. Bis dahin sind die Schulleitungen gefordert, die verfügbaren Sportlehrkräfte so effizient wie möglich einzusetzen.

 

 

DSB-Presse: Unser Bildungssystem ist vor allem durch die Ergebnisse aus der PISA-Studie in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten. Droht der Sport im Kampf um Unterrichtsstunden nicht gegenüber Fächern wie Deutsch, Mathematik und Englisch ins Hintertreffen zu geraten?

 

In dem bereits erwähnten Brief an meine Kolleginnen und Kollegen in den Ländern habe ich darum gebeten, darauf zu achten, dass das Fach Sport vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen – nicht zuletzt der PISA-Diskussion - gegenüber den kognitiven Fächern nicht ins Hintertreffen gerät. Vielmehr müssten die Zusammenhänge zwischen körperlicher Fitness und kognitiven Fähigkeiten bewusst gemacht werden. So sei der Schulsport nicht trotz der PISA-Ergebnisse, sondern wegen der PISA-Ergebnisse zu stärken.

Leider haben jüngste Behauptungen über eine angeblich geplante Abschaffung des Sportunterrichts in der gymnasialen Oberstufe an diesem Vorsatz in der Öffentlichkeit Zweifel aufkommen lassen. Zutreffend ist, dass der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz eine Arbeitsgruppe beauftragt hat. Sie soll die Vereinbarung zur gymnasialen Oberstufe so überarbeiten, dass die Entwicklung in den Ländern berücksichtigt wird. In diesem Zusammenhang ist daran gedacht, den Ländern seitens der KMK mehr Gestaltungsspielräume zu ermöglichen. Dies darf aus meiner Sicht allerdings nicht einseitig auf Kosten des Sportunterrichts gehen. Eine Beratung über die Vorschläge dieser Arbeitsgruppe in den Gremien der KMK hat es bisher noch nicht gegeben

 

 

DSB-Presse: Der DSB und die Kultusministerkonferenz organisieren Anfang Dezember gemeinsam einen Kongress zum Thema Schulsport. Welche Erwartungen verbinden Sie mit dieser Veranstaltung?

 

Ich freue mich, dass das Land Baden-Württemberg zum zweiten Mal seine Bereitschaft erklärt hat, die zwischen KMK und DSB gemeinsam verabredete Fachtagung am 12. und 13. Dezember 2005 in Karlsruhe zu ermöglichen und maßgeblich zu unterstützen. An diesem Kongress sollen die Sportministerkonferenz und der Sportausschuss des Deutschen Bundestages beteiligt werden.

Damit wird das öffentliche Augenmerk nochmals auf den Schulsport gerichtet. Vier Arbeitsgruppen werden sich jeweils unter Leitung der KMK bzw. des DSB mit den Themenkomplexen der SPRINT-Studie auseinandersetzen und – so hoffe ich - realitätsbezogene Anregungen zu den als notwendig erkannten Verbesserungen des Schulsports geben. Dabei werden der Schulsport im engeren Sinne (Unterrichtsqualität, Curricula, Bildungsstandards) ebenso angesprochen wie die Qualifizierung und Professionalisierung des Personals, das für den Sportunterricht bzw. den außerunterrichtlichen Schulsport zuständig ist.

Der gemeinsamen Gestaltung des außerunterrichtlichen Schulsports durch Schule und Verein sowie den „Bewegungswelten“ der Kinder und Jugendlichen auch außerhalb der Schule sind ebenfalls Arbeitsgruppen gewidmet.

Noch bevor die Arbeitsgruppen beginnen - sozusagen als Auftakt der Veranstaltung - werden der Präsident des Deutschen Sportbundes, der Vorsitzende der Sportministerkonferenz und ich die gemeinsame Erklärung über „Die Bedeutung des Schulsports für lebenslanges Sporttreiben“ - im Jahr 2000 erstmals verabschiedet - erneut unterzeichnen. Sie wurde inzwischen um die Aspekte des Leistungssports und die Bedeutung des Sports im Rahmen ganztägiger Betreuung aktualisiert.


  • Johanna Wanka, Vorsitzende der Kultusministerkonferenz
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